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Antisemitismus-Debatte : Wer hat Achille Mbembe gelyncht?

Achille Mbembe Bild: Stephanie Fuessenich/laif

Der kamerunische Denker Achille Mbembe steht wegen seiner Haltungen und Äußerungen zu Israel in der Kritik. Seine Verteidiger sprechen von Hexenjagd und einem Klima des Verdachts. Eine Klarstellung.

          7 Min.

          Die Diskussion um Achille Mbembe ist außer Rand und Band geraten. Anlässlich der Einladung an den Historiker, die inzwischen abgesagte Ruhrtriennale mit einem Vortrag zu eröffnen, war es zu Zweifeln an seinen großflächigen Thesen zum Verhältnis von Kolonialismus, Israels Besatzungspolitik, Südafrikas einstiger Rassentrennung und dem Holocaust gekommen.

          Geäußert hatten sie zunächst ein lesender FDP-Abgeordneter in Nordrhein-Westfalen, Lorenz Deutsch, sowie Felix Klein, der „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus“. Relativiert Mbembe den Holocaust? Unterstützt er die vom Bundestag verurteilte Kampagne BDS, die weltweit Boykotte gegen Israel organisiert und in der sich auch Leute finden, die Israels Existenzrecht bestreiten?

          Inzwischen haben 37 Wissenschaftler und Künstler die Entlassung Kleins gefordert, weil er Mbembe zu Unrecht als Antisemiten hingestellt habe. Klein sei überdies von der BDS-Kampagne „eindeutig besessen“. Den Rücktritt des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Klein beigesprungen war, forderten die Wissenschaftler nicht. Der Afrikanist Andreas Eckert erkannte „Anzeichen einer Hexenjagd“, obwohl er als Historiker schon wissen könnte, was eine Hexenjagd ist und wie wenig sich der Beauftragte im Innenministerium auch nur anzeichenhaft für die Rolle von Heinrich Institoris eignet. Mbembe hat das ausgeweitet, er spricht von einer Hexenjagd „gegen alle, die nicht so sind wie wir“.

          Andernorts wurde behauptet, es werde versucht, Mbembe als antikoloniale Stimme „auszuschalten“. Das sagt nun auch Mbembe: Man habe keinen Neger auf dem Festival haben wollen. Und er nennt, was ihm geschah, einen Lynchmord („lynchage“). Dagegen wirkt die Sorge der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann geradezu rührend, die „Hermeneutik des Verdachts“, die sich in der Kritik an Mbembe zeige, sei für „Menschen in leitenden Stellungen happig“, denn sie müssten mit Entlassung und bleibender Stigmatisierung rechnen. Menschen in leitenden Stellungen. Die Intendantin der Ruhrtriennale, die womöglich gemeint war, beklagte, Mbembe werde „öffentlich in Stücke gerissen“, die Diffamierung sei „unvergleichlich“. Unvergleichlich im Verhältnis wozu? Drumont? McCarthy? Den Kampagnen von „Bild“ gegen Wallraff? Der Soziologin Eva Illouz wiederum gelang es, innerhalb eines Interviews festzustellen, Mbembe dämonisiere Israel, sei gleichgültig gegenüber der Geschichte der Juden, ignoriere bei seinen Vergleichen tatsächliche Völkermorde – aber Felix Klein habe ihn „denunziert“. Bei wem denn? Oder meinte sie nur, Klein habe genauso haltlos dahergeredet wie Mbembe, der nun mitteilt, er werde „bis zu seinem letzten Atemzug“ eine Entschuldigung von Felix Klein fordern?

          Besessen, Hexenjagd, ausschalten, öffentlich in Stücke gerissen, gelyncht, unvergleichliche Diffamierung, denunziert, letzter Atemzug. Mbembe leitet seinen jüngsten Text mit der Bemerkung ein, es gehe ihm gut, er sei in Sicherheit, man habe sich aber zu Recht um ihn Sorgen gemacht. Seine Unterstützer wüssten, wie leicht es sei, „uns zum Schweigen zu bringen“. Man habe ihn gefragt, ob der FDP-Abgeordnete mit Neonazis in Verbindung stehe. Er wisse es nicht.*

          Halten wir darum noch einmal fest: Es geht um Texte und die Frage, ob jemand zu einem Vortrag eingeladen werden sollte. Die Kritiker Mbembes beriefen sich auf Passagen in dessen Buch „Politik der Feindschaft“ und ein Vorwort zum Sammelband „Apartheid Israel“. In ihnen schreibt Mbembe dem jüdischen Staat Ausrottungsphantasien und die Absicht zu, das palästinensische Leben wie Müll entsorgen zu wollen.

