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Atomausstieg : Nach uns die Kernschmelze

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Fässer mit Natururan, Caesium und Neptunium 237 im Atommüllendlager Asse II Bild: ddp

In der Krise wächst die Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Lobbyisten arbeiten energisch am Ausstieg aus dem Atomausstieg. Aber der neue Glaube an die Nuklearenergie ist naiv und gefährlich. Ein Plädoyer des Philosophen Robert Spaemann.

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          Die ökonomisch und politisch bedenkliche Abhängigkeit Europas von importiertem Öl zwingt dazu, die Ausschau nach Alternativen zu intensivieren, die nicht die Umwelt unzumutbar belasten. Wo das Ergebnis dieser Suche nicht befriedigt, da wird der Ausstieg aus der atomaren Energiegewinnung erneut in Frage gestellt. Bei der Abwägung des Für und Wider spielen jene Kriterien nach wie vor die entscheidende Rolle, die, vor Jahrzehnten heftig diskutiert, inzwischen zu unausgesprochenen, aber als solchen umso wirksameren Hintergrundüberzeugungen geworden sind. Ohne dass diese erneut bewusstgemacht werden, ist aber eine rationale Erörterung des Problems nicht möglich. Es prallen dann einfach unvermittelbare Glaubensüberzeugungen aufeinander.

          Bei Rechtsstreitigkeiten ebenso wie bei politischen Entscheidungen, aber auch bei den fundamentalen Optionen der Metaphysik spielt die Verteilung der Begründungspflichten eine entscheidende Rolle. Diese Pflichten sind nicht symmetrisch verteilt. Wer einen bestehenden Zustand zu ändern wünscht, trägt die Begründungspflicht. Er muss die Vernünftigkeit und Berechtigung des Status quo nicht jedes Mal ab ovo beweisen. Er darf sich damit begnügen, die Unzulässigkeit der gegnerischen Argumente darzutun. In unserem Fall trägt also derjenige die Begründungspflicht, der den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergiegewinnung rückgängig machen will. Die Hintergrundüberzeugungen, die seine Argumente tragen, stehen zur Debatte.

          10.000-Jahresfristen

          Welches sind diese? Da ist erstens die Vorstellung eines garantierten zivilisatorischen, technisch-wissenschaftlichen Fortschritts oder wenigstens der Erhaltung des heutigen zivilisatorischen Niveaus für die Dauer der Strahlung des Atommülls, also für die nächsten 10.000 Jahre. Man muss das voraussetzen, wenn man durch Lagerung des Atommülls No-go-Areas schaffen will, deren Respektierung auch noch nach Jahrtausenden erwartet werden kann, weil das diesbezügliche Know-how noch existiert und weil unsere Warnschilder noch existieren, noch gelesen und noch verstanden werden.

          Nichts berechtigt zu dieser Erwartung. Sie ist eher eine unwahrscheinliche Annahme. Unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation ist eine labile und gefährdete Ausnahmeerscheinung auf diesem Planeten. Es ist frivol, in sie für unsere späten Nachkommen Gefahrenquellen einzubauen, die über die ohnehin vorhandenen natürlichen hinausgehen und die von unseren Nachfahren möglicherweise nicht beherrschbar sein werden - es sei denn, es gelänge, diese Zonen für zehn Jahrtausende garantiert unzugänglich zu machen.

          Verfallsmöglichkeit des Wissens

          Dass dies mit Sicherheit gelingt, ist die zweite Hintergrundannahme. Die Endlagerfrage ist bisher ungelöst. Das Endlager muss nicht nur für Jahrtausende resistent sein gegen alle möglichen natürlichen Einwirkungen. Es muss auch für Menschen definitiv unzugänglich sein. Wir kennen in der Geschichte keine Zivilisation von vergleichbarer Dauer. Wir wissen nicht, ob eine Menschheit, die das Wissen um die Strahlung verloren hat, auch die Möglichkeit zu Bohrungen verloren haben wird, die die unsrigen übersteigen. Das ist nämlich durchaus denkbar. Wir wissen zum Beispiel nicht mehr, wie die Erbauer von Stonehenge ihre Steinblöcke aufeinandergetürmt haben. Wir können vieles, was sie nicht konnten, sie konnten etwas, was wir nicht können.

          Das aber heißt: Die Anforderungen an die Endlager müssen sehr hoch sein. Sie müssen resistent sein gegen jede Form von Überschwemmung und gegen alle denkbaren geologischen Veränderungen innerhalb des genannten Zeitraums. Immer noch leben wir aber in dieser Hinsicht vom Prinzip Hoffnung, jedoch so, dass wir das sogenannte Restrisiko nicht selbst tragen, sondern auf unsere ohnmächtigen Nachfahren abwälzen. Leider gehört diese Abwälzung zu den Kennzeichen unserer gegenwärtigen Zivilisation. Unsere Familien- und Steuerpolitik belastet skrupellos unsere Kinder und Enkel, und wenn wir an die verbrauchende Embryonenforschung denken, so müssen wir feststellen, dass diese Verlagerung inzwischen Formen des Kannibalismus annimmt.

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