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Die neue Einteilung der Welt : Hautfarbe, Geschlecht, Nation

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Flagge zeigen, und zwar nicht auf Halbmast: die Vancouver Pride Parade in diesem August. Bild: dpa

Überall Identitäre: Wie links und rechts auf einer Einteilung der Gesellschaft in Menschengruppen bestehen. Und was dabei aus der sozialen Frage wird. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Ach, es wäre so einfach, Political Correctness zu kritisieren, so einfach, in die Klage darüber einzustimmen, wie sehr sich der Gebots- und Verbotsfuror breitmacht und die Freiheit korrumpiert. Dass dies zu einfach wäre, kann man auch daran erkennen, mit wem man dann in einem Boot säße – mit solchen, die frühestens dann liberal geworden sind, als man Frauen, Homosexuelle, Juden und die Pluralität unserer Gesellschaft vor denen aus dem Morgenland retten konnte. Diese Liberalität schützen sie vor allem damit, die kulturlinke Form der korrekten Sprechweise aufs Korn zu nehmen, die am Ende gar keine Unterschiede mehr macht, sondern sich vor allem von denen unterscheiden will, die unterscheiden: zwischen Männern und Frauen, Hiesigen und Fremden, Weißen und Schwarzen, Klugen und Dummen und so weiter.

          Und doch: Wenn ich an mein universitäres Milieu denke, erfüllt dies tatsächlich viele der Vorurteile, die offensichtlich gar keine sind. Es gibt sogar Kollegen, die das Binnen-I stets und immer so laut sprechen, dass es nur noch die weibliche Form zu hören gibt. Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, mich so daran zu gewöhnen, dass es mir nicht mehr auffällt – und das ist es wohl auch, was damit bezweckt wird. Endlich kann das Private politisch sein – ohne hohe Kosten, aber mit dem nicht verhandelbaren Ernst derer, denen jegliche Distanz zu sich selbst fehlt.

          Gender-Genauigkeit macht korrekt und hölzern

          Die Welt ist voller Ungerechtigkeit, sobald das erste Wort gesprochen wurde. Jürgen Habermas meinte noch, dass mit dem ersten gesprochenen Wort wenigstens die Idee eines ungezwungenen Konsenses in der Welt sei. Vielleicht ist Konsens nur möglich, bevor wir den Mund aufgemacht haben. Denn mit jedem gesprochenen Wort ist bereits ein unheilbarer Schnitt in der Welt. Diesen Schnitt gilt es politisch korrekt wiedergutzumachen. Texte strotzen dann nur so von Sternchen, Gaps und Unterstrichen – und das mit einer stupenden Genauigkeit, dass die sonstige eher hölzern wirkende Interpunktionsperformanz erst recht auffällt, selbst bei Studenten mit bayerischem Abitur, die an meiner Universität den Großteil der Klientel ausmachen.

          Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Unsere jungen Leute kriegen schon auch akademische Fertigkeiten beigebracht, da besteht wenig Grund zur Sorge. Aber sie lernen auch jene Sekundärtugenden eines übersensiblen Alltags, den man sich leisten können muss – und dann geht es dem Sprechen oft um explizite Orthophonie und Orthologie, mit den oben genannten Fallstricken der Unhörbarkeit des korrekt Geschriebenen.

          Ich weise die potentiellen Absolventen meines Lehrstuhls inzwischen im Internet explizit darauf hin, dass sie bei uns keine ethische Unbedenklichkeitserklärung für ihre Qualifikationsarbeiten abgeben müssen und freihändig, nach eigenem Gusto mit geschlechter- und sonstigen sensiblen Bezeichnungen umgehen dürfen. Spannenderweise können sie solche Formen der Gelassenheit gerade auch in den soziologischen Gender-Studies lernen, die, anders als viele Vorurteile lauten, eben nicht einfach für Benennungspraxen kämpfen, sondern ihre Bedingungen thematisieren – wenigstens in der Weise, wie sie in München von Paula Villa gelehrt werden.