          Mbembe findet einerseits, das israelische Besatzungsregime sei schlimmer als die einstige südafrikanische Rassentrennung. Andererseits sei das südafrikanische Apartheidregime, wie die Vernichtung der europäischen Juden, nur in einer ganz anderen Größenordnung, die Manifestation eines kolonialen „Trennungswahns“.

          Er habe ja „andere Größenordnung“ und „anderer Kontext“ gesagt, rechtfertigen Mbembes Verteidiger diesen Vergleich. Was die Urteile „Israel schlimmer als Südafrika“ und „Südafrika in puncto Trennungswahn von geringerer Größenordnung als der Holocaust“ zusammengenommen ergeben, dazu sagen sie nichts. Nach Mbembes „Contre-attaque“ auf dem kamerunischen Portal „Cameplus“ haben sie zusätzlich das Problem, dass er nun nicht einmal verglichen haben will.

          Blindes Umsichschlagen

          „Er vergleicht ständig alles mit allem“, meinte ein Redakteur der „taz“ und fand das „universalistisch“. Jetzt behauptet Mbembe, jedenfalls an einem Vergleich von Südafrika und Israel nicht interessiert gewesen zu sein. Das Gegenteil ist zwar der Fall, aber wer wie Mbembe im selben Text dem FDP-Abgeordneten unterstellt, mit ihm in einer Regierung hätten „Neger“ niemals das Recht erlangt, Petitionen zu unterzeichnen, befindet sich ohnehin im Zustand blinden Umsichschlagens.

          Dass er die „Besetzung Palästinas“ vergleichend zum „größten moralischen Skandal“ unserer Zeit erklärte und zur globalen Isolation Israels aufrief, war den meisten seiner Verteidiger kein Wort wert. Stattdessen behaupten sie, Kritik an der israelischen Politik gelte in Deutschland sofort als antisemitisch. Gilt sie nicht, aber deckt die Unterscheidung jede Form solcher Kritik? Wenn Israels Regime zum Inbegriff des Bösen unserer Zeit gemacht wird, liegen Rückfragen nach den Prämissen solcher Urteile nahe. Zumal, wenn Mbembe als Muster aller „Politik der Feindschaft“ die angebliche Vergeltungslogik der alten jüdischen Rechtsordnung bezeichnet.

          Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus

          Der Historiker Thomas Weber hat gerade auf einen Reisebericht aufmerksam gemacht, den der damals fünfunddreißigjährige Mbembe 1992 unter dem Titel „Israel, die Juden und wir“ publiziert hat (F.A.Z. vom 9. Mai). In ihm zeigt sich, wie früh Mbembe der Holocaust als ein Ereignis in der Geschichte des Kolonialismus erschien. Weswegen für ihn Israel ein einziger Verrat an der Verfolgungserfahrung der Juden ist.

          In seiner philosophischen Erhabenheit über konkrete Tatbestände sagt Mbembe nie, ob er unter jener „Besetzung Palästinas“ die jüdische Besiedlung vor 1948, die Staatsgründung oder die „besetzten Gebiete“ von 1967 meint. Vor dem Hintergrund seiner Aufteilung der Weltgeschichte in Täter und Opfer ähnele, so Weber, die israelische Besatzungspolitik den Schandtaten afrikanischer Despoten in der nachkolonialen Ära. Über Israel, von dem es 2015 hieß, es gehe den Weg einer schrittweisen (incremental) Auslöschung der Palästinenser, heißt es schon 1992, es nehme „den Platz der Mörder ein“. Auch hier vergaß Mbembe nicht zu erwähnen, dass der Gott der Juden ein Rachegott sei.

          Merkwürdig genug ist, dass Mbembe vor diesem Hintergrund bestreitet, in Verbindung zur BDS-Kampagne zu stehen. „Die Wahrheit ist“, sagte Mbembe dem Deutschlandfunk, „dass ich keinerlei Beziehung zum BDS habe.“ Das ist gelogen. Einnahmen aus jenem Sammelband, dem er das Vorwort zugunsten der globalen Isolation Israels schrieb, gingen an eine der Gründungorganisationen des BDS. 2015 unterschrieb er eine Petition südafrikanischer Forscher, die dazu aufrief, von Israel finanzierte wissenschaftliche Konferenzen zu boykottieren.

          Damit konfrontiert, erklärte Mbembe, tatsächlich habe er einst daran geglaubt, der Boykott universitären Austauschs könne „fruchtbar“ sein. Doch nach reiflichem Nachdenken finde er, „dass ein Boykott nicht unterschiedslos erfolgen darf“. Dieses Nachdenken scheint gerade erst stattgefunden zu haben. Denn Ende November 2018 noch ließ er zusammen mit einer Kollegin die Organisatoren einer Konferenz an seiner eigenen Universität Witwatersrand wissen, sie zögen ihre Teilnahme zurück, komme es nicht „zu einer zufriedenstellenden Einigung zwischen der BDS-Bewegung und dem Organisationskomitee“.

