https://www.faz.net/-gqz-9see7

Anschlag in Halle : Tut nicht so geschockt!

  • -Aktualisiert am

Nach dem Anschlag: Ein Polizist steht vor dem Eingang der Synagoge in Halle. Bild: dpa

Und hört auf, euch zu entschuldigen: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle war absehbar. Nun steht die Frage im Raum: Wie oft kann man sagen, dass es einem leid tut, um es dann wieder zuzulassen?

          3 Min.

          Ein-, zweimal die Woche gehe ich mit meinem Sohn zum Schach. Der kürzeste Weg führt über die Rosenthaler Straße, vorbei am Hackeschen Markt und dann rechts, aber wir mögen die großen Straßen nicht, zu viele Leute, außerdem können wir da unsere Spiele nicht spielen. Also nehmen wir lieber die Ackerstraße über den Koppenplatz, kurz vor der Jüdischen Schule biegen wir rechts in die Straße mit den leckeren Waffeln ab, und dann wieder rechts, an der Kontrolle vorbei, durch das Gitter und in die neue Synagoge, in der die Schachkurse stattfinden.

          Es ist der Ort, den Anfang Oktober ein 23-jähriger gebürtiger Syrer bewaffnet mit einem Messer zu attackieren versuchte. Am Tag danach wurde er wieder laufengelassen. Fünf Tage später folgte die Attacke auf die Synagoge in Halle. Die Ferien sind bald vorbei, bald werden wir wieder zur Synagoge zurückkehren: Das ist, was mein Sohn erwartet. Meine Frau und ich reden darüber und schauen uns dabei lange schweigend in die Augen. Wenn wir zu Fuß gehen, auf welchem Weg? Besser über belebte Straßen? Und was ist mit Hebräisch? Auf was sollen wir auf dem Hinweg achten? Und auf dem Rückweg? Wohin sollen wir schauen?

          Ich erinnere mich an die Hoffnung, die meinen Koffer füllte, als ich hierherzog. Die Freiheit, der Platz, die Offenheit, die Fähigkeit der Menschen, zu beobachten, aufzunehmen und den anderen zu akzeptieren, die Kunstszene, all die Leute aus all den Ländern. Aber in letzter Zeit falte ich viele dieser Dinge wieder in meinen Koffer zurück. Teile meiner Identität: die Notwendigkeit, mich selbst zu zensieren, wenn ich aus dem Haus gehe. Könnt ihr euch vorstellen, wie demütigend es ist, sich selbst zu zensieren? Wenn ich ein Paket erwarte, mache ich nie auf. An unserer Tür hängt eine Mesusa, wer weiß schon, wie das ausgeht. Ich lasse es klingeln, nehme den Abholschein und hole das Paket ab. Und falte einen weiteren Teil von mir selbst ins Gepäck.

          Irgendwann wird es bedeutungslos

          Ich nehme die Entschuldigungen nicht ernst. Ich nehme die Mahnwachen nicht ernst. Ich nehme das demonstrative Tragen der Kippa nicht ernst. Es ist ein Kreislauf. Erbärmlich. Wie oft kann man sagen, dass es einem leid tut, um es dann wieder zuzulassen? Irgendwann wird es bedeutungslos, irgendwann versteht das Opfer, dass das alles einfach nur getan wird, bis die nächsten News kommen.

          Ich will auch nicht über die AfD reden. Sie kann mich nicht täuschen, ich weiß, wer sie ist. Sie und die extreme Fraktion des Islams in Deutschland bringen die Henker hervor. Ich will über jene reden, welche den fruchtbaren Boden schaffen, auf dem sich extreme Rechte und Islam treffen, um Juden zu attackieren. Ich will über die mit den sauberen Händen reden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Cornelia Koppetsch im Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse

          Plagiate bei Soziologin : Disziplinarverfahren gegen Cornelia Koppetsch

          Sie habe „rücksichtslos“ gehandelt, die gute wissenschaftliche Praxis sei gravierend missachtet worden: Eine interne Untersuchungskommission der TU Darmstadt findet deutliche Worte zu den Plagiaten ihrer Soziologin Cornelia Koppetsch.
          Blick auf London: Ein Mann überquert die Waterloo Bridge

          Großbritannien : Corona-Krise kostet 730.000 Arbeitsplätze

          Die Pandemie hinterlässt auf dem britischen Arbeitsmarkt tiefe Spuren. Neun Millionen Menschen wurden in Zwangsurlaub geschickt. Im Oktober laufen die staatlichen Hilfsprogramme aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.