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Gegen Hassrede im Netz : Wie wäre es mit Anstand?

Hassrede und Fake News, Zeichen unserer Zeit Bild: obs/HPI Hasso-Plattner-Institut

Hassrede und Beleidigung im Internet verfolgen uns. Jetzt formiert sich mit Unterstützung von Staatsministerin Monika Grütters eine Gegenbewegung, die auf alte Tugenden pocht: #anstanddigital.

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          Dass Menschen im Jahr 2019 böser wären, als sie es 1999 waren, ist unwahrscheinlich. Aber ganz sicher sehen wir heute dank ständig geöffneter digitaler Marktplätze viel genauer und in peinigender Offenlegung von Rechtschreib- und Ausdrucksschwächen, wie böse Menschen sein können, wenn sie richtig böse sein wollen. Gegen Hassrede und Herabwürdigung im Netz hat sich die Kampagne „#anstanddigital“ formiert, die jetzt erstmals im Berliner Futurium zusammenkam. Fürsorglich beugten sich Vertreter der beiden christlichen Kirchen über uns und brachten einen Hauch von Kanzelrede ins Plenum. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, eine praktizierende Christin, welche die Initiative unterstützt, zitierte Meyers Konversationslexikon mit dem Eintrag zu „Anstand“, in der Auflage des Jahres 1905. Alter ist keine Schande; wir suchen gerade noch nach der besten Form, damit zu kokettieren.

          Dass es hier aber ein echtes Generationenproblem gibt, zeigte sich im Lauf des Abends. Die geschliffenen Überlegungen des Schriftstellers Matthias Politycki, der aus linker Perspektive eine Kritik an linker Ängstlichkeit und der daraus resultierenden Gängelei im Meinungsstreit wagte, wurden nicht weiterverfolgt, obwohl es dazu viel zu sagen gegeben hätte. Wirklich enthüllend war, als der siebenundzwanzig Jahre alte Youtuber Marvin Neumann um Handzeichen aus dem Publikum bat, wer denn auf den Kommentarseiten der sozialen Medien aktiv sei. Ergebnis: kaum jemand. Neumann lächelte, als wollte er sagen: Darauf kann man doch aufbauen! Überhaupt ist er sehr positiv. Sein Youtube-Kanal versucht, politische Parteien „neutral“ zu erklären, und er macht das nicht schlecht. Kommentatoren seiner Seite jedenfalls schreiben Sachen wie: „Ich finde deinen Kanal echt gut obwohl ich oft eine andere Meinung wie du habe, da man hier wirklich sachlich miteinander diskutieren kann.“

          Wenn man es aber genau betrachtet, könnte man all die Empfehlungen für richtiges Netzverhalten, über die Neumann referierte, schon in Meyers Konversationslexikon von 1905 finden: respektvolle Ansprache, verbindliche Regeln, viel Geduld. Auch hinter einem Hasspost steht am Ende nur ein Mensch. Lediglich die Wortschöpfung „Netiquette“ kannte der alte Meyer noch nicht. Wenn wir aber schon alles wissen, warum haben wir dann so ein Problem mit dem digitalen Quatsch? Weil wir älter werden, die Knöpfe nicht mehr finden und keinen Bock auf das Geschimpfe in mieser Orthographie haben. Dann doch lieber eine knackige Diskussionsrunde im Futurium.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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