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Europa als Polis : Ich verteidige die Stadt

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Wegen der Pandemie sind diese Orte zurzeit verschlossen. Das tut weh. Die physische und mentale Distanz, zu der uns das Virus zwingt, ist unmenschlich. Denn distanziert zu leben bedeutet, weniger zu leben. Wir brauchen die Gemeinschaft. Sie ist der Kitt des zivilen Lebens. Müssen wir kapitulieren? Nein. Die Antwort kann nicht sein, die Stadt aufzugeben. Auch als ich das Hochhaus der „New York Times“ entwarf, den ersten Wolkenkratzer nach dem 11. September, habe ich mir solche Fragen gestellt und zu beantworten versucht. Unser Modell der Stadt aufgeben? Sich im Untergrund verschanzen? In Höhlen zurückkehren? Oder unsere Zivilisation verteidigen, und das heißt: die Stadt verteidigen als Ausdruck der Zivilisation?

Menschliche Schönheit statt Leere

Aufgeben war keine Option, und so haben wir Transparenz und Offenheit gewählt. Antworten auf die Pandemie benötigen Mut, etwa in einer neuen Art, öffentliche Räume in einer offenen, zugänglichen Stadt zu bewohnen. Das Virus ist diabolisch, weil es den Kontakt unter Menschen behindert. Dabei bedeutet Kreativität Teilen. Es ist ein bisschen so wie beim Tischtennis: Man braucht die anderen. Und fast immer kommt Inspiration durch Realität.

Die beste Art, um auf neue Ideen zu kommen, ist, sich umzusehen. Jemand wie ich, der von der Idee lebt, Orte zu schaffen, an denen man das Zusammensein feiert, erlebt die aktuelle Leere mit großer Traurigkeit. Die Antwort darauf kann nicht bloß „technisch sein“, sie muss politisch, sozial, wissenschaftlich sein. Tatsächlich gibt es in meiner offenen, weitläufigen Stadt noch eine andere, tiefere Schönheit: Es ist die menschliche Schönheit. Sie zeigt sich in Tatkraft, Solidarität und Hingabe. Es ist die Schönheit, die sich in der Hoffnung junger Menschen auf eine bessere Zukunft zeigt. Sie haben noch einen langen Weg vor sich. Und sie haben die Aufgabe, die Erde zu retten. Wir vertrauen uns ihnen an, um einen Blick auf die Lage der Welt zu werfen, wie sie sein wird. Es ist eine Schönheit, die nicht oberflächlich ist, sondern in der das Unsichtbare die sichtbare Welt berührt.

Diese Schönheit könnte das Gegenmittel gegen die Grausamkeit des Virus sein. Im Griechischen sind schön und gut dasselbe Wort: kalokagathòs. Es verbindet Schönheitsideal und moralischen Wert – wie in allen Kulturen Europas. Wir Italiener sprechen von einem schönen Menschen, wenn wir an sein Wesen und nicht (nur) sein Aussehen denken. Man spricht von einer schönen Tat, um zu sagen, dass sie gut, großzügig und couragiert ist. Man sagt: ein schönes Beispiel, eine schöne Idee, eine schöne Geste. Die Engländer beschreiben eine intelligente Person als a beautiful mind. Im Spanischen sagt man belleza. In keiner dieser Sprachen bedeutet schön einfach nur schön, es bedeutet immer auch gut. Auch das russische Wort krasotà definiert etwas Unsichtbares – Myschkin sagt in Dostojewskis Roman „Der Idiot“, Schönheit werde die Welt retten. Sie ist das Wunschziel aller Lebewesen, denn sie hat die Macht, Menschen in bessere Menschen zu verwandeln, Städte in bessere Städte und Bürger in bessere Bürger. Vielleicht nicht alles auf einmal, aber die Schönheit wird die Welt retten, indem sie einen Menschen nach dem anderen rettet.

Der Architekt Renzo Piano, 1937 in Genua geboren, baute unter anderem in London „The Shard“, Europas höchsten Wolkenkratzer. Aus dem Italienischen von Christiane Liermann.

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