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Antisemitismus-Studie : Es wird schlimmer, Tag für Tag

Einer der besonders beunruhigenden Funde der Antisemitismus-Studie ist, dass sich die Sprachmuster der historischen und der zeitgenössischen Judenfeindschaft frappierend ähneln. Bild: Claudia Blum

In Berlin wurde die bisher größte Studie zum Antisemitismus und der „Netzkultur des Hasses“ vorgestellt. Sie beweist: Die Klischees sind lebendiger denn je.

          Es ist erst wenige Wochen her, da zeigte sich der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, „schockiert“ über die Zunahme antisemitischer Vorfälle in Deutschland. In Zukunft, so Klein, sollten dergleichen Übergriffe bundesweit zentral erfasst werden, das sei eine seiner ersten Aufgaben. Einen anderen Akzent setzte der Berliner Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz, Autor zahlreicher Studien zur NS-Zeit. Wissenschaftlich lasse sich ein solcher Anstieg nicht nachweisen, und man sei gut beraten, Antisemitismus in Deutschland nicht übertrieben darzustellen. Es gebe auch keinen „neuen“ Antisemitismus, so Benz, es sei vielmehr „der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft“. Schlimm genug, „dass es ihn überhaupt gibt“.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wer in den letzten sechs Monaten dennoch das Gefühl hatte, da habe sich an Frequenz, Gefährlichkeit und Dreistigkeit antisemitischer Übergriffe etwas verändert, von der Verhöhnung von Juden auf offener Straße über die öffentliche Prämierung von Hass-Rappern bis zu verbalen und tätlichen Angriffen auf Träger der Kippa, wird sich durch die soeben vorgestellte Langzeitstudie der Technischen Universität Berlin bestätigt fühlen. In der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Arbeit „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ belegen die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel und ihre Mitarbeiter über die letzten zehn Jahre hinweg eine starke Zunahme antisemitischer Äußerungen im Netz, auch und gerade auf den Kommentarseiten der Qualitätsmedien. Gestützt werden ihre Funde durch Stichproben auf Twitter, Facebook und auf der – offenbar besonders permissiven – Videoplattform Youtube.

          Unverhohlene Formulierungen

          Der Anstieg geht mit einer „semantischen Radikalisierung“ einher, das heißt: Dinge, die früher verschämter geäußert, gleichsam mitgeschmuggelt wurden, können jetzt unverhohlen geschrieben werden, oftmals in Formulierungen, die in Qualitätsmedien nicht als zitierfähig gelten – und das alles wiederum in einem Medium, das bekanntlich nichts vergisst und mutmaßlich länger währt als das ewige Eis. Zugleich habe sich, so Schwarz-Friesel bei der Präsentation der Studie, das Sichtbarkeitsfeld antisemitischer Äußerungen „exorbitant vergrößert“. Die Professorin und ihre Leute widersprechen damit der geläufigen These der vergangenen Jahre, Antisemitismus befinde sich in Deutschland auf dem Rückzug. „Das können wir überhaupt nicht bestätigen, im Gegenteil. Klassische Judenfeindschaft ist nach wie vor die primäre Basis für alle Antisemitismen, egal ob sie nun von rechts, links, aus der Mitte oder von Muslimen kommen.“

          Um die Tragweite der Studie einzuschätzen, muss man etwas zu Methodik und Repräsentativität sagen. Vorgestellt wurde im vollbesetzten Uni-Saal die zehn Seiten lange Kurzversion, unterstützt von Powerpoint-Statistiken. Die Langfassung sollte wenige Stunden später im Netz verfügbar sein – was sie leider nicht war – und wird in dieser Zeitung demnächst im Detail bewertet.

          Die Datenbasis der Studie, ein internationales Pilotprojekt, ist von einschüchterndem Umfang. Eigens entworfene „Crawler“, also für Internetsuche geschriebene Computerprogramme, haben mehr als 66000 Websites durchmustert und mehr als eine Viertelmillion User-Kommentare durchsucht. Geprüft wurden nicht nur Onlinemedien und soziale Medien, sondern auch Ratgeberportale und Diskussionsforen zu Themen wie Judentum in Deutschland, Nahostkonflikt, Erinnerungskultur, Solidaritätsaktionen und anderen. Um die Unterschiede zwischen anonymen Äußerungen und mit Namen versehenen Kommentaren herauszuarbeiten, dienten 20000 E-Mails an die Israelische Botschaft in Berlin und den Zentralrat der Juden in Deutschland von 2012 bis 2018 als „Vergleichskorpus“. Eine derart umfangreiche Untersuchung in Raum und Zeit hat es noch nie gegeben.

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