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Gespräch mit Didier Fassin : Warum wird der Wert des Lebens nicht überall gleich geachtet?

Der französische Arzt, Soziologe und Anthropologe Didier Fassin Bild: Jürgen Bauer

Wie bei allen Epidemien können Verschwörungserzählungen auch jetzt viel über Machtverhältnisse verraten. Ein Gespräch über öffentliche Gesundheit mit dem Arzt und Anthropologen Didier Fassin.

          6 Min.

          Didier Fassin ist Mediziner, spezialisiert auf Infektionskrankheiten. Er hat als Arzt in Indien gearbeitet und war im Bereich der öffentlichen Gesundheit in Tunesien tätig. Später wurde er Soziologe und Anthropologe; am Institute for Advanced Study in Princeton hat er die James D. Wolfensohn-Professur inne. Doch Medizin und öffentliche Gesundheit blieben seine Forschungsthemen. Er untersuchte Heilpraktiken im Senegal, Müttersterblichkeit in Ecuador, Bleivergiftungen in Frankreich und den Umgang mit verschiedenen Epidemien.

          Novina Göhlsdorf
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Herr Fassin, ist Ihr Lebensthema – als Arzt, Soziologe und Anthropologe – das Leben?

          Ja, genau deshalb habe ich „Leben“ auch zum Gegenstand der Adorno-Vorlesungen gemacht, die ich 2016 halten durfte. Ich wollte ein großes Paradox der Gegenwart in den Blick nehmen: einerseits die Heiligkeit des Lebens, in der Einzahl, als abstraktes Prinzip, im religiösen wie säkularen Sinn, andererseits die Ungleichheiten im konkreten Umgang mit Leben in der Mehrzahl, wie sie die enorm verschiedenen Lebensaussichten von Menschen offenbaren. In den USA liegen 15 Jahre Unterschied zwischen der Lebenserwartung schwarzer Schulabbrecher und der von Weißen mit Universitätsabschluss, in Frankreich 13 Jahre zwischen den Ärmsten und Reichsten fünf Prozent. Wir sind also weit entfernt von einer wahrhaft öffentlichen Gesundheit.

          Wo muss man anfangen, um den konkreten Umgang mit den Leben aller gerechter zu machen?

          Anders, als die meisten denken, ist der Beitrag von Medizin und sogar von öffentlicher Gesundheit relativ bescheiden, wenn es darum geht, die Ungleichheiten in der Lebenserwartung zu verringern. Viel wichtiger sind frühe Bildung oder gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse. Doch da wir schon über Leben im Plural sprechen: Es ist entscheidend, biologische und biographische Dimensionen auseinanderzuhalten. Leben kann „am Leben sein“ heißen: ein langes Leben haben. Aber es kann auch bedeuten: Sinn für umfängliche Selbstverwirklichung, ein gutes Leben haben können. In allen westlichen Ländern leben Frauen länger als Männer, aber lang waren ihnen basale Rechte vorenthalten, etwa die Möglichkeit, ein Bankkonto zu eröffnen oder über ihren eigenen Körper zu verfügen. Öffentliche Gesundheit, die Gesellschaft überhaupt, sollte anerkennen, dass es neben der bloßen Lebenserwartung die Erwartungen gibt, die man für sein Leben haben kann. Leben ist nicht nur eine Frage von Quantität; es ist, mehr noch, eine Frage von Qualität.

          Wie kann Gesundheit öffentlich sein, ohne eine bestimmte, etwa westliche Vorstellung von Gesundheit zu globalisieren und kulturell und lokal eigene Ansätze zu übergehen?

          Menschen in Lateinamerika oder Afrika beschweren sich selten darüber, weniger Kinder an Masern sterben oder von Kinderlähmung betroffen zu sehen; sie nehmen Impfungen allgemein an. Argwöhnisch werden sie, wenn öffentliche Gesundheit genutzt worden ist, um sie zu unterdrücken. Ich habe in Ecuador während der Cholera-Epidemie erlebt, wie Angehörige von Indio-Communities sich vor den medizinischen Teams versteckt haben, weil sie die Erfahrung gemacht hatten, ihre Toten nicht begraben zu dürfen. Man beruft sich zu oft auf kulturelle Unterschiede, um den Widerstand gegen medizinische Interventionen zu stigmatisieren und sich der Verantwortung dafür zu entziehen, wie medizinische Programme durchgeführt werden.

          In Ihren Vorlesungen am Collège de France warfen Sie einen anthropologischen Blick auf öffentliche Gesundheit. Was sieht so ein Blick?

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