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Angriff auf die Zukunft : Roland Kochs Wette

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Der Wähler hat immer das Gefühl, nur etwas verlieren zu können

Die Ressource Zeit schwindet trotz längerer Lebenserwartung dramatisch. Das wiederum verkürzt Zukunft. Jeder Sechzigjährige weiß, dass er keinen größeren Kredit mehr bekommt (das Musterbeispiel von Zukunftsplanung), weil seine Lebenszeit niemals ausreichen wird, ihn abzubezahlen. Was aber heißt das für eine Gesellschaft, in der sich die Zahl der über 65-Jährigen in den nächsten Jahrzehnten auf ein Drittel der Gesamtgesellschaft verdoppeln wird? So hat der typische Wähler - anders als in einer jungen Gesellschaft - immer nur das Gefühl, etwas zu verlieren, nicht etwas gewinnen zu können. Er bestimmt das Lebensgefühl der Gesellschaft. Max Frisch hat, als er selbst über fünfzig Jahre alt war, das Psychogramm einer solchen Gesellschaft in seinem berühmten Fragebogen formuliert: „Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?“

Kochs Intervention markiert den Übertritt der Politik in diesen Zeithorizont. Denn er - und mit ihm eine Reihe von Ministerpräsidenten - bietet dem Land eine Wette an. Das sollte jeder wissen, der sich mit seinen Forderungen nach Einsparungen bei Bildung, Forschung und Kinderbetreuung befasst. Die Wette lautet: Der Altersaufbau - die demographische Struktur - der Gesellschaft ist so, dass die Mehrheit der Wähler kein wirkliches Interesse an einer Zukunft hat, die länger als zwanzig Jahre auf sich warten lässt.

Koch verschiebt in die die nächste Generation, was er heute nicht lösen will

Koch hält mit seinen Prioritäten auch keineswegs hinter dem Berg: „Was wäre wohl los gewesen“, sagt er im „Spiegel“, „wenn ich zuerst über die rund 80 Milliarden Euro staatlichen Zuschüsse zur Rentenversicherung gesprochen hätte? Dann wären Vertreter der älteren Generation mit derselben Empörung über mich hergefallen wie jetzt die Bildungspolitiker.“

Er sagt die lautere Wahrheit: Im ersten Fall wären die Alten über ihn hergefallen, im zweiten sind es nicht etwa die jungen Menschen, sondern nur die Bildungspolitiker. Denn die kritische Masse der jungen Menschen und ihrer Familien reicht offenbar schon nicht mehr aus, Protest zu formulieren. Deshalb ist Koch auch keineswegs „mutig“ und greift „Tabus“ an - er verschiebt in die nächste Generation, was er heute nicht lösen will. Dabei gibt es für eine alternde Gesellschaft nach einhelliger Meinung aller Experten nur eine einzige Rettung: in die Bildungskarrieren der nächsten Generation zu investieren. Wer Anregungen sucht, schaue sich die entsprechenden Kurven in Pakistan oder Singapur an. Besteht die nächste Generation, wie in Deutschland, in immer stärkerem Maße aus Angehörigen bildungsferner Schichten, dann ist dieser Auftrag eine Frage des Überlebens. Und genau das, wozu man Politik, die ihren Namen verdient, braucht.

Statt Dax und Dow Jones die Kurven des demographischen Wandels einblenden

Es gibt keinen dritten Weg. Keine Zuwanderung, keine Lebensarbeitszeitverlängerung löst das Problem, und die aktuelle Krise ist nichts im Vergleich zu dem, was Deutschland bevorsteht, wenn das Land im Jahre 2025 (das sind 15 Jahre!) seine wenigen jungen Menschen überwiegend schlecht ausgebildet auf einen Arbeitsmarkt entlässt, der die alimentieren muss, die heute immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt haben. Statt jeden Tag den aktuellen Stand des Goldpreises, die Charts des Dax und des Dow Jones zu präsentieren, sollten jeden Abend die Kurven der demographischen Entwicklung eingeblendet werden. Kein großer Aufwand, denn sie verändern sich nicht. Aber es hätte den Vorteil, dass dann auch Dreißigjährige erkennen würden, dass die Debatte um die Ausbildung der künftigen Generation, um Kinderbetreuung und Forschung, eine Debatte um ihr eigenes Altern ist.

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