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Angriff auf die Zukunft : Roland Kochs Wette

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Jeder Dreißigjährige kann heute schon feststellen, wie viele Dreißigjährige es in Deutschland noch gibt, wenn er sechzig ist. Zieht man davon all jene ab, die keine Ausbildung haben werden, und all die, die eine Ausbildung haben, aber ein bildungsschwaches Land verlassen werden, dann wird er sich keine Illusion mehr darüber machen, dass Kochs Intervention nicht eine Intervention unter anderen ist: Sie betrifft ihn, allein schon wegen der Trägheitseffekte demographischen Wandels, existentiell.

Was 2030 geschieht, entscheidet sich heute

Die politische Spekulation ist offenkundig: Sähe man Deutschland als einen Menschen, so wäre es ein Mensch, der - erstmals in der Geschichte unseres Landes - mehr Lebenszeit hinter sich als vor sich hat. Ein solches Kollektiv stellt vieles von dem auf den Kopf, was man bisher für Naturgesetze einer Gesellschaft gehalten hat. Um 2015 wird sich die Zahl der ersten großen Rentnergeneration mit der immer geringer werdenden Anzahl neuer Berufseinsteiger überschneiden. Viele sagen, sie merken noch gar nichts.

Aber das hat damit zu tun, dass die Babyboomer auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit sind. Es genügt, sich ab und zu den Lebenszyklus des Geburtsjahrgangs 1964 - des letzten großen geburtenstarken Jahrgangs - vor Augen zu halten. Er geht in zwanzig Jahren in Rente - genau die Zeit, die man braucht, um eine neue Generation vernünftig auszubilden. Was 2030, wenn keiner der heute aktiven Politiker mehr im Amt ist, mit uns geschieht, entscheidet sich jetzt.

Bildung heißt, die Interessen dadurch zu relativieren, dass man sich mit anderen vergleicht

Aufgabe von Politik ist es, den eigensüchtigen Interessen einer alternden Gesellschaften gerade dann entgegenzuwirken, wenn sie nicht mehr Partikularinteressen, sondern Interessen der Wählermehrheit einer Gesellschaft sind. Dazu zählt, dass sie Prioritäten setzt; vielleicht kann sie gar nicht mehr als das. Roland Koch hat mit erstaunlicher Kurzsichtigkeit ausdrücklich als erste Priorität die Bildung genannt und auch die nur funktional. Bildung ist nicht nur Schule und Studium - Bildung heißt, die Interessen dadurch zu relativieren, dass man sich mit anderen vergleicht. Ein Bürgertum, das auf sich hält, kann da nicht mitmachen. Honoriert es eine Politik der kurzfristigen Belohnung, handelt es nicht besser als die Spekulanten. Das Land muss begreifen, dass es alle Rettungspakete vergessen kann, wenn es nicht ein Rettungspaket für die junge Generation, für Bildung und Forschung schnürt. Was bisher geschehen ist, reicht in Wahrheit bei weitem nicht.

„Geld ist nicht alles“, sagt der sächsische Ministerpräsident Tillich. Eben, wir warten seit Jahren darauf, dass Bildung mehr ist als Geld, aber genau dazu braucht es Geld - angefangen von der Verkleinerung der Schulklassen (statt der klammheimlichen Zusammenlegung ganzer Schulen) bis zu einer Reform der Prozesse, die im Begriff sind, in den Universitäten ganze Generationen von effizienzoptimierten Akademikern zu züchten, die keine Ab- und Irrwege gehen dürfen. Die Vorschläge füllen ganze Bibliotheken, aber sie haben alle eines gemeinsam: Bildung der Jungen entscheidet die Zukunft der heute Arbeitenden. Kochs Wette steht im Raum. Wir können uns bei ihm nicht mehr beschweren, wenn die Spekulation aufgeht.

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