https://www.faz.net/-gqz-9see7

Anschlag in Halle : Tut nicht so geschockt!

  • -Aktualisiert am

Im vergangenen Jahr habe ich über einen Falafelverkäufer in Prenzlauer Berg geschrieben, der Juden und Israelis verbal attackiert. Nach dem Artikel habe ich zehn Wochen lang gegen ihn protestiert. Zweimal wurde ich daran gehindert, einmal von der Polizei festgenommen. Eine Wochenzeitung schickte eine Reporterin, sie beschrieb mich als einen aggressiven Mann, der gegen einen Muslim kämpft, und dass wir beide den Konflikt ins arme Gastgeberland zu den Deutschen tragen. Ich habe gegen nichts anderes als gegen Deutsche protestiert, die es zuließen, dass der Typ „eine Schande, dass Hitler seine Arbeit nicht zu Ende gebracht hat“ brüllte. Er ist immer noch da, ich nicht mehr. Ihr wisst selbst, wohin ihr eure Mahnwachen und Kippa-Zeremonien stecken könnt.

Könnt ihr die Verbindung ziehen?

Es tut euch leid? Ihr schämt euch? Echt? Der Attentäter in Halle leugnet den Holocaust – aber was erwartet ihr denn, wenn eure Politiker sich mit den politischen Führern eines Landes gutstellen, welches den Holocaust prinzipiell leugnet? Der Attentäter sagt, die Juden sind die Wurzeln allen Übels. Ich erinnere daran, dass vor drei Monaten ein führendes deutsches Magazin zwei kleine jüdische Lobby-Organisationen bezichtigt hat, die deutsche Außenpolitik im Nahen Osten vor sich herzutreiben. Könnt ihr die Verbindung ziehen?

Und schaut euch die jüdischen Museen in Berlin und München an, die ohne Scham den jüdischen Teil ihres Namens nutzen, um eine antiisraelische und antijüdische Agenda voranzutreiben. Euer Botschafter bei den Vereinten Nationen stellt Israel in einen Zusammenhang mit Nordkorea. Ein evangelikaler Bischof ruft dazu auf, das Verhältnis zu Israel zu überdenken. Eine Zeitung feiert den israelischen Gewinn des Eurovision Song Contests mit einer antisemitischen Karikatur. Vor ein paar Monaten sind vier palästinensische Terroristen gestellt worden, nachdem sie die Grenze von Gaza nach Israel mit einer Tonne Waffen und Sprengstoff überquert hatten. Die Headline? „Israelische Armee tötet vier Palästinenser“. Von der Berichterstattung in der ARD und im ZDF fange ich jetzt gar nicht an.

So schafft man einen fruchtbaren Boden für Anschläge. Wem es wirklich leid tut, wiederholt nicht, was er oder sie getan hat. Ich bestreite nicht das Recht der Deutschen, sich so zu verhalten. Aber schaut dann bitte nicht geschockt. Ich schreibe hier nicht im Zorn, ich bin Realist: Was muss man ändern, um es aufzuhalten? Wie reden wir über die Grenze zwischen Antisemitismus und fairer, gerechtfertigter Kritik an Israel?

Mir gefällt, was Felix Klein über die Situation gesagt hat, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland. Ich weiß nicht, ob er es so meinte, aber im Grunde hat er die Hände gehoben und zu den Juden, Bürgern von Deutschland, sinngemäß gesagt: Passt auf, in der gegenwärtigen Lage können wir eure Sicherheit nicht überall garantieren. Wo es möglich ist, verzichtet auf die Kippa. Das ist eine radikale Aussage. Weil er den Teppich hochgehoben hat, der über dem Thema Juden in Deutschland liegt, und die Wahrheit ans Licht brachte. Jahrelang haben wir die Situation der Juden in Deutschland unter den Teppich gekehrt. Es ist Zeit, dass Regierung, Politik, Organisationen, jeder einzelne sich um seinen eigenen Teppich kümmert. Wir ersuchen euch nicht um eure Entschuldigungen. Wir wollen sie in nächster Zeit einfach nicht mehr hören.

Weitere Themen

Topmeldungen

Armin Laschet zusammen mit CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Tag nach der Wahl – die Kritik aus den eigenen Reihen wird immer lauter.

F.A.Z. Frühdenker : Mehr Demut – kaum Einigkeit

Scholz oder Laschet wollen mit FDP und Grünen reden – die sondieren aber erst einmal zu zweit. Bei den Grünen soll Habeck in einer künftigen Regierungskoalition den Posten des Vizekanzlers bekommen.
Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) am 17. September in Wolfratshausen

Edmund Stoiber wird 80 : Der CEO des modernen Bayerns

Edmund Stoiber war wohl der letzte CSU-Vorsitzende, der den Mythos und den sagenhaften Erfolg der Partei verkörperte. Dabei war sein Aufstieg nicht vorbestimmt. Am Dienstag wird Stoiber 80 Jahre alt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.