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Angriff auf die Zukunft : Roland Kochs Wette

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Gemeint sind: geplante Einsparungen bei Forschung, Bildung und Kinderbetreuung Bild: ddp

Das Land kann alle Rettungspakete vergessen, wenn es kein Rettungspaket für die Jugend schnürt. Der hessische Ministerpräsident spekuliert gegen die Jugend - und weiß ganz genau, was er da tut.

          Es darf keine „Tabus“ geben? Das klingt nach Volksbühne, aber es stammt aus dem Munde deutscher Ministerpräsidenten. Gemeint sind: die geplanten Einsparungen bei Forschung, Bildung und Kinderbetreuung. Als wäre Bildung, als wäre Familienpolitik ein „Tabu“! Als wären Bildung und Forschung nicht einer der drangsaliertesten, widersprüchlichsten, marodesten Bezirke unserer Gesellschaft. Es ist so unangebracht, dieses billige Wort, als würde einer sagen, es darf keine Tabus geben, es muss auch mal ohne Sauerstoff funktionieren.

          Wer wissen will, wieso Roland Koch den Generationenkonflikt eröffnet und wieso ihm als Erstes einfiel, bei Bildung, Forschung und Kinderbetreuung zu sparen, darf nicht nach Griechenland schauen. Nicht nach Amerika. Er muss im Kalender genau einen Monat zurückblättern. Wer nicht die Augen vor seiner persönlichen Zukunft verschließen will, sollte das schleunigst tun.

          Koch ist ein Meister der Zielgruppendemokratie

          Mitte April wurden die Ergebnisse einer Studie des Max-Planck-Instituts für Demographie bekannt (MPI für demographische Forschung). Sie gingen, ausgelöst durch einen kundigen Artikel von Matthias Kamann, durch die Presse, aber wurden, wie es schien, politisch kaum rezipiert. Der Anschein trog. Denn Roland Koch muss vor einem Monat seine Schlüsse gezogen haben. Keiner analysiert Datensätze aufmerksamer als er. Keiner weiß besser, in welcher Straße, in welchem Haus, in welchem Stockwerk und an welcher Wohnungstür er sein CDU-Material ausliefern lassen muss, damit es eine messbare Wirkung hat.

          Auslaufmodell Nachwuchs: Die Zahl kinder- oder enkelloser Älterer wächst immer stärker

          Er ist ein Meister der Zielgruppendemokratie, und er hat ein Gespür für Mehrheitsmeinungen, die sich so lange nicht trauen, Meinung zu sein, ehe einer nicht den Aufreger spielt. „Ich habe offenbar das Privileg, Menschen aufregen zu können. Das nutze ich . . .“, sagt er im aktuellen „Spiegel“. Die Studie von Harald Wilkoszewski muss ihm und etlichen anderen die Erkenntnis vermittelt haben, dass die Zeit reif sei für ein sozialpsychologisches Experiment: Wie sehr haben sich die Interessen der alternden Gesellschaft bereits verwandelt?

          Die Älteren schaffen neue Werteorientierungen

          Wilkoszewski räumte in seiner grundlegenden empirischen Studie mit einer frommen Lebenslüge unserer Gesellschaft auf: Älteren ist es in zunehmendem Maße gleichgültig, wie es jungen Familien, Heranwachsenden und Studierenden geht. Und diese Älteren sind das entscheidende Wählerpotential der Zukunft. Die Zustimmungsrate, etwa zu Kindergelderhöhungen, ist bei einem 65-Jährigen um 85 Prozent geringer als bei einem 25-Jährigen. Fragen der Kinderbetreuung, Bildung und wahrscheinlich auch jeder Form von Forschung, die nicht im weitesten Sinne medizinisch ist, spielen eine immer geringere Rolle.

          Das widersprach allen bisherigen Erkenntnissen, aber es widersprach mit gutem Grund: Denn fast alle bisherigen Studien zur Generationensolidarität beschränkten sich auf den Raum der Familie. Würden der Großvater, die Großmutter für die Enkel, die Eltern für die Kinder und die Kinder für die Eltern aufkommen wollen? Familienbande sind das eine - lässt man die systematische Verfälschung außer acht; denn wer würde eigentlich bei einer solchen Frage angeben, dass er sich nicht um seine Familie kümmern würde? -; aber die Gesellschaft, in die wir heineinaltern werden, wird insbesondere in den relevanten Wählerschichten eine ganz andere sein. Die Zahl kinder- oder enkelloser Älterer wächst immer stärker - beide Gruppen, so hat das Max-Planck-Institut herausgefunden, sind die Antriebsaggregate neuer Werteorientierungen. Aber auch jenseits davon ist aufgrund längerer Lebenserwartung, höherer Gesundheitskosten, wachsender Separierung der Generationen ein neuer, gleichsam biologisch induzierter Egoismus vorgegeben, der sich durch Sonntagsreden nicht zähmen lassen wird.

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