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Atomausstieg : Nach uns die Kernschmelze

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Quasi-religiöse Hintergrundüberzeugungen

Mit der Erzeugung von Atomkraft zu beginnen, ehe die Endlagerfrage definitiv geklärt ist, war in jedem Fall ein unverantwortlicher Poker, selbst wenn sich tatsächlich am Ende eine Lösung finden wird. Die Sicherheit, dass sie sich finden wird, beruht auf einer weiteren, quasi religiösen Hintergrundüberzeugung, nämlich der, dass es immer eine prästabilierte Harmonie geben wird zwischen unseren Bedürfnissen und der Bereitschaft des Universums, diese zu erfüllen.

„Ich brauche das!“ ist seit den sechziger Jahren im Mund von Menschen, die sich weigern, erwachsen zu werden, so etwas wie eine letzte, nicht mehr weiter zu hinterfragende Begründung von Forderungen an ihre Mitwelt. Das Universum ist aber dadurch nicht zu beeindrucken. Und der Glaube, dass sein wird, wovon wir denken, dass es doch sein müsste, ist ein kindischer Glaube. Ob wir ein Endlager der beschriebenen Art finden werden, wissen wir erst, wenn wir es gefunden haben.

Diktat des Konsums

Man könnte einwenden, das gelte auch für die Erwartung, vollwertigen Ersatz für die aus der Atomspaltung resultierende Energie zu finden. Aber dabei würde man zwei Unterschiede übersehen. Erstens wissen wir schon, in welcher Richtung das Ziel der alternativen Bemühungen liegt, und die Erreichung dieses Zieles hängt weitgehend von unseren eigenen Bemühungen ab. Zweitens aber: Man betrachtet als unverzichtbare Bedingung für jede Alternative, dass der bisherige Energieverbrauch allenfalls durch bessere Ausnutzung der Ressourcen gesenkt wird, niemals aber durch Einschränkung unseres Konsums.

Dabei wissen wir inzwischen, dass unser Planet eine Anhebung des globalen Konsumniveaus auf das jetzige amerikanische und europäische nicht verkraften würde. Wenn wir die Erhaltung dieses Niveaus zur Bedingung machen, dann erscheint uns die Entdeckung der Kernenergie wiederum als Beweis für die prästabilierte Harmonie, nach welcher alles so gekommen ist, wie es kommen musste. Aber wo steht das geschrieben?

Kreative Selbsteinschränkung

Das Abenteuer der Existenz des Homo sapiens ist das Resultat von Zufällen in eins mit der Reaktion des Menschen auf diese Zufälle. Auch die Entdeckung der Kernenergie im zwanzigsten Jahrhundert ist ein solcher Zufall. Wenn es ihn nicht gegeben hätte oder wenn es ihn erst zweihundert Jahre später gegeben hätte, sähe die weitere Geschichte der Menschheit anders aus, als sie nun aussieht. Aber sie wäre deshalb nicht zu Ende. Angesichts des immensen Zuwachses an Macht des Menschen muss es in Zukunft Dinge geben, die wir uns aus guten Gründen verbieten. Und erst wenn wir dieses Verbot wie eine naturgegebene Unmöglichkeit und uns selbst als mit dem Rücken an der Wand stehend betrachten, werden die kreativen Kräfte mobilisiert, die erforderlich sind, um die weitere Entwicklung der Menschheit nicht auf den fortschreitenden Verbrauch von Zukunft zu gründen.

Wer die genannten Hintergrundüberzeugungen nicht preiszugeben bereit ist, der sollte sich doch beeindrucken lassen von der Gefahr, die Carl Friedrich von Weizsäcker veranlasste, sein früheres Plädoyer für Atomkraftwerke zurückzunehmen: die Gefahr des Terrorismus. Um sie auszuschließen, müsste unser Land sich in einen Polizeistaat verwandeln. Es ist einfach Hybris, die Welt so zu möblieren, dass sie nur dann bewohnbar bleibt, wenn alle Menschen gut sind. Dass sie es seien, ist die letzte Hintergrundüberzeugung. Sie ist ebenso hartnäckig wie erwiesenermaßen falsch.

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