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Terroristische Bedrohung : Wovor wir Angst haben

  • -Aktualisiert am

Eine Spezialeinheit der Bundespolizei demonstriert einen Anti-Terror-Einsatz Bild: dpa

Terrorismus versetzt die Deutschen mehr in Furcht als irgendetwas sonst. Dabei ist die Zahl der Opfer vergleichsweise niedrig. Aber die mediale Beachtung spielt den Mördern in die Hände.

          Gemäß einer aktuellen Umfrage fürchten wir Deutschen nichts mehr als den Terror. Das ist erstaunlich - um nicht zu sagen widersinnig. Trotz des subjektiven Gefühls einer „Terrorwelle“ ist seit den Attentaten vom 11. September 2001 niemand in Deutschland durch islamistischen Terror getötet worden. Während dieser Zeit sind ein paar Millionen Mitbürger an Krebs gestorben, Zehntausende wurden Opfer der Grippe, einige verschluckten sich beim Essen und erstickten, andere wurden vom Blitz erschlagen. Aber das schlägt sich in der Angstbilanz nicht nieder.

          Die Furcht, Opfer einer lebensbedrohenden Krankheit zu werden, rangiert deutlich hinter der Terrorangst. Wie kann das sein, wenn die Wahrscheinlichkeit, einer Krankheit zu erliegen, millionenfach größer ist? Der Soziologe Ortwin Renn hat dieses vernunftwidrige Verhalten als „Risikoparadox“ bezeichnet. Marginale Gefahren werden überschätzt, wirkliche Gefahren unterschätzt. In diesem Zusammenhang ist es lohnend, sich auch mit der Arbeit der Kognitionspsychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky auseinanderzusetzen. Deren größtes Verdienst besteht darin, den Homo oeconomicus altertümlicher volkswirtschaftlicher Theorien ins Jenseits befördert zu haben. Wir erinnern uns: Der Homo oeconomicus ist ein von leichtgläubigen Wirtschaftswissenschaftlern axiomatisch eingeführter Marktteilnehmer, der angeblich immer rational entscheidet. Echte Menschen aus Fleisch und Blut funktionieren jedoch anders. Kahneman und Tversky haben gezeigt, dass es mit der Rationalität von Marktteilnehmern nicht weit her ist. Viele Menschen haben schon mit basalen Wahrscheinlichkeitsgesetzen ihre liebe Not, und sie entscheiden deshalb nicht vernünftig, sondern falsch. Für diese experimentell belegte Einsicht ist Kahneman 2002 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft geadelt worden.

          Ein kognitives Ungleichgewicht

          In unserem Zusammenhang ist die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik von Bedeutung. Hinter diesem sperrigen Terminus verbirgt sich ein eindrucksvolles Phänomen: Wir halten die Dinge für wahrscheinlich, an die wir uns gut erinnern können. Gibt es mehr Worte, die mit t anfangen oder ein t als dritten Buchstaben haben? „Tod“, „Torte“, „Tage“ ... Aber ein t an der dritten Stelle? „Antwort“ wäre eine Antwort. Aber sonst? Kein Wunder also, dass die meisten Menschen glauben, dass es mehr Wörter in der ersten Gruppe gibt. Ein Fehler.

          Was hat das mit islamistischem Terror und dem Rennschen Risikoparadox zu tun? Tatsächlich birgt die Verfügbarkeitsheuristik eine gewaltige Sprengkraft. Das sollte dazu führen, die Funktion der Medien noch intensiver zu hinterfragen. Zunächst ist bekannt, dass schlechte Nachrichten den Menschen ohnehin besser im Gedächtnis bleiben als gute. Schon diese Tatsache führt zu einem kognitiven Ungleichgewicht. Selbst wenn gute und schlechte Nachrichten in den Medien gleichverteilt dargeboten würden, hätten wir in der Rückschau den Eindruck, mehr Schlechtes wahrgenommen zu haben. Das bedingt eine Art naturgegebenen Pessimismus. Doch die Annahme der Gleichverteilung ist idealistisch. Jede Art von Veröffentlichung ist ein mit Haken und Ösen geführter Kampf um Aufmerksamkeit. In diesem Licht ist der Slogan „Bad news are good news“ durchaus sinnvoll - zumindest für Verleger, Intendanten und Betreiber sozialer Netzwerke.

          Entscheidend ist die global wuchernde Angst

          Aber Leser, Hörer, Fernsehzuschauer und Internetbenutzer zahlen für diesen Auswahlprozess hinter den Kulissen einen hohen Preis, und zwar meistens, ohne es zu ahnen. Denn genau diese Ahnungslosigkeit ist die Grundlage des Risikoparadoxons, das zu einer stark verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit führt und überflüssige Ängste schürt. Wie funktioniert die Wechselwirkung von Ängsten und der medialen Darstellung? Der Psychologe Barry Schwartz zitiert in seinem Buch „The Paradox of Choice“ eine Studie, mit der das Risikoparadox verstehbar wird. Es konnte eindeutig gezeigt werden, dass die massiven Fehleinschätzungen von Risiken mit Umfang und Art der Berichterstattung in den Medien korreliert sind. Wird detailliert und viel über Mord und Totschlag berichtet, aber wenig über dringendere Gefahren - zum Beispiel dem Risiko, einem Schlaganfall zu erliegen -, bleiben die in grellen Farben dargestellten Moritaten den Rezipienten im Kopf. Und genau hier schlägt die Verfügbarkeitsheuristik zu. Geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten werden grotesk überschätzt.

