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Flüchtlingskrisendiskussion : Hyper! Moral!

Ist die „Willkommenskultur“ nur eine Gelegenheit, die Standpunktlosigkeit der Deutschen als Standhaftigkeit auszudeuten, wie Frank Böckelmann vermutet? Bild: dpa

Gegner von Angela Merkels Flüchtlingspolitik bekommen intellektuelle Schützenhilfe: Autoren der Zeitschrift „Tumult“ machen Arnold Gehlen zum Kritiker der Gegenwart. Und beklagen eine „souveränpolitische Verwahrlosung“.

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          Gibt es inmitten der Flüchtlingskrisendiskussion wirklich, wie es die Zeitschrift „Tumult“ vermutet, die sich „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ nennt, so etwas wie eine „Kernfrage“, die „gleichsam ständig auf der Zunge liegt“, aber dann doch nicht ausgesprochen wird? Geht man nach „Tumult“, dann ist dieses eine Wort, das endlich gesagt werden muss, gefunden - jedenfalls kommt in vielen Beiträgen der jüngsten Ausgabe, die der Kritik an der Merkelschen Flüchtlingspolitik einen intellektuellen Ausdruck geben will, an entscheidender Stelle ein und derselbe Begriff vor: „Hypermoral“. Das Editorial von Herausgeber Frank Böckelmann gibt den Ton vor: „Die Immigranten wenden die Hypermoral, zu der sich viele Deutsche in eitler Selbstlosigkeit aufschwingen, gegen die deutschen Institutionen.“ Geschichts- und „gesichtslos“ sei die Nation in den letzten Jahrzehnten geworden: „Nun bietet sich die Gelegenheit, ebendiese Standpunktlosigkeit als Standhaftigkeit auszudeuten.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Begriffe und die gesamte Argumentationsfigur, die da auf die aktuelle Lage angewendet werden, entstammen einem Buch von 1969, das keiner der Beiträger mit Namen nennt: „Moral und Hypermoral“, geschrieben von dem Philosophen Arnold Gehlen. Der schmale Band lässt die anthropologische Institutionenlehre, die Gehlen in seinen früheren Werken skrupulös formulierend entfaltet hatte, in eine saftige Polemik münden, gegen das, was er als „Zeitgeist“, und zwar als linken, identifizierte.

          Universalismus und Institutionalismus als Gegensatz?

          Wenn man seine Hauptideen und Insinuationen heute Revue passieren lässt, bekommt man eine verblüffend präzise Zuspitzung der Motive, die der Ablehnung der Berliner Asylpolitik über die pragmatischen Fragen hinaus ihre Wucht und ihre Unversöhnlichkeit geben. Der „Humanitarismus“, den Gehlen schon seit dem Zusammenbruch der griechischen Stadtstaaten als Dekadenzphänomen wahrnimmt, überdehne die Moral und überfordere den Menschen; denn zusammen mit dem „Masseneudämonismus“ trage er auch noch zur Schwächung der Institutionen bei, die allein es dem Menschen möglich machen, anständig zu leben - nicht zuletzt den Staat. Die Intellektuellen und Medienleute aber hätten die Hypermoral zu ihrer Herrschaftsideologie gemacht: „Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben.“

          Es ist, als hätte man da das missing link, den Subtext, der die vielen vor allem sich im Netz in den letzten Jahren zusammenbrauenden Interventionen gegen Wall Street, Gender-Mainstreaming, EU, Russland-Sanktionen, Lügenpresse, NSA und Asylpolitik zusammenhält. „Souveränitätspolitische Verwahrlosung“ durch „sozial effektive Hypermoralisierung“ nennt das in „Tumult“ der ehemalige DDR-Dissident Ulrich Schacht. Als markanteste Unterscheidung wird da ein Gegensatz von Universalismus und Institutionalismus, insbesondere dem Staat konstruiert.

          Anders als andere Beiträger spielt der Historiker Rolf Peter Sieferle die beiden Kategorien nicht gegeneinander aus, sondern sieht sie im Nationalstaat paradox verwoben. Der Sozialstaat etwa werde heute universalistisch begründet, aber in Wirklichkeit beruhe seine Effizienz auf nationaler Exklusion. Sieferles Meinung nach bringt eine zu rasche Einwanderung von zu vielen Menschen daher zuerst den Sozial- und dann den Rechtsstaat in Gefahr: Dass beide „auf sehr fragilen und unwahrscheinlichen Grundlagen beruhen, wird man erst begreifen, wenn sie verschwunden sind“. Doch auch Sieferle erklärt nicht, wie man einen modernen demokratischen Staat anders als zugleich in Institutionen verankert und an universalistischen Werten orientiert verstehen kann. Die Illusion, dass man diese Verwobenheit durch einen schlichten dezisionistischen Akt in die eine oder andere Richtung auseinanderreißen könne, ist vielleicht ein Grund für die Verbitterung in manchen Milieus zurzeit.

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