https://www.faz.net/-gqz-99awy

Antisemitismus : Wo bleibt der Schutz?

Das öffentliche Auspeitschen gilt in muslimisch geprägten Ländern als explizite Demütigung. Bild: dpa

Die Auspeitschung eines Kippa-Trägers ist nicht nur Körperverletzung. Ihre Symbolik weckt düstere Erinnerungen – jetzt braucht es mehr als vorgefertigte Solidaritätsbekundungen.

          Der Schuh gilt in der arabischen Welt als Symbol der Verachtung. Als Inbegriff von Unreinheit und Schmutz. Wer seinen tiefen Abscheu ausdrücken will, zeigt seine staubige Fußsohle oder wirft gleich den ganzen Schuh. Das Trampeln über Fahnen hat eine behauptende Funktion: Ich erkläre dieses Land für wertlos und böse.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Was bedeutet demgegenüber der Gürtel, welche symbolische Funktion hat ein Gürtelschlag? Die Frage stellt sich angesichts eines nur unter Schmerzen anzuschauenden Videos, das seit kurzem im Internet kursiert und weltweite Verbreitung gefunden hat: Darauf ist in verwackelten Bildern zu sehen, wie ein junger Mann in brauner Jacke mit einem schwarzen Gürtel auf den Filmenden losgeht, ihn mehrmals mit voller Wucht peitscht und dabei „Jahudi“ (arabisch für „Jude“) brüllt.

          Wie inzwischen bekannt wurde, war der einundzwanzigjährige angegriffene Mann, der sich selbst nicht als Jude, sondern als arabischen Israeli beschreibt, gewissermaßen versuchsweise mit einer Kippa durch den Berliner Bezirk Prenzlauer Berg spaziert, um einem Freund zu beweisen, dass das öffentliche Tragen der religiösen Kopfbedeckung hier ohne Probleme möglich sei. Vor einiger Zeit hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, öffentlich davor gewarnt, „sich in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben“. Gegen diesen Satz wollte der junge Mann wohl ein Zeichen setzen. Der Versuch ging furchtbar schief und produzierte Bilder, die jetzt bei vielen für großes Entsetzen sorgen.

          Explizite Demütigung

          Manche, wie auch die Bundeskanzlerin, verweisen auf den Antisemitismus, der auch von deutschen Staatsbürgern ausgehe. Zu Recht – allerdings darf damit die Aggressivität gegen Juden in Teilen des muslimischen Milieus nicht relativiert werden, zumal Religion und Staatsbürgerschaft nie zwingend zusammenhängen. Ob die Berliner Gürtelattacke aus religiösem Antisemitismus oder politischem Antiisraelismus – etwa als eine Reaktion auf das Agieren Israels im Gazastreifen – geschah, ist unklar.

          Was so oder so auffällt, ist die Symbolik des Angriffs: Das öffentliche Auspeitschen gilt in muslimisch geprägten Ländern ähnlich wie der Schuhwurf als explizite Demütigung. Diebe werden so bestraft oder publizistische Regimekritiker wie etwa der Blogger Raif Badawi, der in Saudi-Arabien zu tausend Peitschenhieben verurteilt wurde. Das symbolische Spezifikum des Gürtelschlags sei, so der Wiener Soziologe und Integrationsforscher Kenan Dogan Güngör, dass man das Opfer dadurch – anders als etwa beim Faustschlag – als Gegner nicht ernst nehme. Ähnlich wie das Bespucken oder Ohrfeigen diene der Gürtelschlag dazu, den anderen zu „demütigen, entmännlichen und zu verweichlichen“. Die Demütigung ist hier also wichtiger als die physische Verletzung.

          Zumindest halbbewusst könnte dieser Bedeutungshintergrund bei dem spontanen Angriff des offenbar palästinensischen Syrers, der sich inzwischen der Berliner Polizei gestellt hat, eine Rolle gespielt haben. Mit dem Angriff auf den Kippa-Träger als Repräsentationsfigur wäre somit der martialisch auftretende israelische Staat gedemütigt und „entmannt“ worden. Man kann diese Dimension bei der Beschreibung des Vorgangs nicht völlig vernachlässigen, wenn man die besondere Erschütterung erklären will, die das Video gerade für das Bildgedächtnis in Deutschland bedeutet: Juden wie Tiere zu behandeln, die man öffentlich auspeitschen und demütigen kann, weckt Erinnerungen an düsterste Filmaufnahmen. In dieser Hinsicht ist Angela Merkels Hinweis, jetzt solle noch mehr Lehrmaterial an Schulen verteilt werden, so hilflos er klingt, im Grunde vollkommen richtig. Aber es braucht jetzt mehr als bürokratische Versicherungsanzeigen: Es reicht nicht aus, zu betonen, man sei „froh“ über jüdisches Leben in Deutschland. Es geht hier um eine archaische Symbolsprache, die mehr ausdrücken will als nur offensichtliche Gewalttätigkeit. Dass der Angreifer bei seiner spontanen Aktion gerade den Gürtel als Waffe wählte, verweist auf die tiefverwurzelte kulturelle Prägung seiner Tat.

          Juden stehen in Deutschland unter einem besonderen Schutz. Der umfasst nicht nur ihre leibliche Sicherheit, sondern erstreckt sich auch auf ihre ikonographische Identität. Die Debatte um die „Echo“-Verleihung hat gerade erst gezeigt, wie sensibel hierzulande auf missverständliche Holocaust-Referenzen reagiert wird und werden muss. Natürlich hat recht, wer betont, dass der Aufschrei über Skinheads, die hierzulande Flüchtlinge angreifen, genauso laut sein muss wie in diesem Fall. Aber die beliebte Argumentationsform des „Whataboutism“ – hier: „Was ist mit euren Rechtsradikalen?“ – hilft nicht weiter. Wenn Menschen in Deutschland reflexhaft wegen religiöser Kleidung angegriffen werden, fordert das den ganzen gesellschaftlichen Ernst. Das heißt: Abstandnehmen von den üblichen Beschönigungen („Die Täter sind selbst Opfer“), auf Distanz bleiben zu Erhöhungen der Tat („Israel-Kritik“) und Zurückhaltung gegenüber der Kultur („Gangsta-Rap“) als Ausrede für Diffamierung.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.