https://www.faz.net/-gqz-7t4qw

Antisemitismus : Der wehrhafte Jude als Dorn im Auge

  • -Aktualisiert am

„Hitler would be proud“ heißt es auf dem Poster einer Londoner Demonstrantin: Hamid Dabashis These ist eine beliebte Parole. Bild: AFP

Muss man Auschwitz jetzt der Hamas überlassen? Ein Columbia-Professor nimmt Israels Gaza-Bombardement zum Anlass für eine Geschichtsklitterung neuen Stils: Er sieht Parallelen zwischen dem Holocaust und israelischen Angriffen.

          Unlängst erschien ein Artikel auf der englischsprachigen Internetseite des arabischen Fernsehsenders Al Dschazira, in dem sich Hamid Dabashi zu Wort meldete. Er lehrt Iranstudien und Vergleichende Literaturwissenschaft an der New Yorker Columbia-Universität, die den vertriebenen Frankfurter Sozialforschern Horkheimer und Adorno während des Nationalsozialismus Zuflucht gewährt hatte. Dabashi zitiert Adornos These von 1949, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, und fragt, was genau mit ihr gemeint gewesen sei: „Wie könnte Gedichteschreiben nach einem Unheil wie Auschwitz und im weiteren Sinne einem Schrecken wie dem Holocaust etwas Barbarisches sein? Tröstet nicht die Poesie in Momenten von Trauer und Verzweiflung?“

          Das tut sie zuweilen, könnte man antworten, und genau dies kritisierte Adorno: den voreiligen Trost angesichts des Trostlosen. Aber Dabashi will mit seinen rhetorischen Fragen auf etwas anderes hinaus: „Ist das Gedichteschreiben nach Gaza ebenfalls barbarisch? Was würde das bedeuten?“ Es würde bedeuten, in einem Akt motivierter Geschichtsblindheit Auschwitz mit dem gegenwärtigen Militäreinsatz Israels im Gazastreifen gleichzusetzen. Das ist offensichtlich die Absicht des gesamten Artikels: „,Tod den Arabern‘, schreit der Mob in Tel Aviv - denn dies ist die Poesie des Zionismus für Gaza. Dies ist es, was Adorno meinte, als er sagte, ,nach Auschwitz ist Poesie Barbarei‘.“

          Nun hat Adorno das gerade nicht gesagt. Ihm ging es vielmehr um den Akt des Schreibens, um die veränderten künstlerischen Produktionsbedingungen. Aber wen es nicht interessieren darf, was der Mob nicht nur in Gaza schreit - die, in Dabashis zynischer Diktion, Poesie des Antisemitismus, die weitaus älter ist als Tel Aviv -, dem ist es auch egal, was Adorno sagte und meinte. Es sei die „ganze Welt, kristallisiert in Israel, die Adorno sah, diagnostizierte und fürchtete“. Einerseits zeigt sich hier, dass selbst radikale parteiische Gesellschaftskritik in ihr glattes Gegenteil verkehrt werden kann, sobald sie in die Hände von Subjekten gerät, die sich ihrer Vernunft nur noch instrumentell bedienen können: Man schreibt nicht um der Wahrheit willen, sondern, um eine Ideologie durchzusetzen. Andererseits wehrt sich Adorno, der von den Nürnberger Rassengesetzen sowie Dabashi zum Juden gemacht wird, weil Letzterer einen jüdischen Gewährsmann braucht, gegen seine postume Vereinnahmung als Antizionist.

          Grauen als Argument

          Adorno schrieb am 5. Juni 1967, während des Sechstagekrieges, an seine Wiener Freundin Lotte Tobisch: „Wir machen uns schreckliche Sorgen wegen Israel. In einem Eck meines Bewußtseins habe ich mir immer vorgestellt, daß das auf Dauer nicht gutgehen wird, aber daß sich das so rasch aktualisiert, hat mich doch völlig überrascht. Man kann nur hoffen, daß die Israelis einstweilen immer noch militärisch den Arabern soweit überlegen sind, daß sie die Situation halten können.“ Der wehrhafte Jude ist es, der den Antisemiten dieser Welt ein Dorn im Auge ist: So hatten wir nicht gewettet, wehren sich doch die frechen Judenlümmel, wenn wir sie jahrzehntelang bekämpfen!

          Was Adorno tatsächlich diagnostizierte und fürchtete - wie zu sehen ist: zu Recht -, das waren Figuren wie Hamid Dabashi, denen, fern aller Scham darüber, dass auch aus dem „Unrecht an den Opfern ein sei’s noch so ausgelaugter Sinn gepreßt wird“, siebzig Jahre nach dem Holocaust nichts Besseres einfällt, als das Grauen zum Argument gegen diejenigen umzufälschen, deren Vernichtung damals trotz aller Systematik und Industrialisierung der Tötung doch nicht gänzlich gelungen ist.

          Dabashi mag einwenden, er sei kein Antisemit, sondern Antizionist. In einer Welt jedoch, die - entgegen dem Gewäsch von den „United States of Israel“, das er 2008 in der ägyptischen Zeitschrift „Al-Ahram“ von sich gab - prinzipiell judenfeindlich ist, läuft zumindest konsequenter Antizionismus notwendig auf den Antisemitismus hinaus. Wo sollen die Juden, die sich überall als auserwähltes, aber eben nicht als „unser Volk“ ausgrenzen und bedrohen lassen müssen, denn hin? Eine Welt ohne den Staat Israel gab es bereits, an ihrem Ende konnten ein „paar Juden“ (Adorno) froh sein - aber nicht werden -, dass sie überlebt hatten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.