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Antisemitismus-Kommentar : Wir sollten alle Kippa tragen

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

In Berlin wird ein Mann auf der Straße attackiert, weil er eine Kippa trägt. Wie er sich gefühlt haben muss und was einem in dieser Sache die Augen öffnet, steht bereits in einem Roman von 1955.

          Wenn alle unter sich blieben, müsste niemand einen Mann mit Kippa mit dem Gürtel schlagen. War es nicht immer so? Dann herrschte Frieden. In den Vorstadtsiedlungen könnte sich der Mittelstand sicher fühlen, alle Nachbarn sähen einander ähnlich, trügen dieselben Anzüge und Kleider, äßen, was der andere isst, sagten dieselben Dinge, wichtige und nicht so wichtige. Schaute man in den Mülleimern nach, fänden sich in ihnen dieselben Abfälle. Ein schönes Modell auch für die Städte, in welche die Menschen aus den Vorstädten pendeln, um in Büros mit ihresgleichen den Lauf der Welt in Gang zu halten, in gehobenen und auch in niederen Positionen, jeder ein Rädchen im Getriebe, das zu ihrer aller Wohl den Fortschritt antreibt.

          Was aber, wenn einer kommt, der anders aussieht? Der eine Kippa trägt, einen Turban, einen Bart in falscher Länge, ein Kopftuch, eine andere Haut? Dann müssten Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Wenn nötig mit Gewalt. In Arthur Millers einzigem Roman, der „Focus“ heißt und kürzlich in einer limitierten und von Franziska Neubert illustrierten Ausgabe noch einmal auf Deutsch erschienen ist (übersetzt von Doris Brehm bei der Edition Büchergilde nach der Fischer Taschenbuchausgabe) ist es keine Kippa, die denen, die meinen, alle müssten sein wie sie, missfällt, sondern eine Brille.

          Newman, so heißt der arme Held dieser Geschichte, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs spielt und die Miller angesichts sich verstärkenden Antisemitismus in den Vereinigten Staaten 1955 geschrieben hat, Newman also verliert zusehends sein Augenlicht. Liegt es daran, dass er sich bisher aus allem, was Konflikt verhieß, herausgehalten hat? Dass er nicht protestierte, als die Anfeindungen gegen Finkelstein begannen? Dass er nicht widersprach, als sein Chef ihn schalt, weil er Frau Kapp eingestellt hatte, die vermutlich Kapinsky hieß? Hatte er das nicht gesehen? Jedenfalls braucht Newman dringend eine Brille, um die Verhältnisse klar zu erkennen. Und tatsächlich. Mit der Brille wird alles anders. Vor allem allerdings in der Art, wie andere ihn sehen. Newman mit Brille.

          „Mein Gott“, so begrüßt ihn seine Mutter, als er nach Hause kommt, „du siehst beinahe aus wie ein Jude.“ Newman, der alle Juden für Schwindler hält, hat in den Spiegel geschaut und weiß das. Seitdem schwitzt er. Hat kalte Hände. Zieht den Kopf zwischen die Schultern. Sein Chef versetzt ihn in ein Büro, in dem er nicht gesehen werden kann, bevor er ihn entlässt. Newman will schreien, „ich bin kein Jude“, was den Tatsachen entspricht. Für eine Weile macht er sich mit den Freds und Carsons gemein, die behaupten, „die Invasion“ habe begonnen. Dann wird er als „Saujud“ beschimpft und wehrt sich nicht. Er wird zusammengeschlagen. Gedrängt, sein Haus zu verlassen. Wieder verprügelt. Endlich geht er zur Polizei. Der Polizist ist Ire. „Wie viele von Ihren Leuten wohnen in Ihrer Straße“, fragt der Polizist. Wie viele Juden, meint er. „Die Finkelsteins und ich“, antwortet Newman. Wir sollten alle Kippot tragen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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