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In Zeiten des Terrors : Der Weg in den Angststaat

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Angriff auf die Demokratie

Als ganz überwiegend der Mittelstand die Nationalsozialisten an die Macht gebracht hatte, dichtete Bertolt Brecht im Pariser Exil den „Kälbermarsch“: „Hinter der Trommel her/Trotten die Kälber/Das Fell für die Trommel/Liefern sie selber.“ Für wenige Jahre funktionierte die Raubgemeinschaft noch auf Kosten Dritter, der Krieg brach dem Mittelstand dann materiell wie moralisch das Rückgrat. Deutschland erlebte zwar das Wirtschaftswunder und schien immun gegen die radikale Rechte, doch wird der Affekt gegen „die da oben“ zum Aufstand und greift die Demokratie als Ganze an.

Am stärksten angeschwollen ist der Kälbermarsch aber in den neuen Demokratien: In Moskau, Budapest und Warschau hat es das kollektive Ressentiment an die Regierung geschafft. „Das Volk“ soll jetzt über dem Recht stehen, Flüchtlingsnöte werden kaltlächelnd ignoriert, das Staatsziel lautet Revanche. An wem? An denen, die daheim die Freiheit erkämpft und von draußen blühende Landschaften subventioniert haben. Mit abstrusen Verdrehungen und Verdächtigungen tun sich Neureiche, Medienmogule und Oligarchen hervor, die bei genauerem Hinsehen weit korrupter sind als das schlimmste Establishment. Kabarettreif schwingt sich der Milliardär Trump zum Anwalt der kleinen Leute auf und wollen Homophobe das „Europa der Schwuchteln“ ausmisten, doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wenn die verängstigte Mitte solche Schwadroneure zu Volkstribunen erhebt.

Geschlossener Angststaat

Wer sich D-Mark oder Franc zurückwünscht, startet ein Selbstmordunternehmen, wie jede gallische und schwäbische Hausfrau vorrechnen kann. Das Regierungsprogramm der Nationalpopulisten besteht vornehmlich darin, den Untergang zu beschwören und das Untergegangene wieder herbeizuzaubern: Kirchentreue, Magyarenehre, Brauchtum, die unverdorbene Nation, die starke Hand. Diese Abendlandversion erinnert fatal an die Regressionsprogramme salafistischer Wanderprediger und wahhabitischer Potentaten.

Hinter der Angst steckt „transzendentale Unbehaustheit“, wie Georg Lukács das Wesen der Risiko-Moderne erfasst hat. Mit ihr kommt eine andere Moderne zum Zuge, die das Wagnis individueller Freiheit und Toleranz niemals wollte: nicht Wall Street, Brüssel oder Frau Merkel, keine offenen Grenzen und kosmopolitischen Existenzen, keine sexuellen Deviationen, keine unübersichtliche Urbanität und transnationale Mobilität. Der geschlossene Angststaat soll diese Ausuferungen rückgängig machen.

Das Gegengift heißt Mut

In solcher Enge gedeiht, wie schon im frühen Atomzeitalter der fünfziger Jahre, der „paranoide Stil politischen Denkens“ (Richard Hofstaedter). Man greift Eliten nicht an, weil sie etwas tun oder unterlassen, wie es einer Opposition gebührt, man unterstellt ihnen ganz pauschal die übelsten Absichten. Neulich schwärzte Donald Trump vor der Republican Jewish Coalition Barack Obama an, der angeblich nicht über den islamischen Terror sprechen wollte – mit ihm sei etwas am Werke, „von dem wir nichts wissen“. Diesem Verdacht pflichteten jüdische Zuhörer bei, die doch vom Urtext aller Konspirationisten, den „Protokollen der Weisen von Zion“, gehört haben sollten.

War der Antisemitismus laut August Bebel der „Sozialismus der dummen Jungs“, könnte das heute für die Islamfresser gelten. Im Programm der französischen Präsidentschaftsbewerberin Marine Le Pen oder des österreichischen Kanzlerkandidaten Heinz-Christian Strache spielt der heimatlos gewordene Antikapitalismus eine zentrale Rolle, ebenso in den Querfronten der linken Leute von rechts und vice versa. Sie kreuzen sich bei Wladimir Putin, dem so gut wie alle populistischen Strömungen Reverenz erweisen; der Autokrat zeigt sich mit Krediten erkenntlich.

Die Panik im Mittelstand beruhigen hieße, jene soziale Ungleichheit einzudämmen, die solche „Angst vor Mindereinschätzung“ (Geiger) auslöst und den Tunnelblick begünstigt. Es kann nicht im Interesse europäischer Marktwirtschaften liegen, den Absentismus und die Zahl der Protestwähler weiter zu erhöhen. Nur: Ein tiefsitzendes Ressentiment lässt sich schwer aufklären und mit besseren Argumenten allein umdrehen. Das historisch bewährte Gegengift heißt Mut, der (in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes muot) das Gemüt und die Kraft des Denkens und Wollens freisetzt. Ein Jahr der Angst ist vergangen, denkt der Mann am Bahnhof, es möge daraus kein Jahrzehnt werden.

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