          Aber was ist es wirklich, was da stört? Dass in der Sprache und im Sprechen auch die Frauen mitgenannt werden, dass man keine herabwürdigenden Kollektivbezeichnungen verwenden soll, kann nicht wirklich ernsthaft nerven. Dass eine gewisse Form der Sensibilität für verletzbare Gruppen wie etwa Homosexuelle oder Schwarze sich auch sprachlich niederschlägt, sollte selbstverständlich sein. Auch dass sich in der Sprache gesellschaftliche Erfahrungen niederschlagen, kann nicht wirklich beklagt werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die sogenannte Ehe für alle, die vom Bundestag beschlossen wurde, sich auch auf dem Feld der Sprache durchgesetzt hat. Sie wurde wohl auch deshalb so plausibel für diejenigen, für die sie lebensweltlich kaum relevant ist, weil die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ und die „Verpartnerung“ schlicht sprachliche Ungetüme sind, die letztlich nur auf verdruckste Verhältnisse verweisen: Etwas, das sich de facto als fast identisch mit dem darstellt, was Ehe heißt, muss dann auch so heißen. All das kann niemanden nerven, der einigermaßen bei Trost ist.

          Vielleicht kann Slavoj Žižek weiterhelfen. Er hat in einem Bericht über die „Vancouver Pride Parade“ zum einen, ähnlich meiner Anfangsintuition, auf die ironiefreie Ernsthaftigkeit der Einhaltung der Sprachregeln hingewiesen. Zum anderen hat er herausgearbeitet, wie sich mit dieser Praxis des Einschließens neue Formen des Ausschließens ergeben. Ich zitiere ausführlich: Die Parade hinterließ bei Žižek „(und auch vielen Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Mitgliedern) einen bitteren Nachgeschmack. Hier waren mehrheitlich gut ausgebildete weiße, privilegierte Frauen und Männer unterwegs, die über hohen sozialen Status verfügen. Sogar die subtile Langweile und die bürokratische Sprache der TV-Kommentatoren von Vancouver mit ihrer politisch korrekten Vorhersehbarkeit (sie waren stets sorgsam darauf bedacht, den ideologischen Schirm der Parade als LGBT-Queer-Intersex-Asexual+ zu bezeichnen) erinnerten mich an den Jargon der Kommunisten, bei dem jegliche Form von Ironisierung unter Androhung von Strafe verboten war. Alle haben sich an die offizielle Sprachregelung zu halten, alle haben das angeblich subversive Potenzial alternativer, in Wahrheit jedoch privilegierter Lebensentwürfe zu loben und zu preisen.

          Am Ende wirkt der offizielle Sprachgebrauch selbst wie sein eigener ironischer Kommentar. Zensurierter Ernst schlägt um in unfreiwillige Komik – und geschieht nicht genau dies notwendigerweise mit der Political Correctness? Sie beansprucht mit den besten Absichten, niemanden zu verletzen, produziert aber neue Ausgeschlossene und etabliert eine neue Norm – bloß darf dies niemand mehr sagen, weil er dadurch die schöne neue Herrschaftsharmonie störte.“

          Hier spricht kein konservativer Kritiker, der gewissermaßen natürliche Sprachverhältnisse wiederherstellen will, sondern jemand, der zwar das Ironiefreie beklagt, aber seinerseits die Sache noch ernster nimmt als die Protagonisten selbst. Denn seine Quintessenz lautet, dass diejenigen, die sich als queere Außenseiter gerieren und der bürgerlichen Gesellschaft den queeren Spiegel vorhalten und ihre Ausgrenzung bekämpfen, ihrerseits ausgrenzen. Am Ende wird sich immer noch jemand finden, der mit größerem Recht und größerer Tiefenschärfe nicht berücksichtigt und damit unsichtbar gemacht wurde.

