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Theaterdrama der Stunde : ARD lässt sich Programm nicht vorschreiben

Er ändert das Programm nicht: ARD-Programmdirektor Volker Herres. Bild: dpa

Soll das Erste die Verfilmung des Theaterstücks „Terror“ nicht in der geplanten Form zeigen? Die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch plädieren dafür. Der ARD-Programmdirektor sieht das anders.

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          Die ARD hat die Aufforderung, bei dem für Oktober geplanten Themenabend „Terror“ auf ein Votum der Zuschauer zu verzichten, zurückgewiesen. Das Erste will die Verfilmung des Theaterstücks von Ferdinand von Schirach, danach eine Ausgabe der Talkshow „hart aber fair“ senden und dann eine Zuschauerabstimmung veranstalten. In von Schirachs Stück geht es um den Prozess gegen einen Bundeswehrpiloten, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, weil zu befürchten war, dass dieses in ein mit Zehntausenden Menschen besetztes Fußballstadion gesteuert würde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hatten die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch das Stück und die Ausstrahlung kritisiert. Schirach bringe die Leute „dazu, eine falsche Entscheidung zu treffen und sie in die Wirklichkeit zu transponieren“, sagte Hirsch. „Ist das denn Kunst?“ fragte Gerhart Baum. „Das Stück ist in einer hochpolitisierten Wirklichkeit angesiedelt, von der es gar nicht zu trennen ist. Es ist eine Art Dokumentation. Das von uns veranlasste Verfahren in Karlsruhe ist auf die Bühne gebracht worden mit vielen Zitaten aus dem Verfahren, und gleichzeitig ist es auch künstlerische Freiheit - und diese Mixtur überzeugt eben nicht.“ Die Zuschauer würden quasi aufgefordert, über das Grundgesetz abzustimmen, sagte Baum, die ARD solle auf diese Form des „Terror“-Abends verzichten: „Und welche Konsequenz soll eine solche Abstimmung haben? Wird dann noch der regionale Vergleich gezogen, wie die Zuschauer in den einzelnen Ländern abstimmen? Was soll daraus hervorgehen? Ich rate Herrn Herres, dem Programmdirektor der ARD: Lassen Sie das!“

          Der direkt angesprochene Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, wies das Ansinnen zurück. Baum und Hirsch würfen spannende Fragen auf, und genau um diese werde es an dem Fernsehabend gehen, an dem die Zuschauer – wie im Stück –, um ihr Votum gebeten werden, allerdings erst nach der ausführlichen Diskussion und Information über die verfassungsrechtlichen Hintergründe. Anders als Baum und Hirsch halte er von Schirachs Stück nicht für fragwürdig oder populistisch, sagte Herres. Er werde den Fernsehabend „auf keinen Fall aus dem Programm nehmen“.

          Die Verfilmung des Theaterstücks von Ferdinand von Schirach, sagte Herres, werde „eng mit ‚hart aber fair‘ verknüpft. Denn hier ist das geeignete Forum, in dem sowohl das Zuschauervotum als auch die Hintergründe und sachlichen Grundlagen des Stücks von Ferdinand von Schirach (selbstverständlich inklusive der verfassungsrechtlichen Seite) aus unterschiedlichster Perspektive beleuchtet, bewertet und gewichtet werden können. Gerade darin liegt ja der Reiz des Abends!“

          Geht es nach ihnen, zeigt die ARD von Schirachs Stück nicht: Burkhard Hirsch (links) und Gerhart Baum.
          Geht es nach ihnen, zeigt die ARD von Schirachs Stück nicht: Burkhard Hirsch (links) und Gerhart Baum. : Bild: Jens Gyarmaty

          Hinter der Situation, die von Schirach für sein Stück gewählt habe, so Herres, verberge „sich doch eine ganz alte, grundlegende philosophische Frage, die hier auf aktuelle Weise neu gestellt wird. Und das übrigens in einer Form - nämlich der der Gerichtsverhandlung mit langen Argumentationsketten - die selbst hochreflexiv und diskursiv ist. Auf vordergründige Effekthascherei wird hier gerade verzichtet. Den Zuschauern im Ersten wird die Verfilmung deshalb auch einiges an Konzentration und gedanklicher Durchdringung abverlangen. Gutes öffentlich-rechtliches Fernsehen muss substanziell und hintergründig sein; es muss aber zugleich auch kontrovers sein, es muss provozieren und polarisieren und zur Auseinandersetzung anregen.“

          Die FDP-Politiker Baum und Hirsch hatten seinerzeit erfolgreich Verfassungsbeschwerde gegen das 2005 verabschiedete Luftsicherheitsgesetz eingelegt, das den Abschuss eines Flugzeugs im Terrorfall erlaubte.

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