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Bei Trump-Wählern in Louisiana : Verraten und verkauft

  • -Aktualisiert am

Sieht so Heimatliebe aus? Der Friedhof Heiliger Rosenkranz in Baton Rouge (Louisiana), im Hintergrund die Bauten des wichtigsten Arbeitgebers, der Ölindustrie. Bild: Paul Souders

Arlie Russell Hochschild hat sich dort umgesehen, wo die Trump-Wähler leben. In Louisiana entdeckte sie deren wahren Feind und ein großes Paradox. Psychogramm einer versinkenden Welt.

          Wer um alles in der Welt hat warum ausgerechnet Donald Trump gewählt? Diese Frage treibt seit dem November 2016 vor allem amerikanische Liberale um. Wie war es dem reichen Immobilienmakler ohne jede politische Erfahrung, der so unverschämt sein konnte und dessen wirtschaftliche Erfolge viele Schatten vor sich her warfen, gelungen, in Hillary Clinton eine Mitbewerberin zu bezwingen, die alle Tricks und Schliche der amerikanischen Politik an der Seite ihres Gatten von der Pike auf zu beherrschen gelernt hatte? Mit welchen Mitteln hatte er es geschafft, einfache Arbeiter und kleine Angestellte, Bauern und Menschen in prekären Lebensverhältnissen davon zu überzeugen, dass ausgerechnet er, ein strammer Sozialdarwinist, der Kandidat des „einfachen Mannes von der Straße“ war? Mit einem Wort: Was war schiefgelaufen?

          Denn es war unwahrscheinlich, dass mehr als achtundvierzig Prozent der amerikanischen Wähler einfach dumm, rückständig und von Wladimir Putin manipuliert waren. Und ja, Hillary Clinton war eine miserable Kandidatin. Das aber erklärt nicht den Erfolg von Donald Trump. Etwas näher an den Kern der Sache führten erste Formen liberaler Selbstkritik: Die progressiven akademischen Eliten des Landes hatten sich seit zwei Jahrzehnten mehr um Fragen kultureller Hegemonie und sexueller Identität gekümmert als um die Belange der Armen und sozial Benachteiligten, die objektiv unter den alternativlosen Gesetzmäßigkeiten des entfesselten und entgrenzten globalen Marktes litten.

          Hin zu den unbewohnbaren Sumpflandschaften

          Den ökonomischen Eliten, den Profiteuren dieser Entwicklung, war es dadurch leichtgemacht worden, Akademiker, Intellektuelle und Medien zu verunglimpfen und zum Gegenüber der Degradierten zu machen. Aber auch dieser Ansatz greift zu kurz, da er immer noch nicht plausibel machen kann, warum die sozial Marginalisierten sich in ihrer Hoffnungslosigkeit an einen wandten, der sie jenseits von Liberalismus und Konservatismus, jenseits aller etablierten Politik so offenkundig verachtet.

          Diesem Problem wendet sich die renommierte Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem jüngsten Buch zu („Strangers in Their Own Land“. Anger and Mourning on the American Right: A Journey to the Heart of Our Political Divide. New York, 2016). Dabei handelt es sich nicht um eine trockene sozialwissenschaftliche Analyse, sondern um eine anrührende, warmherzige und souverän geschriebene, ungemein gut lesbare teilnehmende Beobachtung.

          In New Orleans:  Für die Menschen im südlichen Louisiana sichert allein ihr Arbeitsplatz Freiheit und Individualität.

          Während des Vorwahlkampfes verließ die Intellektuelle ihre Komfortzone im kalifornischen Berkeley mit all den veganen Restaurants, den Bioläden und den LGBTQIA-Studentengruppen aller sexueller Zwischenstufen, um in das andere Amerika, in die konservative Wildnis, zu fahren. Ihr Ziel war das südliche Louisiana, dort, wo große petrochemische Konzerne seit Jahrzehnten die Umwelt systematisch vergiften und weite Teile der einst lebendigen Sumpflandschaft unbewohnbar gemacht haben, während der konservative Gouverneur und seine Wähler sich heftig gegen jede Form der Regulierung zum Wohle der Umwelt sperren.

          Die Leiden der Populisten

          Arlie Russell Hochschild kam nicht, um die Menschen dort zu belehren und ihnen mitzuteilen, wie unsinnig ihre Entscheidungen und wie reaktionär ihr Lebensstil sei, sondern sie kam, um gewissenhaft zuzuhören. Und sie stieß auf ein großes Paradox: Viele der Konservativen und Populisten wollen eine saubere Umwelt, sichere Lebensverhältnisse und insgesamt ein besseres Zusammenleben aller Amerikaner. Sie sind nicht so aggressiv wie Trump oder einige seiner republikanischen Rivalen.

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