          Was man von dieser Einlassung von Žižek lernen kann, ist die Logik, die hinter der Redepraxis steht, nach deren Umschlagspunkt ich suche – zumal der Diskurs derzeit voll von Positionen ist, die einerseits die Berechtigung von sprachlichen Einschränkungen und Regeln betonen, andererseits Sorge vor allzu rigiden und direktiven Eingriffen etwa von Staats wegen haben, man denke etwa an Timothy Garton Ashs leidenschaftliches Plädoyer für Redefreiheit.

          Žižeks Kritik ist insofern lehrreich, als sie, wie bereits betont, in der Logik des Kritisierten verharrt. Worin besteht diese Logik? Man könnte sie eine identitäre Logik nennen, eine Logik, die die Welt in der Dimension der Zugehörigkeit von Gruppen ordnet. Identitätslogiken sind an der Differenz von Identitäten orientiert oder, einfacher formuliert: Sie behaupten Identität durch ein Ähnlichkeitskriterium, das insbesondere in seiner sprachlichen Form Container erzeugt, in die Einzelexemplare hineinpassen. LGBTQIA+ sind solche Identitätszumutungen von Einzelmerkmalen im Hinblick auf sexuelle Orientierungen, die zu Gruppenmerkmalen aufgerundet werden und damit identitätsstiftend sind und übrigens all jene sexuellen Orientierungen nicht berücksichtigen, die nicht in jener Weise abweichend sind, dass sie besonders berücksichtigt werden müssten, wobei schon die Charakterisierung als Abweichung Probleme produziert.

          Humankategorien vermitteln Übersichtlichkeit

          Die Welt wird in Humankategorien eingeteilt, genauer gesagt: in Menschengruppen, denen man Identitäten zuschreibt und die sich spätestens dann selbst differente Identitäten zuschreiben müssen, wenn sie auf sich aufmerksam machen wollen oder müssen. Wie unübersichtlich die Welt auch erscheint, die Orientierung an Humankategorien und damit an der Person sichtbaren Differenzen erzeugt eine Übersichtlichkeit, die zumindest die Selbstauskunft derer auf ihrer Seite hat, die den entsprechenden Identitäten angehören. Gerade Geschlechts- und Sexualitätskriterien haben eine hohe Plausibilitätsstärke, weil sie ostentative Formen der Sichtbarkeit erzeugen können – ob körperlicher oder akzidenteller Natur, spielt kaum eine Rolle.

          Bei aller geradezu radikalen Dekonstruktion des Geschlechts bis hin zur Multiplikation von Geschlechtsidentitäten und -differenzen in entsprechenden Milieus wird dem Begehren ein vorpsychischer und vorsozialer Status zugeschrieben. Diese Rechtfertigungslehre betont, man könne sich sein Begehren nicht aussuchen – es mithin eben auch nicht als solches dekonstruieren, allenfalls die Bilder, die die Gesellschaft über schwule, lesbische, bisexuelle oder transsexuelle Identitäten verwendet. Entscheidend ist, dass sich bei der Bearbeitung solcher Fragen ein identitätspolitischer Stil durchgesetzt hat, der sich an dieser wahrnehmungsnahen Differenzierung nach Humankategorien nur besonders genau zeigt.

          Differenzierungen in der Sozialdimension, also in der Dimension von Gruppenzugehörigkeit und Identitätszumutungen, finden sich auch auf anderen Feldern. In den kulturlinken akademischen Milieus sind es vor allem Geschlechterfragen, Fragen der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe und zum Teil auch der ästhetischen Selbstpräsentation von Lebensformen, die als starke Identifikationsangebote fungieren. Konflikte mit Migrations- und Fluchtfolgen haben neurechte Ideologien wie etwa die „identitäre Bewegung“ stark gemacht. Die im Wahlkampf von Donald Trump angesprochenen traditionellen Arbeitermilieus wurden durch entsprechende Ansprache ebenso sichtbar wie durch die Abgrenzung von Latinos („Mexikaner“) und Muslimen. Und in vielen europäischen Ländern sind es renationalisierende Identitätszumutungen, die Übersichtlichkeit schaffen.

