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Antisemitismus in Frankreich : Und was ist mit den Juden?

  • -Aktualisiert am

Dieses ausführliche Bekenntnis wurde vor dem jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ an der Porte de Vincennes angebracht. Bild: AFP

Das Bekenntnis „Ich bin Charlie“ beschwört die Pressefreiheit. Es lässt jedoch vergessen, dass der islamistische Terror immer auch die Glaubensfreiheit bedroht. Der Antisemitismus trat in Paris offen zutage.

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          Wenn in den achtziger Jahren Solidarität beschworen wurde, setzten die Protestbewegungen auf allgegenwärtige Betroffenheit: Gorleben war überall, auch die Startbahn West war überall und erst recht Tschernobyl. Auch in anderen Zusammenhängen sollte die Verwischung von Unterschieden Verständnis signalisieren und Unterstützung mobilisieren: „Sind wir nicht alle behindert?“ ist so eine ideologisch geprägte Erkenntnis, die den Brillenträger mit der Blinden gleichstellt, den Rollstuhlfahrer mit dem, der ein zu kurzes linkes Bein hat, und den psychisch Kranken mit dem, der gelegentlich Kopfschmerzen hat.

          Wenn jetzt im Internet, aber auch auf Demonstrationen von Menschen, die das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ noch nie in der Hand gehalten haben, erklärt wird „Je suis Charlie“, dann wird diese Politik der symbolischen Solidarisierung auf bemerkenswerte Weise fortgeführt, wobei unklar bleibt, ob die Hunderttausenden bekennenden Charlies sich auch als Opfer des brachialen Überfalls sehen oder als potentielle Karikaturisten präsentieren wollen, die mit Mut und Entschlossenheit gegen alle Drohungen zeichnen, was gezeichnet werden muss. Weil das Bekenntnis, „Charlie“ zu sein, aber ohnehin in erster Linie Ausdruck einer Stimmung ist und weder Ergebnis einer Analyse noch Bestandteil einer politischen Strategie, war Klarheit auch gar nicht zu erwarten. Das Diffuse des auch nicht zufällig durch einen Hashtag bei Twitter erstmals verkündeten Bekenntnisses war Voraussetzung für dessen überragenden Erfolg.

          Angesichts dessen überrascht es nicht, dass die Ermordung von vier jüdischen Geiseln in einer Filiale der koscheren Supermarktkette Hyper-Cacher keine ähnlich aufsehenerregende Reaktionen motiviert hat. Auch dass in der betroffenen Öffentlichkeit nur selten vermerkt wurde, dass die Psychoanalytikerin Elsa Cayat, die einzige Frau unter den ermordeten „Charlie Hebdo“-Mitarbeitern, Jüdin war, fügt sich in dieses eher triste Bild ein, das die Autorin Ramona Ambs auf Facebook resigniert kommentierte: „Dass jüdischen Toten erfahrungsgemäß nicht so viel Empathie entgegengebracht wird, daran hab’ ich mich im Lauf der Jahre schon gewöhnt.“

          „Je Suis Juif“

          Tatsächlich gab es das nicht nur, aber gerade auch in Frankreich in den vergangenen Jahren etliche brutale Übergriffe und sogar Morde, die sich gezielt gegen Juden richteten und keineswegs so überbordende Protestwellen und Solidarisierungen auslösten wie der aktuelle Anschlag. So war auch der Mörder von vier Besuchern des Jüdischen Museums in Brüssel im Sommer vergangenen Jahres Franzose. Im März 2012 wurden vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse drei Schüler und ein Lehrer erschossen. Die Zahl antisemitischer Straftaten in Frankreich nimmt stetig zu, und auch die Zahl französischer Juden, die nach Israel ziehen, weil sie sich in Frankreich nicht mehr sicher fühlen, steigt: 2013 waren es 3000, 2014 mehr als doppelt so viele (F.A.Z. vom 10. Januar).

          In Frankreich leben derzeit etwa 500 000 Juden, es ist das europäische Land mit der größten jüdischen Gemeinschaft. Wenn hier der Antisemitismus zunehmend blutige Exzesse feiert und davon ausgegangen werden muss, dass auch in einem Fall wie diesem, wo mit „Charlie Hebdo“ die Presse- und Meinungsfreiheit ins Visier genommen wurde, Juden jedenfalls auch getötet werden sollen, dann ist die politische Öffentlichkeit mehr gefordert, als sie es gegenwärtig wahrhaben will.

          Auch wenn mittlerweile auf Twitter mit einiger Verzögerung die „Je Suis Juif“-Solidarisierungen zunehmen, bleiben sie doch Ausnahmen, selbst gemessen am Hashtag „JeSuisKouachi“, und werden zudem oft durch gleichzeitig erfolgte Bekenntnisse, auch „katholisch“, „muslimisch“ oder „baskisch“ zu sein, entwertet. Das wird dem Geschehen in Paris nicht gerecht. Dass in Paris am Wochenende das jüdische Gemeindeleben weitgehend zum Erliegen kam, dass Gottesdienste abgesetzt wurden und die Angst über die Empörung triumphierte, zeigt, dass wir uns an einem Scheideweg bewegen - und der betrifft in erster Linie nicht die Pressefreiheit, sondern die Glaubensfreiheit, und zwar vor allem von Juden.

          Für sie ist mindestens so wichtig wie der Polizeischutz, der nicht umfassend gewährleistet werden kann, der entschlossene Rückhalt durch die Gesellschaft, der kein Aber kennen darf, insbesondere kein Aber mit Verweis auf die Politik Israels - paradoxerweise das Land, das den vielen Juden, die sich in europäischen Staaten immer weniger sicher fühlen, als Zuflucht dient, die zwar auch nur in begrenztem Maße Sicherheit bietet, aber dafür eine Gesellschaft, in der sie nicht immer stärker das Gefühl haben müssen, unerwünscht zu sein.

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