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Moralisch gutes Leben : Das Problem mit der Verzichtsrhetorik

Schule schwänzen für eine bessere Zukunft: Die „Fridays for Future“ Bewegung wächst. Bild: Stefan Boness/Ipon

Verzichtspredigten stehen hoch im Kurs, retten aber nicht die Welt: Die Autorin Ariadne von Schirach plädiert für eine poetische Bewusstseinsrevolution.

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          Das Blumencafé in Berlin-Prenzlauer Berg ist Blumenladen und Café in einem, ein klassischer Entschleunigungsort ohne aufgeklappte Notebooks auf den Tischen, dafür mit Papageien, die sich hin und wieder lautstark Gehör verschaffen. Ariadne von Schirach hat diesen Treffpunkt gewählt, der so grün und so friedlich ist, dass er auch jenen eine Auszeit verschafft, denen „Die psychotische Gesellschaft“ über den Kopf wächst. So lautet der Titel ihres neuen Buchs, das von Aktualität ist, ohne sich auf eines der derzeitigen Aufreger-Themen zu konzentrieren. Die Klimaschutz-Debatte ist also nur ein Thema unter vielen, die zwangsläufig in den Blick geraten, wenn man sich der Frage nach dem guten, dem richtigen Leben stellen will, aber eben ein enorm wichtiges Thema.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Darüber, wie so ein Leben aussieht beziehungsweise auszusehen hat, wird im Moment viel und mit großer Erregung diskutiert. Erstaunlicherweise laufen die Lösungsansätze oft reflexhaft auf eine Sache hinaus: Verzicht. Auf Flugreisen, Fleisch, Plastik und SUVs zum Beispiel. Wer auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite stehen will, wählt Grün, kauft Fairtrade-Produkte und regionales Gemüse und spricht nicht mit Menschen, deren politische Meinung rechts des linksliberalen Mainstreams angesiedelt ist. Als kürzlich in Frankfurt die Internationale Automobil-Ausstellung stattfand, kurvten viele sich breitmachende Lastenfahrräder durch die Stadt, an denen rosa Fähnchen mit der Aufschrift „Fuck SUV’s“ flatterten. Das Wir-und-die-anderen-Denken stellt lieber das Trennende in den Mittelpunkt, anstatt nach dem Gemeinsamen zu suchen. Für Ariadne von Schirach ist auch diese innere Zerrissenheit Symptom einer in die Krise geratenen „psychotischen Gesellschaft“.

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