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Atatürk und die Flüchtlinge : Der große Bevölkerungstausch

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Gründervater: Mustafa Kemal (links), daneben Abdurrahim Tuncak, im Jahr 1917.

Tröbst verwendet das bis heute geläufige muhacir, wenn er über die von 1923 an „Ausgetauschten“ spricht. Das arabische Wort bedeutet zunächst in der Alltagssprache jene Muslime, Türken und andere Nationalitäten, die als Opfer von Flucht und Vertreibung einwanderten, dann aber auch wenig sinngemäß die durch Staatsverträge „Ausgetauschten“. Ursprünglich verstand man darunter die Genossen des Propheten Mohammed, die sich im Jahr 622 vor den missgünstigen Mekkanern durch die Flucht (Hidschra) nach Medina retteten, worüber aber nur in der Religionsgeschichte bewanderte Türken genauer Bescheid wissen. Die säkularen Sprachreformer schufen um 1933 für Aus- und Einwanderer aller Art das Retortenwort göçmen, das dann von den sechziger Jahren an auch die nach Europa gegangenen Arbeitsmigranten bezeichnete.

Die „letzten Osmanen“

Der Islamwissenschaftler Bernard Lewis hatte schon 1961 in seinem Buch „The Emergence of Modern Turkey“ (Die Entstehung der modernen Türkei) eher beiläufig die Meinung vertreten, dass die Ausgetauschten von 1923, Griechen wie Türken, nicht repatriiert wurden - also keine Rückwanderer in ihr Heimatland waren -, sondern vielmehr als altansässige Bewohner Kleinasiens beziehungsweise Südosteuropas ins Exil gingen. Im Übrigen kommt das Wort in der Lausanner Konvention, die an mehreren Stellen von émigrés spricht, gar nicht vor.

Aber erst in jüngerer Zeit schließen sich türkische Autoren und Autorinnen dieser Auffassung an. Sie betonen statt politischer Unterschiede die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen den kleinasiatischen Griechen und Türken. Zuletzt hat Emine Yeşim Bedlek die umgesiedelten Kleinasiaten (Mikrasiates) als „letzte Osmanen“ bezeichnet, deren „imperiale Identität“ sie von den über ein Jahrhundert nationalistisch geprägten Griechen unterscheide und deshalb ihre Integration erschwerte („Imagined Communities in Greece and Turkey. Trauma and Population Exchanges under Atatürk“, London, New York, Tauris 2016).

Bye, bye, Anatolien

Die „Ausgetauschten“ wurden nicht überall mit offenen Armen empfangen. Die von den Griechen hinterlassenen Immobilien waren zum Teil von früher eingetroffenen Migranten okkupiert. In der Nationalversammlung von Ankara polemisierte ein Abgeordneter gegen die Verdrängung von Einheimischen, deren Häuser im türkisch-griechischen Krieg verbrannt waren, durch die Neuankömmlinge. Zwischen dem Finanzministerium, das nicht auf die Mieteinnahmen dieser Immobilien verzichten wollte, und den Behörden des Innenministeriums, die sich um Wohnraum kümmern mussten, entstanden massive Kompetenzstreitigkeiten. Schon am 13. März 1924 wurde das Migrationsgesetz zugunsten der Ansässigen abgemildert.

Die Regierung kam in der Regel zwei Monate für den Unterhalt der ausgetauschten Familien auf, immer unter der Voraussetzung, dass sie sich an dem für sie vorgesehenen Ort niederließen. Wer dieser „Wohnsitzauflage“ nicht folgte, indem er es etwa vorzog, bei Verwandten in einer größeren Stadt unterzuschlüpfen, erhielt keine Unterstützung. Beim Besteigen der Schiffe wurden Familien auseinandergerissen. Es kam vor, dass einige Mitglieder in Samsun am Schwarzen Meer ausgebootet wurden, andere tausend Kilometer südwestlich in Izmir. Dasselbe galt im größeren Maßstab für in Griechenland unmittelbar benachbarte Dörfer, deren Menschen in Anatolien auf Nimmerwiedersehen getrennt wurden. Wenn auch viele in verlassenen Häusern unterkamen, wurde es oft für das notwendige Kleinvieh auf der gemeinschaftlichen Dorfweide zu eng.

Zweiundsiebzigeinhalb Nationalitäten

Die türkischen Behörden hatten einen Masterplan für die Umsiedler, der ihre möglichst gleichmäßige Verteilung in Anatolien und Ostthrakien vorsah. Der kurdisch geprägte Osten wurde so gut wie vollständig („aus Sicherheitsgründen“) ausgespart. Auch sollten die Flüchtlinge dort Fuß fassen, wo die „klimatischen“ Bedingungen ihrer alten Heimat ähnelten und ihre Fähigkeiten angewendet werden konnten. Nach der Vorstellung des Migrationsministers sollten beispielsweise Tabakpflanzer aus dem makedonischen Drama nach Samsun oder Bafra an die mittlere Schwarzmeerküste oder in den Ägäis-Raum ziehen, weil auch an diesen Orten Tabak angebaut wurde.

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