https://www.faz.net/-gqz-9g9sc

Kommentar zu Antisemitismus : Wie Judenhass laut wird

Aus Angst vor Antisemitismus: Wenn Juden ihre Kippa lieber unter der Baseballmütze verstecken. Bild: dpa

Jetzt reden wir über Jan Böhmermann, Serdar Somuncu und Oliver Polak. Motto: Wer wusste von dem Gag mit dem Desinfektionsspray? Warum reden wir nicht über das Thema, um das es in Polaks Buch „Gegen Judenhass“ geht?

          Der Titel der Dokumentation, welche die ARD am späten Montagabend im Programm hatte (in der Mediathek ist sie verfügbar), wirkt etwas hochtrabend: „Der Antisemitismus-Report“ heißt sie. Ihr Autor Adrian Oeser versammelt darin alle Facetten, die das Phänomen hat.

          Da gibt es den Antisemitismus von Rechtsradikalen, den von Muslimen, den von linken „Israel-Kritikern“ und der Boykottbewegung BDS und den aus der gesellschaftlichen, vermeintlich „bürgerlichen“ Mitte.

          Es gibt Anschläge und Drohungen gegen jüdische Restaurantbesitzer in Chemnitz und Berlin, Provokationen einer AfD-Besuchergruppe in der Gedenkstätte Sachsenhausen, Schmähungen gegen Kinder und Jugendliche, die zum Sportverband Makkabi gehören, die geifernde Hasstirade eines Berliners und die gewaltsame Attacke eines Flüchtlings auf einen Kippaträger.

          Alles „Einzelfälle“, könnte man sagen, die nicht verallgemeinert werden sollten. Dann könnte man zur Statistik greifen, feststellen, dass die Zahl der gemeldeten Übergriffe und Straftaten kaum gestiegen ist, und geht – ähnlich wie beim Thema sexueller Angriffe auf Frauen – am Problem vorbei.

          Denn das beginnt nicht erst, wenn Bürger den Eindruck bekommen, dass der Rechtsstaat versagt und die Sicherheit, ohne die es keine Freiheit gibt, nicht mehr gewährleistet ist. Es beginnt im Alltag mit scheinbaren Kleinigkeiten, mit „Witzen“, mit abschätzigen Bemerkungen, mit Beschimpfungen, die sich zu einem Grundrauschen verdichten, das dazu führt, dass Bürger jüdischen Glaubens sich in der Öffentlichkeit unsichtbar machen, die Kette mit dem Davidstern unter dem T-Shirt tragen, keine Kippa aufsetzen und die kleinen Kinder des Rabbis der jüdischen Gemeinde in Offenbach sich lieber nicht in enger Vertrautheit mit dem Vater auf der Straße sehen lassen – weil das Anlass für Anfeindungen gibt, denen sie entgehen wollen.

          Das ist ein Befund, der sich nicht in der Kriminalstatistik findet, den Politik, Medien und Gesellschaft erst so langsam wahrnehmen und der, wie man jetzt am Streit um einen Jahre zurückliegenden Sketch des ZDF-Moderators Jan Böhmermann, über den sich der jüdische Komiker Oliver Polak in seinem aktuellen Buch (ohne den Namen zu nennen) beschwert hat, in den Hintergrund tritt, sobald es um persönliche Auseinandersetzungen geht, die zu Schaukämpfen werden. Das Thema sich ausbreitender Ressentiments, die im öffentlichen Raum geduldet oder ignoriert werden, ist zu wichtig, um es derart zu versenken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          Fukase ist ein Mörder

          Kanae Minatos neuer Krimi : Fukase ist ein Mörder

          In dieser Literatur tun sich makabre Abgründe auf: Kanae Minatos Krimi „Schuldig“ erzählt von einem alten Verbrechen, das die Ruhe der Davongekommenen stört.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Zwiebels Traum

          Peer Gynt in Frankfurt : Zwiebels Traum

          Als hätte sich David Lynch in den Cirque du Soleil verirrt: Andreas Kriegenburg inszeniert Henrik Ibsens Versdrama über den Borderliner „Peer Gynt“ in der deutschen Fassung von Peter Stein und Botho Strauß.

          Topmeldungen

          Niki Lauda ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

          Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

          Formel-1-Legende Niki Lauda ist gestorben: Der dreifache Formel-1-Weltmeister wurde 70 Jahre alt.

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.