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Kolumne „Import Export“ : Nicht nur die Symbole der Demokratie wurden zerstört

  • -Aktualisiert am

Manhattan am Tag des Anschlags vom 11. September 2001 Bild: dpa

Sie standen am Anfang von Kaskaden von Terrorbildern und Bilderstürmen: Zwanzig Jahre nach dem 11. September 2001 bleiben Aufnahmen und die Frage: Wie gehen wir mit ihnen um?

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          Zwanzig Jahre später bleiben die Bilder: zwei silberne Türme im wolkenlos blauen Himmel, dann, als das erste Flugzeug in den Nordturm einschlägt, ein Feuerball, Rauch. Eine Viertelstunde später das zweite Flugzeug in den Südturm. Wir alle waren Zeugen, darauf zielt die schon so oft gestellte Frage: Wo warst du am elften September? Wir, von einem wir war damals oft die Rede, waren vor dem Fernseher, zu Hause, bei der Arbeit, bei Freunden, im Café, aber immer vor dem Fernseher.

          Nine Eleven ist zur Chiffre geworden, die Bilder ikonisch. Bilder wie aus einem Katastrophenfilm, Blockbuster, den man so schon einmal gesehen zu haben meint, im Kino. Aber diesmal ist es echt. Auf die echten Bilder des Terrors folgten fiktive Bilder des echten Terrors. Spielfilme wie „World Trade Center“, „Flug 93 – United 93“, „Remember me“ wurden gedreht. Ikonisch war 9/11 aber auch für die Islamisten. So veröffentlichte Al Qaida 2017 zum Jahrestag des 11. September exklusives bisher unveröffentlichtes Videomaterial der Attentäter. Auch Merchandise gab es: ein abgewandeltes Adidas-Logo auf Taschen, Pullover und T-Shirts gedruckt. Anstelle des Schriftzugs Adidas steht da AlQaida, und von rechts fliegt ein Flugzeug auf den ersten der drei Streifen zu.

          Getroffen werden sollte der Westen

          Die New Yorker Skyline, vielfach auf Postern, Kaffeetassen und Taschen abgebildet, die Wolkenkratzer, der Financial District sind architektonisches Wahrzeichen, Inbegriff der westlichen Moderne. Das World Trade Center ist also auch ein Symbol. Getroffen werden sollte der Westen, der unter dem Einfluss der Zionistischen Lobby stehe, um Israel zu dienen. Osama bin Laden spricht davon in einem Al-Jazeera-Interview 2001. Antisemitische Verschwörungsideologie par excellence, und das Anschlagsziel, das vermeintliche „Finanzjudentum“, ebenfalls ein alter antisemitischer Topos. Getroffen werden sollte auch mit dem Pentagon das militärische Zentrum der USA. Das vierte und letzte Flugzeug war vermutlich für das Kapitol bestimmt, wurde aber in Pennsylvania zum Absturz gebracht. Das in den letzten 20 Jahren nach jedem neuen Terroranschlag immer wiederholte „ein Angriff auf die Demokratie“ ist immer noch wahr.

          1993 erschien „Die Religion der Demokratie“ des islamistischen Theoretikers Muhammad al Maqdisi, in dem er die These vertrat, dass Demokratie Unglaube sei und der Monotheismus Tauhid mit ihr unvereinbar. Der Einzige, der die Gesetze machen dürfe, sei Gott. In der Demokratie seien es die Menschen – und somit sei die Demokratie Shirk, Polytheismus. Auch Osama bin Laden war von den Schriften Al Maqdasis beeinflusst. Man kann 9/11 als Ikonoklasmus begreifen: Die Symbole der Demokratie sollten zerstört werden. Bin Laden sagte: „Those awesome symbolic towers that speak of liberty, human rights, and humanity have been destroyed. They have gone up in smoke.“ Doch es sind nicht nur Symbole, die zerstört wurden, sondern echte Gebäude, in denen echte Menschen waren. Denken wir nur an die Menschen, die, um Feuer und Rauch zu entkommen, in den Tod sprangen.

          Ein Amphitheater als Hinrichtungsstätte

          In den letzten 20 Jahren folgten Kaskaden von Terrorbildern und Bilderstürmen. Wieder mit der Begründung des Shirk, des Polytheismus. Diesmal traf es die Frühgeschichte: die Zerstörung der Statuen und Standbilder im archäologischen Mossul Museum 2015 durch den IS; die Sprengungen in Palmyra, des Hadrianstors, des Baalschamin-Tempels, der Löwenfigur, die ursprünglich zum Al-Lat-Tempel gehörte. Das Amphitheater in Palmyra wurde zur Hinrichtungsstätte. Horst Bredekamp hat es in „Das Beispiel Palmyra“ auf den Punkt gebracht: „Menschen werden getötet, um zu Bildern ihrer Ermordung werden zu können, und Bilder werden zerstört, als würden Menschen hingerichtet.“ Die Dschihadisten sind hier nicht nur die Regisseure des Terrors, sie sind auch seine Fotografen, Kameramänner und Cutter. Den US-Journalisten James Foley, den sie enthaupteten, den jordanischen Piloten Muas al-Kasasba, den sie in einen Käfig steckten und verbrannten. Die Opfer in Orange, das an die Kleidung der Guantánamo-Häftlinge erinnern sollte. Die Hinrichtungen wurden geprobt, bis sie dann wirklich durchgeführt wurden. Das erklärt, warum die Opfer in manchen der Videos nicht einmal zucken, als das Messer an ihren Hals gesetzt wird. Mehre Kameras filmten aus verschiedenen Perspektiven, mit Nashids unterlegt (weltliche Musik ist ja verboten); ein Film, den man so schon einmal gesehen zu haben meint.

          Terrorbilder in den sozialen Medien

          Der Islamismus ist totalitär, alles, was zu Unglauben erklärt wird, soll ausgelöscht werden. Vorislamische Antike wie demokratische Moderne. Menschen wie Bilder, Bilder wie Gebäude. Ein Krieg der Bilder wurde der Terror oft genannt. Er ist das besonders in Zeiten, in denen Terrorbilder massenhaft in den sozialen Medien verbreitet werden. Von den Islamisten selbst oder von Zeugen mit dem Smartphone aufgenommen. Und doch tötet der Islamismus auch dort, wo Bilder es selten auf die Titelseiten unserer Zeitungen schaffen: auf dem Markt in Bagdad, in einem Restaurant in Mogadischu, vor einer Kathedrale in Makassar, Indonesien. Nahezu 3000 Menschen wurden am 11. September 2001 ermordet. Zwanzig Jahre später bleiben die Bilder und die Frage: Wie gehen wir mit ihnen um?

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