          So unterschiedlich all diese Formen sind, so sehr eint sie, dass sie die Welt in Gruppen einteilen und einen Raum für Kulturkämpfe um die Hegemonie jener Gruppen bieten. Die Welt ist zu einer Welt in Humankategorien geschrumpft, und gesellschaftliche Konflikte wie gesellschaftliche Selbsterfahrungen scheinen sich in solchen Formen gut einrichten zu können.

          Das gilt auch für den gesamten Komplex der „Political Correctness, in dem es auch um nichts anderes geht als um den Kampf um die angemessene Berücksichtigung von Humankategorien und die orthophone Angemessenheit ihrer Ansprache. Auch neurechte Sprechweisen weisen mit ihrem „Das wird man doch noch sagen dürfen“ auf orthofone Ansprüche hin, mit unsympathischeren, weil weniger universalistisch begründbaren Formen, aber in der Konsequenz eben ähnlich partikularistisch wie die sich universalistisch wähnenden kulturlinken Partikulargruppen. Man könnte fast sagen: überall Identitäre!

          Ich weiß nicht genau, ob ich meinem Argument wirklich trauen soll, aber womöglich ist hier der systematische Ort, an dem deutlich wird, dass die Protagonisten an ihrer Gesellschaft kaum mehr etwas anderes sehen als eine Welt von Gruppen, deren Gleichheits- und Symmetrieansprüche so stark geworden sind, dass sie nurmehr Gruppen sehen können, denen Unrecht widerfährt, was sprachlich-rituell geheilt werden muss.

          Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre lässt sich folgendermaßen vernehmen: Es sei für ihn unproblematisch, Studierende in Prüfungen mit Genderthemen zu konfrontieren und daran Formen sozialer Ungleichheit aufzuzeigen, „aber wir müssen die ihnen unbekannte Klassenfrage wieder stellen“. Man muss nicht klassentheoretisch argumentieren, aber Dörre sieht hier zu Recht eine akademische Generation, deren Erfahrungshorizont tatsächlich nicht an der strukturellen Dimension gesellschaftlicher Wirkkräfte geschult ist, die zum Teil unsichtbar sind, durch theoretische Reflexion sichtbar gemacht werden müssen und theoretisch anspruchsvolle Begründungsformen brauchen, zumal die soziale Frage sich heute besonders komplex stellt.

          Eine ganz ähnliche Formulierung wie bei dem linken Soziologen Dörre findet sich auch bei dem eher konservativen Historiker Jörg Baberowski. Er spricht von einem „Siegeszug der identitären Politik, die nur noch Kultur, Religion und Geschlecht zu ihrem Gegenstand hat, von sozialen Fragen aber nichts mehr hören will“. Nicht ganz folgen will ich Baberowski mit seinem Argument, die Parzellierung des sozialen Raums sei ein Effekt des Identitätsverlustes des Nationalstaates. Recht zu geben ist ihm aber darin, dass mit dem identitätspolitischen Vorrang der Aufmerksamkeit ein politischer Erfahrungsraum verschwindet, in dem über Strukturfragen verhandelt werden könnte.

          Gesellschaftliche Modernisierung hat so etwas wie einen „Menschen ohne Eigenschaften“ versprochen, ein Gleichheitsversprechen, das von den konkreten Beschaffenheiten der Menschen absehen konnte. Solche Menschen braucht es für eine Gesellschaft, in der wir eben nicht mehr in festen Gruppen und Sozialverbänden leben, sondern unser Leben selbst führen müssen, eigene Entscheidungen treffen können, individuelle Stile pflegen und nicht zuletzt für das verantwortlich gemacht werden können, was wir tun, wollen und vermeiden. Letztlich ist es ein Zurückweichen vor der Unübersichtlichkeit der Welt – und die orthophone Form der Herstellung von Übersichtlichkeit ein Mittel, sich darüber zu beruhigen, dass man damit die Welt sagbar machen kann.

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