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Appell an Bolsonaro : Salgado fürchtet „Genozid“ in Brasilien

Das indigene Reservat Alto Rio Guama in Brasilien Bild: dpa

Der brasilianische Fotograf und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Sebastião Salgado erinnert mit einem offenen Brief an die Lage der Amazonasbevölkerung. Die Auslöschung einer ganzen Ethnie stehe auf dem Spiel.

          2 Min.

          Es gehe um ein Anliegen, das Sebastião Salgado sehr wichtig sei, steht in der Nachricht, die Fotoagenturen und freischaffende Künstler aus aller Welt gerade weiter verbreiten. Der preisgekrönte Fotograf hat einen Appell zur Rettung der indigenen Bevölkerung Brasiliens aufgesetzt und an hundert Persönlichkeiten mit weltweitem Ansehen gesendet, um ihre Unterstützung zu erwirken.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Botschaft ist an seinen Präsidenten Jair Bolsonaro, die Regierung, die Gesetzgeber und Judikative Brasiliens gerichtet und beschreibt in deutlichen Worten die lebensbedrohliche Situation der indigenen Bevölkerung im Norden des Landes seit Beginn der Pandemie.

          Schon vor Jahrhunderten seien die Ureinwohner Südamerikas durch Krankheiten, die die Kolonialmächte aus Europa mitbrachten, beinahe ausgerottet worden. Salgado und seine Unterstützer erinnern an Zeiten, in denen die Spanier und Portugiesen Masern, Pocken und die Grippe in den Kolonien verbreiteten, Krankheiten also, gegen die Völker im Süden noch keine Abwehrkräfte entwickelt hatten. Nun werde die neue Seuche, die sich zügig in Brasilien ausbreite, besonders jene Menschen treffen, die abgeschieden im Amazonasgebiet leben. Weil sie dem Virus nichts entgegenzusetzen hätten, so der Aufruf, seien sie vom Verschwinden bedroht.

          Stamm der Suruwarà, in der Region von Purús im Staat Amazonas, 2017

          Es sind ihre Lebensumstände, die das größte Risiko für die traditionellen Gemeinschaften im Amazonasbecken bergen: Viele Indigene haben ohnehin schon Probleme mit Mangelernährung, die Wege zu Ärzten und in Krankenhäuser sind oft mit größeren Anstrengungen verbunden. Das Virus würde sich in den eng bewohnten Hütten ohne Türen besonders schnell verbreiten. Experten haben schon Anfang des Monats vor einem Massensterben in den indigenen Gemeinschaften gewarnt.

          Die Situation sei doppelt kritisch, heißt es jetzt in Salgados Brief, weil die Gebiete, die gesetzlich für die indigene Bevölkerung vorgesehen sind, in diesen Wochen von Holzfällern und Viehzüchtern eingenommen würden. Die Arbeiten haben im Amazonasgebiet zugenommen und massive Landkonflikte mit sich gebracht. Viele Stämme versuchen sich seit Beginn der Krise schon zurückzuziehen, sie wandern bei dem Versuch, dem Virus zu entfliehen, tiefer in die Wälder hinein. Aber auch dort haben sich vielerorts Goldsucher, Schmuggler und Holzverarbeitungsfirmen niedergelassen. Diejenigen, die offiziell für den Schutz der Gemeinschaften sorgen sollen, sind durch die Pandemie in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt: „Niemand schützt die Amazonasbewohner jetzt vor der Gefahr eines Genozids in Folge einer Infektion, die Fremde in ihre Territorien bringen“, schreibt Salgado.

          Salgado 2019 bei einer Lesung in Leipzig

          Unterzeichnet haben den Aufruf, der in brasilianischen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, Künstler, Schriftsteller, Aktivisten und Politiker aus aller Welt, darunter Pedro Almodóvar, Juliette Binoche, Santiago Calatrava, Naomie Campbell, Christo, Richard Gere, Kerry Kennedy, Sting, Brad Pitt, Gilberto Gil, Ai WeiWei, Paul McCartney und Madonna.

          Salgado zeigt auf seinen Bildern nicht eben einfach zu vermittelnde Stoffe, Leid, Elend und die gefährdete Natur. Er hat in Flüchtlingslagern, Slums, brennenden Ölquellen und Goldminen fotografiert. Seine Motive sind Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit und Frieden. Auch deshalb hat er im vergangenen Jahr als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen.

          Als Freunde Brasiliens und Bewunderer der Kultur, Schönheit und Vielfalt des Landes, heißt es abschließend, werden die Verantwortlichen dazu aufgefordert, sofortige Maßnahmen zu ergreifen, um die betroffenen Bevölkerungsgruppen zu schützen. „Diese Völker sind Teil der außergewöhnlichen Geschichte unserer Spezies. Ihr Verschwinden wäre eine Tragödie für Brasilien und ein riesiger Verlust für die Menschheit.“ Man dürfe keine Zeit verlieren.

          In einer ersten Textversion waren irrtümlich Namen genannt, die als Unterzeichner bisher nur angefragt waren, aber noch nicht unterschrieben hatten. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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