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Anti-emanzipatorische Argumente : Steinzeit für immer

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Die Anthropologie wurde zum Erfüllungsgehilfen

In den frühen sechziger Jahren war die Antwort eindeutig. Damals war die anthropologische Forschung eine überschaubare Gemeinde, ein Dorf, das fast ausschließlich von Männern bewohnt wurde. In diesem Dorf wurden Bücher geschrieben wie „Man, the Hunter“, das auf eine gleichnamige Konferenz im Jahr 1966 zurückging. In diesem Dorf hielt man das Buch für die bestmögliche Wissenschaft, fundiert, anregend, weitreichend. Die These lautete: Alle morphologischen, technischen und sozialen Neuerungen der jüngeren Menschheitsgeschichte gehen auf die Jagd zurück. Der aufrechte Gang, Waffen, Werkzeuge - alles für die Jagd auf tierische Proteine. Größere Gehirne, bessere Waffen und Werkzeuge seien die Folge gewesen. Auf Jagd, so die These weiter, gingen die Männer, wodurch man in einem Rutsch das eigene Geschlecht zu den Erfindern, den Neuerern, den Kreativen und Künstlern der Menschheitsgeschichte erklärte. Die Frauen? Die bekamen die Kinder, sammelten Beeren und warteten auf die Männer.

Im Männerdorf der Anthropologie fand man nichts dabei, sich die Urzeit wie das Ohio oder Augsburg der fünfziger Jahre vorzustellen - mehr noch, man hielt es für besonders einleuchtend. Je größer die Rolle von Männern in der Menschheitsgeschichte wurde, desto näher schien die Vorstellung von der Urzeit an der Wirklichkeit zu liegen. Je mehr es die Geschlechterrollen der Gegenwart verstärkte, desto plausibler schien es die Vergangenheit zu beschreiben. Die turbulenten Jahre des Zweiten Weltkriegs, als die Männer in den Krieg zogen und Frauen in Amerika als Schweißer, Elektriker, Maschinenbauer arbeiteten, wollte man wieder vergessen. In den Vierzigern gab es in den Zeitungen und Zeitschriften Anzeigen, die Frauen dazu aufforderten, sich Männerberufe zuzutrauen. In den fünfziger Jahren war Schluss damit: zurück zu Heim und Herd. Die Anthropologie wurde zum Erfüllungsgehilfen, sie funktionierte wie eine Maschine: Sie war das monströse Katapult, auf das man sämtliche Stereotype der Gegenwart lud, um sie zurück in die Steinzeit zu schießen. Die Hausfrauen landeten in der Höhle, die berufstätigen Männer in der Steppe.

Jagende Frauen, sammelnde Männer

Was nämlich spricht dagegen, dass auch Frauen jagten? Nichts. Das ist schon die ganze Antwort. Niemand weiß, wer die Speere oder Lanzen benutzt hat, die gefunden worden sind, möglich ist alles. Zu schwach? Zu viel Arbeit mit den Kindern? „Jagende Frauen“, sagt Miriam Haidle, Paläoanthropologin und Koordinatorin eines Forschungsprojekts über kulturelle Evolution an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, „sind weltweit ethnographisch belegt, von der Polarregion, Nordamerika, Südamerika, Afrika, Asien, Australien.“ Der Grad der Beteiligung an der Jagd sei veränderlich, „von einzelnen bis zur Mehrheit der Frauen, die Beute reicht in der Regel von Kleinwild bis Mittelwild“.

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