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Prinz Asserate im Gespräch : Afrikas Hoffnung verlässt den Kontinent

Welches sind die größten Probleme, die sich Afrika selbst macht?

Staatenbildung, gute Regierungsführung sowie ethnische und religiöse Auseinandersetzungen sind die Hauptprobleme Afrikas. Die nationale Einheit der existierenden Staaten ist in vielen Ländern bedroht. Das Verlangen nach Selbstbestimmung ist bei vielen ethnischen Gruppierungen unüberhörbar. Dabei hatte alles ganz anders angefangen, als im Jahre 1963 die afrikanischen Staaten in Addis Abeba zusammenkamen, um die Organisation der afrikanischen Einheit (OAU) zu gründen. Der panafrikanische Gedanke regierte damals über alles. Die Gründungsväter Afrikas haben sogar die kolonialen Grenzen übernommen, weil sie die Bildung von Nationalstaaten in Afrika als die große Priorität ansahen. Es hieß damals: „Nein, du bist nicht nur Kikuyu, sondern auch Kenianer. Du bist nicht nur ein Ibo, sondern auch Nigerianer.“ So wollten die Staatschefs dem damals grassierenden Tribalismus Paroli bieten. Tribalismus, also die Förderung der unterschiedlichen Stammeskulturen, war das Instrument der Kolonialherren, um die Afrikaner gegeneinander auszuspielen. Meiner Meinung nach ist der einzige Ausweg aus diesem ethnozentrischen Denken die Bildung demokratischer Föderalstaaten. Mit Ausnahme von Somalia sind schließlich alle afrikanischen Staaten Vielvölkerstaaten. Aber diese unterschiedlichen Gruppierungen müssen ihre Zusammengehörigkeit unter einem staatlichen Dach bejahen. Indien, ein Staat, der noch viel mehr Ethnien und Religionen innerhalb seiner Grenzen beherbergt als die meisten afrikanischen Länder, kann hier als gutes Beispiel dienen.

Welche Rolle spielen der Islam und der Islamismus?

Fortschreitender religiöser Fundamentalismus ist in der Tat die zweitgrößte Herausforderung, der wir in Afrika begegnen. Wie werden wir mit dem extremistischen Islam fertig? Was wird aus Nigeria und der terroristischen Boko Haram? Was aus Al Shabaab in Somalia? Die Lösung liegt bestimmt nicht darin, dass wir die Religiosität ausmerzen. Die Religion ist ein wesentlicher Bestandteil der afrikanischen Seele. Nicht nur der Islam, alle abrahamitischen Religionen, also auch das Christentum und der jüdische Glaube, spielen in Afrika eine wichtige Rolle. Hinzu kommen zahlreiche animistische Weltsichten – ich jedenfalls habe noch keinen Afrikaner kennengelernt, der an gar nichts glaubt. Man muss den Dialog zwischen den Religionen auf allen Ebenen anstoßen, vor allem den Dialog zwischen Islam und Christentum.

Wie soll das geschehen?

Wenn ein Jude, ein Muslim und ein Christ beten, beten sie doch im Grunde alle zum selben Gott, auch wenn sie ihm unterschiedliche Namen geben. Das sollte das Fundament für einen gemeinsamen Dialog sein. Was bisher oft noch fehlt, sind Toleranz und Respekt und die Anerkennung, dass es verschiedene Wege zu diesem gemeinsamen Gott geben kann, die meist kulturell bedingt sind. Solche Verschiedenheiten muss man dulden. Vielleicht ist Äthiopien das Land, von dem der Geist der Versöhnung vor allem unter den drei abrahamitischen Religionen ausgehen kann. In Äthiopien leben diese Religionen schon seit Jahrhunderten in friedlicher Koexistenz miteinander. Auch die Tatsache, dass Äthiopien eine dreitausendjährige mosaische Tradition besitzt, zudem eines der ältesten christlichen Länder der Welt ist, aber auch die älteste muslimische Gemeinde nach Mekka und Medina beherbergt, mag diesen Gedanken stärken.

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