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Atatürk und die Flüchtlinge : Der große Bevölkerungstausch

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Wäre das in einem deutschen Kulturtempel vorstellbar? Griechische Flüchtlinge aus Kleinasien, die nach dem griechisch-türkischen Krieg 1922 ihre Heimat verlassen mussten, haben die Logen des Athener Opernhauses zu Behelfsunterkünften umfunktioniert. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1924. Bild: Ullstein

Nach dem griechisch-türkischen Krieg strömten im Jahr 1923 Muslime aus anderen Ländern in die Republik Atatürks. Wie löste die Türkei ihr damaliges Flüchtlingsproblem? Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Im bitterkalten Spätherbst des Jahres 1923 kampierten in den griechischen Häfen an der Ägäis Zehntausende von Menschen, zum Teil unter freiem Himmel. Es waren ausnahmslos Muslime, sie sprachen in der Mehrzahl Türkisch, unter ihnen waren Bauern, Handwerker, Kaffeehausbesitzer, Lehrer, Religionsdiener. Sie hinterließen Häuser, Ackerland und Werkstätten in Mazedonien, Thessalien, im Epirus und auf den Inseln. Alle erwartete nach ihrer Verschiffung eine unbestimmte Zukunft in einem unbekannten Land - in der wenige Wochen zuvor ausgerufenen Republik Türkei.

          Vorausgegangen war die hastige Evakuierung der griechischen Invasionsarmee, nachdem sie von den Truppen Mustafa Kemals in mehreren Schlachten besiegt worden war. Nach dem Waffenstillstand von Mudanya am Marmara-Meer im Oktober 1922 hatten sich Türken und Griechen in der Schweiz an den Verhandlungstisch gesetzt. Am 30. Januar 1923 wurde in Lausanne das „Abkommen über den Austausch der griechischen und türkischen Bevölkerung“ beschlossen. Der erste Artikel war präziser, hier wird der 1. Mai als Beginn des „obligatorischen Austausches“ der griechisch-orthodoxen Bevölkerung der Türkei mit den muslimischen Bewohnern Griechenlands festgehalten.

          Kinder und Hilfsbedürftige zuerst

          Ausgenommen waren die entsprechenden Minderheiten in Westthrakien und Istanbul einschließlich der Inseln am Dardanellen-Eingang. Aber erst im Oktober 1923 traf sich eine aus Türken, Griechen und neutralen Vertretern zusammengesetzte Kommission, um über die Modalitäten eines Bevölkerungsaustauschs zu beraten. Im selben Monat erließ die türkische Nationalversammlung Gesetz Nr. 368 über die Aufgaben und Vollmachten eines Ressorts für Flüchtlingsfragen. Mustafa Necati, Abgeordneter von Izmir, hatte den Namen „Ministerium für Bevölkerungsaustausch, Wohnungsbau und Siedlungswesen“ vorgeschlagen. Er war dann der erste und einzige „Migrationsminister“, seine Aufgaben wurden schon nach fünf Monaten auf andere Ministerien verteilt.

          Die Menschen in Saloniki und an anderen Plätzen konnten und wollten die warme Jahreszeit nicht abwarten. So begann der Austausch von rund einer halben Million europäischer Muslime mit der etwa dreifachen Zahl kleinasiatischer und ostthrakischer Christen eher spontan, lange vor den für die Sommermonate 1924 geplanten Umsiedlungen. Für die Regierung in Ankara war das Transportproblem über Land und Meer vorrangig. Die Kapazitäten der von den Osmanen übernommenen staatlichen Reederei und der Handelsschifffahrt waren bescheiden. Aus einer internationalen Ausschreibung der Flüchtlingstransporte ging der Lloyd Triestino als billigster Anbieter hervor. Necati schlug jedoch das Angebot der Italiener als unvereinbar mit dem Nationalgefühl aus. Die türkischen Schiffseigner kamen nun zum Zug. Sie gewährten freie Passage für Kinder und Hilfsbedürftige und akzeptierten die Bezahlung in Drachmen.

          Die „Ausgetauschten“

          Die Zahl leerstehender Häuser war begrenzt. Die Menschen drängten sich in Vorhöfen von Moscheen, einschließlich der Hagia Sophia und überlasteten Spitälern. Antike Tempel und byzantinische Kirchen dienten als provisorische Unterkünfte. Der deutsche Journalist Hans Tröbst, als ehemaliger Offizier im Dienste der Kemalisten ein genauer Kenner des Landes, schrieb 1924: „Auch Pergamon ist voll von diesen Unglücklichen. Die griechischen Häuser, auf die sie rechneten, liegen in Trümmern. Türkischer Hass und griechische Verzweiflung haben sie in Flammen aufgehen lassen. Und so beschäftigen sich die Mohadschirs damit zu warten.“ Ohne Übertreibung könne man sagen: „Von hundert dieser Rückwanderer haben 25 Tee- und Kaffeestuben eröffnet, 25 Lokantas, kleine Speisehäuser, und der übrige Rest bevölkert diese Stätten des Zeitvertreibs und der Erholung und klagt dort trauernd der Vergangenheit nach.“

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