https://www.faz.net/-gqz-8ads0

Antwort auf Lukas Bärfuss : Die Schweiz hat das bessere Ende für sich

  • -Aktualisiert am

Lukas Bärfuss hat das ganze Schweizer System inklusive seiner Medien, Politiker und Bürger für vom Wahnsinn befallen erklärt. Was fällt dem Schriftsteller eigentlich ein, so über sein Land herzuziehen?

          4 Min.

          Ein großes Jammern und Klagen hat das linke Spektrum der Geistesarbeiter in der Schweiz ergriffen. Im Vorgriff auf den sich abzeichnenden Wahlsieg der Liberalen und Rechtskonservativen, die erstmals seit Jahrzehnten im Nationalrat (der dem amerikanischen Repräsentantenhaus vergleichbaren Kammer), nicht aber im Ständerat (vergleichbar dem amerikanischen Senat) über eine knappe Mehrheit verfügen, hatte der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss einen Angriff auf Gesellschaft, Politik und Medien in der Schweiz gestartet (F.A.Z. vom 15. Oktober).

          Diskret hat Raphael Gross, der Bärfuss in vielem beipflichtete (F.A.Z. vom 21. Oktober), dessen ökonomischer Analyse der Schweiz als eines wachstumsschwachen Wirtschaftskranken widersprochen und ihr eine glänzende Verfassung bescheinigt. Bei einer Arbeitslosenrate von gut drei Prozent - die EU-Rate liegt bei elf - und trotz eines starken Frankens, der diese Stärke reflektiert, ist dies auch schwer zu leugnen. Gleiches gilt für das Lohnniveau, das eines der höchsten der Welt ist. Wer es nicht glaubt, sollte einmal „grassroot research“ betreiben und die große Anzahl der Deutschen befragen, die sich angesichts der bescheidenen Jobaussichten in ihrem Heimatland in die Schweiz aufgemacht haben.

          Lieblingsfeind SVP

          Ökonomische Sachkenntnis kann man Bärfuss also nicht vorwerfen. Widmen wir uns der Medienschelte. Da werden zunächst die „Neue Zürcher Zeitung“ und ihr zukünftiger Feuilleton-Chef, der sein Amt allerdings erst im nächsten Jahr antritt, schon einmal prophylaktisch attackiert - mit ähnlicher Kompetenz, mit der zuvor die Wirtschaftsfragen behandelt wurden. Bärfuss raunt von einer faschistischen Vergangenheit jener Zeitschrift, der René Scheu heute vorsteht. Was das mit ihr heute zu tun hat und was mit den Fähigkeiten des Journalisten, bleibt offen. Nach dieser Abrechnung mit den Bürgerlichen gibt Bärfuss dann auch dem linksliberalen Lager einen mit. Der in seinem Profil an die „Süddeutsche Zeitung“ erinnernde „Tages-Anzeiger“ wird ebenso wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dem der ehemalige „Zeit“-Chefredakteur Roger de Weck vorsteht, als „verwirrt“ und „feige“ bezeichnet. Verwirrt scheint indes die politische Analyse des Schriftstellers. Es wird beklagt, dass die Schweiz „plötzlich als Zwerg behandelt wird“ und „ein guter Teil der eidgenössischen Verwaltung damit beschäftigt ist, Gesetze nachzuvollziehen, die nicht in Bern, sondern in Brüssel oder New York erlassen wurden“. Das könnte so wörtlich im Wahlprogramm der rechtskonservativen Schweizer Volkspartei (SVP) stehen, die mit solchen Parolen erfolgreich ihren Wahlkampf bestritten hat.

          Dabei ist die SVP, deren Spiritus Rector Blocher einmal die CSU von Franz Josef Strauß als seine Vorbilder bezeichnet hat, doch der Lieblingsfeind sowohl von Bärfuss als auch von Gross. Und Bärfuss versucht auch sogleich, sie in die nationalsozialistische Ecke zu stellen, ebenso, wie er dem Schweizer Fernsehen zwischen den Zeilen eine gewisse Toleranz bei antisemitischen Attacken unterstellt. Die Instrumentalisierung der Leiden eines Großteils der europäischen Bevölkerung unter dem NS-Regime zur Disqualifizierung des politischen Gegners sollte man tunlichst vermeiden. Das haben wir uns in Deutschland glücklicherweise weitgehend abgewöhnt und sollten es jetzt nicht via Schweiz wieder einführen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

          Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

          Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
          Ende einer Quälerei: In wenigen Tagen werden Präsident Keller und Generalsekretär Curtius (links) den Deutschen Fußball-Bund verlassen.

          Keller, Curtius und Koch : Befreiungsschlag beim DFB

          Präsident Fritz Keller zieht sich zurück, Friedrich Curtius gibt auf, Rainer Koch verzichtet auf eine Wiederwahl: Fast die gesamte Führung des DFB macht den Weg frei für einen Neuanfang.
          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
          Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

          Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

          Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.