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Armenier-Genozid : Brandenburg ist belehrbar

Mit Plakaten wurde in Armenien an den Genozid erinnert Bild: AP

Brandenburg hat den Völkermord an den Armeniern wieder auf den Lehrplan gesetzt und eine Handreichung für Geschichtspädagogen veröffentlicht, in der sogar das türkische Konsulat zu Wort kommt. Die Potsdamer Praxis harrt der Nachahmung.

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          Am 1. August, wenn in Brandenburg das neue Schuljahr beginnt, werden die Internetseiten für den Geschichtsunterricht überarbeitet ins Netz gestellt. Gleichzeitig steht Geschichtslehrern zum ersten Mal umfangreiches Unterrichtsmaterial zum schwierigen Thema "Völkermorde und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert" zur Verfügung (herausgegeben vom Landesinstitut für Schule und Medien, Ludwigsfelde-Struveshof). Dem Völkermord an den Armeniern ist ein ausführliches Kapitel gewidmet, andere behandeln Völkermorde an den Hereros und in Ruanda sowie sogenannte "staatliche Gewaltverbrechen" in der Sowjetunion unter Stalin, im Kambodscha der Roten Khmer und in Jugoslawien.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          All dies war auch bisher Gegenstand des Geschichtsunterrichtes - sofern die Lehrer die Zeit dafür fanden und Interesse am Thema. Kein Lehrplan legt minutiös fest, was wann in wie vielen Stunden zu behandeln ist. Das wird auch in Zukunft nicht anders sein. Und immer noch ist, nach einer kurzen Unterbrechung, Brandenburg das einzige deutsche Bundesland, das zu den wesentlichen Schulbeispielen staatlich organisierter Massenmorde die Vernichtung der Armenier zählt und sie deshalb hervorhebt (der Holocaust an den europäischen Juden und andere nationalsozialistische Verbrechen bleiben ein besonderes, eigenes Unterrichtsthema).

          Hundertseitige Handreichung für Lehrer

          Eine Meldung, die im föderalen Deutschland normalerweise nur von lokalem Interesse wäre, hätte sich nicht an diesem Lehrplan ein hochpolitischer Streit entzündet. Im Januar dieses Jahres hatte der brandenburgische Ministerpräsident auf Wunsch des türkischen Gesandten verfügt, einen Verweis auf den Völkermord an Armeniern im Jahre 1915 zu streichen. Die Begründung für diese Leugnung eines historischen Ereignisses grenzte ans Absurde, im Falle der türkischen Stellungnahmen war ein nationalistischer Ton unüberhörbar. Vor allem sah es einige Zeit so aus, als würde der Türkei ein weiteres Mal gestattet, sich der Verantwortung für den Ausrottungsfeldzug gegen die armenische Bevölkerung Kleinasiens, der anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen, zu entziehen.

          Die kontroverse Debatte um diesen politischen Skandal hat immerhin dazu geführt, daß sich deutsche Politiker zum ersten Mal öffentlich mit den Ereignissen im Osmanischen Reich auseinandersetzten. Die wütenden Auslassungen türkischer Diplomaten liefen ins Leere. Die Schulbehörden des Landes Brandenburg aber begannen in aller Stille und großer Eile, den fatalen Fehler zu korrigieren. Außer der Lehrplanstreichung hatte man im Januar eine fast druckfertige Handreichung für Geschichtslehrer beim Bochumer Institut für Diaspora- und Genozidforschung wieder abbestellt. Auch dieser Schritt wurde zurückgenommen. Neben Mihran Dabag (Direktor des Bochumer Institutes) wurden weitere Autoren und Gutachter - Historiker und Pädagogen - gewonnen.

          Das nun vorliegende etwa hundert Seiten starke Buch, dem eine CD-Rom mit Karten-, Bild- und Quellenmaterial beigelegt ist, soll eine Lücke schließen, die für sich genommen auch ein Skandal ist. Nur wenige Schulbücher haben sich bisher dieses Themas angenommen, und wenn überhaupt, wird es - eine Ausnahme ist hier der Schroedel Verlag - mit ein paar kurzen, lapidaren Sätzen abgehandelt, die im Falle des Genozids an den Armeniern zum Teil sogar mißverständlich sind. Diese fragwürdige Praxis wurde von deutschen Schulbehörden bislang mit Rücksichtnahmen auf türkische Schüler begründet, denen man historische Wahrheiten meinte ersparen zu müssen - eine, bei Lichte besehen, diskriminierende Entmündigung. Eine andere, nicht minder fadenscheinige Begründung lautete, ein solches Unterrichtsthema könnte Vorbehalte gegen Migranten verstärken, worauf es jedoch keinerlei Hinweise gab.

          Auch das türkische Konsulat kommt zu Wort

          Auf achtzehn Seiten behandelt die neue Handreichung jetzt die Vorgeschichte, das Ereignis und die politischen Hintergründe, die im Osmanischen Reich vor neunzig Jahren zur Auslöschung der Armenier und ihrer Kultur führten. Sie läßt Spekulationen keinen Raum, auch wenn das türkische Generalkonsulat in Berlin das Gegenteil und nach wie vor behauptet, es habe sich 1915/16 um eine Art fremdbestimmter "tragischer Vorfälle" gehandelt, auch seien Armenier wie Türken gleichermaßen Täter und Opfer gewesen "in den Fängen der Kräfte, die das Osmanische Reich zu zerstören versuchten". Dabags kluger Essay zu dieser komplizierten Zeit endet mit einer Zusammenfassung aktueller Kontroversen, vor allem in der Türkei. Die Stellungnahme des Konsulats ist mit abgedruckt, ein interessantes Lehrbeispiel für europäische Standards der Gedenk- und Erinnerungspolitik, denen sich der Beitrittskandidat Türkei offensichtlich hartnäckig verweigert.

          Das erste Kapitel der Handreichung versucht völkerrechtliche Definitionen, die Rolle der Ideologie und die Problematik staatlicher Gewalt zusammenzufassen - durchaus informativ, aber teilweise unverständlich, was vielleicht der großen Eile zuzuschreiben ist, mit der dieses Projekt zu einem guten Ende gebracht werden sollte. Alles in allem bleibt festzustellen, daß der Beschluß Brandenburgs, auch den Völkermord an den Armeniern im Unterricht zu behandeln, der Nachahmung harrt. Diese Chance ließen alle Bundesländer bisher aus, obwohl sie seit drei Jahren Gelegenheit dazu gehabt hätten. 2002 hatte man sich in Potsdam zum ersten Mal entschlossen, diesen blinden Fleck unserer historischen Wahrnehmung aufzuhellen. Wie kühn dieser Schritt damals war, hat uns der Skandal um die nun zurückgenommene Streichung vor Augen geführt.

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