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Art Spiegelmans „Maus“ : Dieser Comic gehört auf den Lehrplan

  • -Aktualisiert am

Aus Art Spiegelmans „Maus“ Bild: © Art Spiegelman und S. Fischer Verlag; Übersetzung Christine Brink und Josef Joffe

Vor mehr als dreißig Jahren erschien Art Spiegelmans Comic „Maus“ auf deutsch. In amerikanischen Schulen ist er Standard, in deutschen unbekannt. Obwohl er der heutigen Generation einen Zugang zur Schoa bieten könnte, den sie benötigt.

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          Ein einziges Mal hat Karsten Brill „Maus“ unterrichtet. Das war mit einer seiner letzten G9-Klassen, also vor dreizehn Jahren. Heute unterrichtet er in Bönen, Deutsch und Englisch. „Maus“ nahm er damals am Gymnasium Essen-Werden mit seiner damaligen zehnten Klasse durch, als es um die Schoa ging. Welche Texte wählt man aus, um jungen Menschen einen literarischen Zugang zu etwas zu schaffen, was sich literarisch schwer begreifen lässt? Worüber immer wieder gestritten wird, was darstellerisch möglich, was künstlerisch angemessen ist? Vor allem, wenn sich das Wissen darüber, was geschehen ist, für diese jungen Menschen gerade noch aufbaut?

          Wenn Brill Bücher für seine Klassen auswählt, erzählt er, dann sollten es solche sein, die Jugendliche erreichen, ihnen also verständlich sind; sie sollten ihnen die Möglichkeit geben, sich zu identifizieren; und zudem „gewisse Analysefähigkeiten fördern“. Die Deutschklasse, für die er den Comic als Lektüre wählte, wusste schon einiges über die Schoa: Die Schülerinnen und Schüler waren in Buchenwald gewesen, hatten mit Zeitzeugen gesprochen, vorsichtig fragten sie nach. „Langsam wurden ihnen die unmenschlichen Dimensionen bewusst.“ Und schließlich kamen die konkreten Nachfragen: Warum wurde das zugelassen? Wie kann so was sein? „Sie wollten die Dinge genau beschrieben wissen und erfahren, wie sie abgelaufen sind. Sie stießen an die Grenzen ihres Vorstellungsvermögens.“ Brill hoffte, dass ihnen „Maus“ das Unvorstellbare verständlicher machen könnte.

          Vor mehr als dreißig Jahren erschien Art Spiegelmans „Maus“ in deutscher Übersetzung. In amerikanischen Schulen gilt die berühmte Graphic Novel als Standardwerk, wenn es im Unterricht um die Schoa geht, in deutschen Klassenzimmern scheint sie aber gänzlich unbekannt. „Maus“ erzählt die autobiographische Geschichte von Art und die seiner Eltern Vladek und Anja Spiegelman, die im März 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, überlebten und über Schweden in die Vereinigten Staaten auswanderten. Spiegelman zeichnet sie und sich als anthropomorphe Mäuse (menschliche Körper, tierische Köpfe) und stellt das Zitat Hitlers voran, dass „die Juden zweifellos eine Rasse seien, nur keine menschliche“.

          Die Deutschen sind hier die jagenden Katzen. Mit diesem künstlerischen Griff macht er sich das Denken der NS-Zeit ironisch zu eigen und ist gleichzeitig skeptisch gegenüber sich selbst: Beispielsweise wenn Art damit hadert, wie er seine konvertierte Ehefrau Françoise denn nun darstellen solle: als Französin, also Frosch, oder als Jüdin, also Maus? „Maus“ wurde als transgressiv wahrgenommen, weil das Buch den massenhaften Tod abbildet und damit gar nicht erst versucht, der Frage, ob man das dürfe, gerecht zu werden. Gleichzeitig sind es immer Mäuse und nicht Menschen, die zu sehen sind – das schafft Abstand und verfremdet. So wird auf die eigene Symbolhaftigkeit verwiesen, auf das Unvermögen, Greuel und Brutalität darstellen zu können.

          Was die Kunstform Comic kann

          „Die Skepsis der Schülerinnen und Schüler gegenüber der Kunstform Comic löste sich schnell auf. Sie fingen an zu begreifen, auf was die gezeichneten Bilder und Spiegelmans Geschichte verweisen – und, dass sie nur verweisen können. Der letzte Schritt vollzieht sich im Kopf.“ „Maus“ erzählt nämlich nicht nur die Geschichte von Spiegelmans Eltern, von denjenigen also, die überlebt haben, und vom Schweigen derjenigen, die nicht mehr leben durften. Im zweiten Teil von „Maus“, der neun Jahre nach dem ersten erschien, zeichnete sich Art selbst am Zeichentisch. Der Mauskopf ist nun nur noch Maske, Fliegen kreisen um ihn, während er erzählt, dass seine Frau Françoise im Jahr 1987 ein Kind erwartet.

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