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Ludwig-Börne-Preis : Der Anti-Hysteriker Eric Gujer

Diesjähriger Ludwig-Börne-Preisträger: Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ Bild: Picture Alliance

Eric Gujer ist seit 2015 Chefredakteur der NZZ – und wegen des Rechtsrucks der Zeitung umstritten. Für Preisrichter Leon de Winter ist er ein Freiheitskämpfer. Der Niederländer fällt in seiner Laudatio mit misogynen Aussagen auf.

          3 Min.

          Das 21. Jahrhundert wird geprägt sein vom Kampf der De­mokratien gegen Autokratien. So sieht es der Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), Eric Gujer, der an diesem Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mit dem Ludwig-Börne-Preis 2022 ausgezeichnet worden ist. „Der Westen ist auf seine eigenen schönen Worte hereingefallen“, sagte er in seiner Dankesrede, in der er seine Sicht auf den Krieg in der Ukraine und die Weltlage darlegte.

          Othmara Glas
          Volontärin

          Dreißig Jahre lang hätten sich die westlichen Staaten eingeredet, es gebe so etwas wie eine liberale Weltordnung. „Doch sie war nie mehr als eine Chimäre.“ Gujer mahnte, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. „Der Westen muss erst wieder lernen, sich in einer Umwelt zurechtzufinden, in der Regeln und Werte weniger zählen als die harte Währung der Macht.“

          Kritik an Deutschland

          Das bedeute auch, dass er bereit sein müsse, die liberale Ordnung zu verteidigen. Ansonsten werde dies als Schwäche ausgelegt, und das habe schon 1979 zum Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und ein halbes Jahr nach dem Abzug aus Kabul zum Angriff in der Ukraine geführt. Wenn der Westen nicht in der Lage sei, seine Ordnung durchzusetzen, so Gujers These, müsse er sich „bescheidenere Ziele“ setzen. „Die Zeit der liberalen Kreuzzüge ist vorbei. Jetzt ist Realismus angesagt.“

          Der Publizist kritisierte Deutschlands „moralische Außenpolitik“. Wer Waffenlieferungen an die Ukraine ablehne und gleichzeitig seine Gasspeicher und Ölraffinerien an Russland ausliefere, spreche zudem ohnehin eine andere Sprache. Die Ab­kehr von Russland dürfe nun aber nicht zu einer neuen Abhängigkeit von China führen: Beide Länder seien die großen Herausforderer des Westens.

          In der Tradition Börnes

          Gujer wurde 1962 in Zürich geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik in Freiburg und Köln. 1986 fing er zunächst als Praktikant und freier Mitarbeiter bei der NZZ an. Drei Jahre später wurde er Korrespondent in der DDR, später ging er für die Zeitung nach Israel und Moskau, bevor er 1998 als Deutschlandkorrespondent nach Berlin zu­rückkehrte. Er leitete das Auslandsressort der NZZ, bis er im März 2015 Chefredaktor wurde.

          Als solcher ist er streitbar. Gujers Kritiker meinen, unter seiner Leitung habe sich das Blatt zu sehr nach rechts bewegt. So kritisierte kurz vor der Preisverleihung der Politikwissenschaftler und Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Universität Gießen, Claus Leggewie, die Wahl des diesjährigen Preisträgers. Unter Gujer habe sich die NZZ für ein Publikum geöffnet, das nicht mehr einen gesunden Konservatismus vertrete, sondern weiter rechts stehe.

          Der Vorsitzende der Ludwig-Börne- Stiftung, Michael Gotthelf, stellt Gujer hingegen in die Tradition des Namensgebers. So wie Börne aus Pa­ris oft scharfsinnigere Analysen ge­schrieben habe als seine „betriebsblinden“ Kol­legen in Deutschland, liefere auch Gujer eine kritische Analyse deutscher Zustände. „Es scheint, als er­höhe die Halbdistanz die Sehschärfe.“

          Frauen sind zu schwach für die Front

          Die Stiftung hatte in diesem Jahr den Schriftsteller Leon de Winter zum Preisrichter ernannt. Der Niederländer ist wegen antiislamischer Äußerungen ebenso umstritten wie Gujer. De Winter lobte die NZZ als „großartige Institution“ in einer Kultur, „in der politische Korrektheit belohnt und Freigeister oft ausgrenzt werden“. Gujer sei ein „profilierter politischer Publizist, der in seinen Essays und Kommentaren mutig auch unpopuläre und un­konventionelle Meinungen vertrete“, ein Verfechter der Freiheit, der mit seiner Arbeit ein Opfer bringe, „um in einer zunehmend hysterischen Welt Widerstand zu leisten“.

          De Winter polarisierte mit seiner Laudatio, nicht zuletzt wegen misogyner Passagen, zum Beispiel als er behauptete, dass an der Front in der Ukraine nur Männer kämpften, während Frauen und Kinder evakuiert werden, und dies auf die schwächere Physiologie von Frauen zurückführte, die keine schweren Waffen tragen könnten. Nicht nur die Vorsteherin der Frankfurter Stadtverordneten, die in der ersten Reihe saß, verließ den Saal. Dabei hätte De Winter nur einen erst Mitte Mai erschienen Artikel in der NZZ lesen müssen, um zu wissen, dass in der Ukraine auch Frauen an der Front kämpfen.

          Der Börne-Preis, der an den jüdischen Schriftsteller und Essayisten Ludwig Börne erinnert, wird jährlich seit 1993 in der Frankfurter Paulskirche vergeben. Im vergangenen Jahr fand die Feierstunde ausnahmsweise im Schloss Bellevue statt. Damals war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Preisrichter und vergab den mit 20.000 Euro dotierten Preis an den österreichischen Schrift­steller und Essayisten Christoph Ransmayr.

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