          Islamistische „Gotteskrieger“ sind in den seltensten Fällen Spezialisten für Wahrnehmungspsychologie, aber genau dieser Mechanismus wird von ihnen instinktsicher benutzt, wobei ihnen die Medienlandschaft als Steigbügelhalter dient. Die Terroristen haben verstanden, dass sie die Medien, aber auch öffentliche Empörung und Anteilnahme wie einen viralen Vektor benutzen können, um ihre Schreckenstaten dort zu lancieren, wo sie auch großen Schaden anrichten: in unseren Köpfen. Entscheidend für sie ist nicht die lokale Zahl an Todesopfern. Entscheidend ist die global wuchernde Angst. Es ist schon bemerkenswert, dass eine überschaubare Zahl von Attentätern einen Großteil der Menschheit wie eine Herde Schafe vor sich her treibt.

          Die gruseligst denkbare Form von public relations

          Das Problem? Wir sind nicht nur Opfer des Terrors. Wir alle - Konsumenten und Medien - sind auch aktiver Teil dieser sich selbst organisierenden subjektiven Wirklichkeit. Jede ausufernde Berichterstattung, jede tausendfach ins Bild gesetzte Lichterkette zu Recht betroffener Menschen, jedes Youtube-Video einer terroristischen Schreckenstat brennt sich in unsere Wahrnehmung ein und führt dazu, dass wir eine angstbesetzte innere Realität konstruieren, deren Angemessenheit mit wachsender Geschwindigkeit verlorengeht und die wir natürlich auch wieder anderen mitteilen.

          Aber gibt es eine Alternative, die aus der Angstspirale herausführt? Betrachten wir den islamistischen Terror als die gruseligst denkbare Form von public relations. Für diesen Standpunkt spricht die ausgeklügelte mediale Inszenierung, mit der sich die Terroristen selbst ins Bild setzen: Wenn sich Selbstmordattentäter in die Luft jagen, läuft oft die Kamera mit, und natürlich haben die ekelhaften Enthauptungsvideos primär den Zweck, Angst und Schrecken zu verbreiten.

          Eine von vielen tausend Möglichkeiten zu sterben

          In dieser Lesart können wir zwischen Sender, Empfänger und Kanal der Terrorbotschaft unterscheiden. Und in diesem Bild wird klar, wo wir den Hebel ansetzen müssen. Betrachten wir die Täter als Sender. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werden wir deren Terror nicht vollständig unterbinden können. Wer einen Schraubenzieher, ein Beil, einen Lastwagen als Waffe verwenden möchte, wird das immer tun können. Niemand kann ihn daran hindern. Die alten Stoiker haben uns gelehrt, dass wir Dinge, die wir durch Vernunftgebrauch nicht ändern können, einfach zur Kenntnis nehmen müssen. Das empfiehlt sich auch hier, selbst wenn wir die Taten aus tiefstem Herzen ablehnen.

          Das bedeutet aber nicht, dass wir hilflos sind. Wenn man die Dinge nicht ändern kann, muss man die Sichtweise auf die Dinge verändern. In diesem Sinne lohnt es sich für uns als Empfänger, das bekannte Kantische Motto der Aufklärung zu reanimieren: „Wage es, dich deines Verstandes zu bedienen!“ Zuerst einmal können wir selbst entscheiden, wie wir uns informieren. Niemand zwingt uns, gestreamte Exekutionsvideos zu konsumieren. Des Weiteren empfiehlt es sich, den Terror nüchtern als das zu betrachten, was er ist: eine von vielen tausend Möglichkeiten zu sterben. Dabei ist die Gefahr, sein Leben durch die Hand eines Islamisten zu verlieren, nahezu unbedeutend - egal, wie breit darüber berichtet wird.

          Was dieses Monster nährt

          Damit wären wir schließlich bei den Medien. Hier stellen sich wichtige Fragen: Ist eine Berichterstattung, die nicht das Grauen in den Vordergrund stellt, sondern auch die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens berücksichtigt, völlig undenkbar? Sollte man nicht diskutieren, ob man Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit, deren Leben häufig genug aus der Spur gesprungen ist, noch eine mediale Bühne für ihren Wahnsinn zu Verfügung stellen muss? Ist es wirklich notwendig, dass Attentäter mit Klarnamen in der Berichterstattung auftreten müssen? Und ist es unumgänglich, die Bluttat noch dadurch zu adeln, dass die Porträts der Attentäter millionenfach gedruckt und vervielfältigt werden? Das Wort „Ansehen“ kommt von ansehen. Für jemanden, der bis dato eine schattenhafte Existenz geführt hat, ist es ein schöner Beifang, wenn er bei seiner eingebildeten Reise ins Paradies noch mit größtmöglicher öffentlicher Beachtung aus dem irdischen Leben scheidet.

          Es ist vor allen Dingen die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Monster nährt. Und wenn wir dieses selbstorganisierende System, von dem wir selbst ein Teil sind, destabilisieren wollen, dann sollten wir das Problem in einem umfassenderen Zusammenhang nüchtern betrachten. Vielleicht verschwindet der Spuk dann irgendwann ganz von allein.

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