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Anselm Kiefer im Gespräch : Künstler, um zu überleben

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Bleibücher und Aluminiumblumen: Anselm Kiefers „Für Paul Clean - Ukraine” aus dem Jahr 2005 Bild: Anselm Kiefer

In diesem Herbst erhält der Maler Anselm Kiefer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das erste große Interview nach Bekanntgabe der Entscheidung - über Kunst, Politik und die Eifersucht der Urzeitwesen.

          Seine Gemälde zeigen verbrannte Erde, dunkle Wälder, Städte in Flammen. Aus Blei hat er Skulpturen von zerstörten Büchern geschaffen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wird den Maler Anselm Kiefer dafür mit dem Friedenspreis auszeichnen. Wir trafen den Künstler in seinem neuen Atelier in Paris. Zum ersten Mal seit Bekanntgabe der Entscheidung spricht er hier über Kunst, Politik und die Eifersucht der Urzeitwesen.

          Herr Kiefer, Sie werden - als erster bildender Künstler - den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. Verblüfft Sie das?

          Ja, ich war gerade in meinem Atelier, als der Vorsitzende des Vereins mich anrief. Und zunächst war ich sehr überrascht. Ich kannte den Friedenspreis seit den fünfziger Jahren und war immer der Meinung, dass nur Schriftsteller, Politiker, Historiker und Intellektuelle ihn bekämen.

          Seine Gemälde zeigen verbrannte Erde, dunkle Wälder, Städte in Flammen: Friedenspreisträger Anselm Kiefer

          Bei Ihrem Werk fällt einem nicht sofort das Wort Frieden ein.

          Ich bin niemand, der große Reden hält über den Frieden in der Welt. Ich meine, man ist erst friedlich, wenn man den Krieg in seinem eigenen Kopf ausgehalten hat, wenn man seine eigenen Widersprüche ausgelebt hat. Erst dann kann ich sagen: Ich bin friedfertig.

          Eine Ihrer ersten malerischen Arbeiten aus den sechziger Jahren trägt einen militärischen Titel: „Besetzungen“. Man sieht Sie, wie Sie in verschiedenen Landschaften den Arm zum Hitlergruß heben.

          Das war keine politische Aktion, sondern ein Akt der Selbstfindung. Ich habe mich gefragt: Was hätte ich damals gemacht? Ich würde auch sagen, mein Werk ist dann politisch, wenn ich möglichst präzise gearbeitet habe. Wenn etwas dadurch klar geworden ist. Ich habe eine Verantwortung für das, was ich in die Welt entlasse und was so automatisch politisch wird.

          Das müssen Sie erklären: Wird es politisch durch den Betrachter?

          Es entsteht erst durch den Betrachter. Jeder Betrachter vollendet für sich mein Werk. Meine Werke gibt es, so gesehen, millionenfach.

          Empfinden Sie sich als, wie in der Begründung des Friedenspreises suggeriert wird, als politischen Künstler?

          Ich bin kein politischer Künstler, ich habe kein Programm, ich gehöre zu keiner Partei.

          Wer ist für Sie ein politischer Künstler?

          Joseph Beuys wollte ein politischer Künstler sein.

          Sie kannten ihn aus Ihrer Studienzeit. Haben Sie mit ihm darüber diskutiert?

          Ja, ich war gar nicht einverstanden mit seiner Idee einer direkten Demokratie. Ich habe ihm gesagt, da kannst du nach Appenzell gehen. Ich denke, Beuys war vielleicht damals der größte zeitgenössische Künstler, seine Arbeiten gehörten für mich zu den Wichtigsten, aber nicht wegen ihrer möglichen politische Motivation. Die Motivation sagt nichts über die Qualität des Kunstwerkes aus. Die Motivation ist ja oft eine ganz komische, und es kann trotzdem etwas Großartiges herauskommen.

          Wenn Sie sagen, er ist einer der größten zeitgenössischen Künstler - wie würden Sie die Größe von Beuys definieren?

          Sie lag unter anderem in seiner Fähigkeit anzuregen. Er hat sehr viel angestoßen.

          In Ihren frühen Arbeiten gibt es auch Ironie: Es ist eine ungelenke, slapstickhafte Figur, die in der Serie „Besetzungen“ den Hitlergruß macht. Dann folgt eine Entwicklung in Ihrem Werk hin zu größeren Formaten, zu Mythologie, rußigen Farben, Stroh, verbrannten Materialien.

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