          Absichtsvoll geerntete „Lesefrüchte“

          Nachdem israelische Forscher abgesagt hatten, darunter die mit Friedenserziehung im palästinensisch-israelischen Kontext befasste, damals schon emeritierte Psychologin Shifra Sagy, sah sich Mbembe wieder frei teilzunehmen. So viel zu: keinerlei Beziehung zu BDS. So viel auch zu: symbolisches Sichaufblasen von Professoren zwecks wohlfeiler Demonstration von politischer Entschlossenheit. Der Effekt im angeblich gemeinten Konflikt: null.

          Aleida Assmann hat behauptet, die Debatte um Mbembe finde in einem Klima des Verdachts statt. Sie selbst verdächtigt ihrerseits den, der sich ins Bild zu setzen suchte, was Mbembe geschrieben hat, nur das Interesse zu verfolgen, verdächtige Stellen in dessen Werk zu finden. Wer zitiert, präsentiert für sie absichtsvoll geerntete „Lesefrüchte“.

          Die Kulturwissenschaftlerin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Aleida Assmann

          Das ist symptomatisch für jenes Klima. Nicht ob es entsprechende Aussagen Mbembes gibt wird gefragt, sondern was diejenigen im Schilde führen, die zutreffenderweise behaupten, es gebe sie. Der Vorwurf lautet, Kritiker Mbembes hätten aus dessen umfangreichem Werk ja nur die wenigen seltsamen Passagen gelesen, in denen er die komplette Isolation Israels fordert, die Feindschaft in der Welt auf das „alttestamentarische“ Prinzip der Talion (Auge um Auge) zurückführt oder den Holocaust als „Preis“ bezeichnet, den die Juden für die Gründung eines Volks auf „Blut und Boden“ gezahlt hätten.

          Darf auch auf jene Passagen nur hinweisen und fragen, wie sie gemeint sind, wer arglose Lektüre unter Beweis stellen kann? Aber wie authentifiziert man sachliches Interesse, wenn man es hat? Vielleicht durch Argumente, die sich nicht in Zitaten erschöpfen, so als sei durch sie schon alles gesagt.

          Assmann suggeriert, es handele sich bei den Kritikern Mbembes um Diskurspolizisten, die eine Wohnung auf den bloß gerüchteweisen Verdacht hin durchsucht hätten, dort Beweismaterial gegen den Bewohner zu finden, also unrechtmäßig. Aber Texte sind keine Wohnungen, sie sind öffentlich. Und die Vermutungen kamen nicht irgendwie auf, sondern aus den Texten. Das muss nicht bedeuten, dass sie zutreffen, aber ob sie zutreffen, lässt sich nicht ohne Diskussion entscheiden.

          Rhetorik der Superlative

          Wie kommt es umgekehrt, dass gerade den Kennern Mbembes jene Passagen nicht aufgefallen sind? Weil sie unauffällig wären, harmlos? Es kam sogar die fabelhafte Behauptung auf, sie könnten gar nicht problematisch sein, sonst wäre das ja schon beim Erscheinen der Bücher aufgefallen. Ijoma Mangold hat in einer ebenso glänzenden wie fairen Analyse in der „Zeit“ notiert, Mbembes Rhetorik kenne nur Superlative. Bei jeder moralisierbaren Tatsache steigert er sich in maximal düstere Beschreibungen wie Anklagen hinein.

          Das zieht nicht nur bestimmte Mentalitäten an, es suggeriert auch die Teilhabe an einem universellen Kampf – durch Lektüre und Vorträgehalten. Das entsprechende Herzpochen übertönt die Irrtümer. Nichts gegen das Unterschreiben von Aufrufen, Petitionen, offene Briefen. Aber die Welt „zu reparieren“, wie es Mbembe als seine Absicht bekundet hat, die ganze Welt in ihrer Verfinsterung mittels Büchern und Vorträgen und Protestnoten, läuft ein Vorhaben hinaus, das nicht einmal religiös zu nennen wäre. Sondern nur angeberisch und selbstgerecht. Die Aufgabe von Theoretikern ist es, ihre Theorien zu reparieren. Wenn man sie so anschaut, wären sie damit gut beschäftigt.

          * Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels fand sich an dieser Stelle die Feststellung, Achille Mbembe schreibe „den Namen seines Kritikers in Großbuchstaben: DEUTSCH“. Weil in Mbembes zitiertem Beitrag Nachnamen grundsätzlich in Großbuchstaben geschrieben sind, haben wir den Satz in unserem Artikel entfernt.

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