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Anti-emanzipatorische Argumente : Steinzeit für immer

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Die Antworten kommen bislang vorwiegend von Männern

Und das ist noch nicht alles. Das Frankfurter Eiszeitmädchen trägt Schuhe aus Tierhäuten, einen Umhang aus Rentierfell, um ihren Hals ein Lederband, an dem ein Anhänger hängt: eine geschnitzte Figur aus Mammutelfenbein, deren Alter auf mindestens 35 000 Jahre geschätzt wird. Die Figur hat statt eines Kopfes eine Öse, sie hat Brüste, einen Bauch, Schamlippen und kleine Hände, die auf dem Bauch liegen, als wollten sie sein Inneres schützen. Gefunden wurde sie vor einigen Jahren auf der Schwäbischen Alb. Das Eiszeitmädchen, das Hildegard Enting, die Präparatorin des Senckenberg-Museums, geschaffen hat, hält Feuersteine in der Hand, ihr Gesicht ist bemalt. Vieles kann mit Funden belegt werden: Die Menschen der Eiszeit kannten das Feuer, sie trugen Kleidung aus Fell, sie gerbten Tierhäute und sie schnitzten zarte, kleine Objekte aus Mammutelfenbein, aus Singschwan-Knochen, aus Stein. Die folgenreichste Frage lautet natürlich: Wer hat das alles gemacht? Wer jagte die Rentiere? Wer die Mammuts? Wer schuf die Kunst? Frauen? Männer?

Spätestens an diesem Punkt sollte man aufhören, von „der Wissenschaft“ oder „den Forschern“ zu sprechen. Wer nämlich will uns diese Frage beantworten? Offiziell: Teams aus Anthropologen, die Spezialisten für den Menschen und seine Frühgeschichte sind, Paläontologen, die das tierische Leben vergangener Erdzeitalter erforschen, von den Wirbellosen bis zu den Fischen, Vögeln und Säugetieren, und Archäologen. Konkret heißt das: Bisher vorwiegend Männer.

Jagten Herr und Frau Homo heidelbergensis?

Der Blick hinter die Kulissen lohnt sich, wie sich gerade im Januar 2013 zeigte, als die Paleontological Society einen Newsletter veröffentlichte mit der Überschrift: „Women in Paleontology: Where are they?“ - Wo sind die Frauen in der Paläontologie? Die Paleontological Society ist dabei nicht irgendeine Organisation, sondern der 1908 gegründete altehrwürdige Dachverband der Paläontologen. Die Treffen sind Job- und Kontaktbörsen der Mitglieder, man tauscht Informationen aus, lernt sich kennen, vergibt Preise. Eine Umfrage kam zu einem unangenehmen Ergebnis: Nur etwa 23 Prozent der Mitglieder sind Frauen. Absurd ist die Preisstatistik. Drei Auszeichnungen vergibt die Gesellschaft: Bei der ersten waren bisher acht Prozent der Preisträger Frauen, in der nächsten vier Prozent, in der dritten gab es gar keine einzelne Frau.

Zurück zur Ausgangsfrage: Könnte das Mädchen, das wir in Frankfurt sehen, in der Steinzeit Jägerin geworden sein? Oder Künstlerin? An drei Fundstücken kommt man nicht vorbei, wenn man wissen will, welche Geschichte die Objekte erzählen, die das Geschäft von Anthropologen, Paläontologen oder auch Archäologen sind. Die Fundstücke stammen aus Afrika und Europa: Als weltweit ältestes Zeugnis für Jagdwaffen gilt bisher eine Lanzenspitze, die in England, in Clacton-on-Sea, gefunden wurde und deren Alter auf drei- bis vierhunderttausend Jahre geschätzt wird. Vollständig erhalten sind die Schöninger Speere, acht Wurfspeere aus Holz, die in Niedersachsen gefunden wurden und auf rund dreihunderttausend Jahre geschätzt werden. Sogar eine halbe Million Jahre alt könnten schließlich die steinernen Speerspitzen sein, die kürzlich von Forschern in Kathu Pan, Südafrika, entdeckt wurden. Die Funde sprechen dafür, dass Homo heidelbergensis, der Vorfahre von Neandertaler und modernem Menschen, bereits auf Jagd ging. Herr und Frau Homo heidelbergensis?

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