https://www.faz.net/-gqz-9cg3z

Antisemitismus-Studie : Es wird schlimmer, Tag für Tag

Man kann es schreiben, und nichts passiert

Zu den wahrhaft beunruhigenden Funden der Studie gehört, dass sich die Sprach- und Verunglimpfungsmuster der historischen und der zeitgenössischen Judenfeindschaft frappierend ähneln. Antisemitische Klischees wie „Fremde“, „Verschwörer“, „Wucherer“, „Landräuber“ oder „Kinder- und Christusmörder“ sind durch die Jahrhunderte weitergereicht worden und erscheinen unrelativiert und kontextfrei in Netzkommentaren. Man kann dergleichen schreiben, und nichts passiert. Die AfD wurde in diesem Zusammenhang kaum erwähnt; aufschlussreicher ist die Verankerung antisemitischen Denkens in linken, rechten und muslimischen Kreisen allgemein. Für all das wurden zahllose Türmchen und Prozentzahlen an die Wand geworfen, aber die zu bewerten muss noch etwas warten.

Auf die Einordnung kommt es an, und dafür muss man etwas über die Kodierung der Daten wissen. Also: Wonach genau wird gesucht? Die Studie unterscheidet zwischen drei Typen: klassisch-antisemitisch, Post-Holocaust-antisemitisch und israelbezogen-antisemitisch. Der jüngste Fall der Karikatur des israelischen Premiers Netanjahu, welche die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlicht hatte, für deren Erscheinen am Ende aber nur der uneinsichtige Karikaturist zur Rechenschaft gezogen (und gefeuert) wurde, wäre ein Beispiel für den dritten Typus.

So klare Diskursfronten, in denen es auch prominente Verteidiger gab, sind jedoch die Ausnahme. In Netzforen wird anonym dahergebrabbelt, geschimpft und gehetzt, ohne dass es Folgen hätte, und oft reicht ein Klick, um von der Diskussions- zur Hassseite zu springen. Die schiere Masse des anstößigen Materials macht den Gedanken an Reform oder pädagogische Bemühung von vornherein utopisch. Offenbar reichen Hunderte Holocaust-Gedenkstätten nicht aus, weil es vielleicht um etwas ganz anderes geht als Geschichtsbilder und Erinnerungskultur: Dumpfheit, Unbildung und mangelnde Affektkontrolle. Nicht, dass es ein Trost wäre, doch dieser Befund gehört wohl zur Signatur des Internetzeitalters.

Fazit: Antisemitismus ist nicht nur omnipräsent und konsolidiert, er wächst im Netz stetig an (was er allerdings mit der Pornographie, Online-Datingsites und einigen anderen Phänomenen gemeinsam hat, vermutlich, weil das Internet immer noch gleichbedeutend mit besinnungslosem Wachstum ist) und wird obendrein hässlicher, brutaler und intransigent. Zwischen 2007 und 2017, so die Studie, hätten antisemitische Äußerungen in den Kommentarbereichen der Online-Qualitätsmedien – darunter diese Zeitung, „Zeit“, „Welt“, „taz“ und „Süddeutsche Zeitung“ – von 7,5 auf gut dreißig Prozent zugenommen. Dreißig Prozent von was? Das war noch nicht genau zu erfahren. Den gebildeteren Schichten attestiert die Studie, sie artikulierten ihren Judenhass nicht ganz so offen, sondern pseudorational und „in Verbindung mit Abwehr- und Umdeutungsstrategien“. Auschwitz wird demnach nicht geleugnet, sondern komplex in das Ich-Bild des gebildeten Nachkriegsdeutschen und Geschichtsbewältigers eingearbeitet.

Fragen an die federführende Autorin der Studie wird es sicherlich geben: Ob sie nicht übertreibe; was man denn jetzt tun solle; ob ihre Definition dessen, was Antisemitismus sei, genügend Randschärfe habe; und ob ihre Studie nicht Deutungsmuster der Verdächtigung über alles und jedes lege, mithin Gefahr laufe, auch nicht-antisemitische, sondern lediglich kritische Texte zu inkriminieren? Diese Debatte anzustoßen wäre schon ein großes Verdienst.

Weitere Themen

Kennen doch die Kundschaft

„Jahrbuch für Kulinaristik“ : Kennen doch die Kundschaft

Im chinesischen Restaurant gibt’s manchmal auch zu raffinierte Sachen, jedenfalls für den Geschmack der Stammgäste: Das „Jahrbuch für Kulinaristik“ studiert die Assimilationsrezepte wandernder Köche.

Topmeldungen

Zu häufiges Nutzen des Smartphones kann krank machen. Aber ganz darauf verzichten geht heutzutage auch nicht.

Data Detox : Wie man mit wenigen Schritten seine Datenflut eindämmt

Unsere Datenflut kommt Konzernen wie Facebook und Google zugute, wobei alles andere als klar ist, was genau mit den Informationen geschieht. Mit einigen Tipps kann man sein Handy vor Zugriffen schützen.
Erkennt Widersprüche und artikuliert sie auch: Snowdens Buch ist keine rührselige Beichte.

Snowdens „Permanent Record“ : Die Erschaffung eines Monsters

Nicht die Rebellion, die Regierungstreue steht am Anfang dieser Biographie: Edward Snowden erzählt glänzend, wie er erwachsen wurde, während die digitale Welt ihre Unschuld verlor.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.