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Merkel spricht : Anfangs fiel es ihr noch schwer, immer dasselbe zu sagen

  • -Aktualisiert am

Wie immer: Nach ihrer Rede am Dienstag auf dem CDU-Parteitag in Essen verneigt sich Angela Merkel vor den Delegierten. Bild: dpa

Spuren der Macht gibt es nur in ihrem Gesicht. Ansonsten: alles wie immer. Die Kanzlerin wird in ihren Reden immer unheimlicher.

          3 Min.

          Von Helmut Schmidt stammt die Feststellung, wer nicht bereit sei, jeden Tag zehnmal dasselbe zu sagen, der solle nicht in die Politik gehen. Damit war gemeint, dass die Kommunikation innerhalb der politischen Klasse eines sei; ein anderes aber, ob man damit auch bis zur Bevölkerung durchdringe, dort begriffen werde und, im Idealfall, Gefolgschaft finde.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          In dem interessanten, am Mittwochabend auf Arte gesendeten Dokumentarfilm „Angela Merkel - Die Unerwartete“ bekam man einen ganz guten Eindruck davon, wie wenig die Bundeskanzlerin an ihrer Redeweise in all den Jahren geändert hat; und zwar, nachdem sie den Ausstieg aus der (Natur-)Wissenschaft in die Politik erst einmal bewältigt hatte. Es war Günter Gaus, der ihr schon 1991 in seiner legendären Interviewreihe „Zur Person“ die Frage vorlegte, ob es, angesichts der vielen Posten, die sie schon bezogen, der Entwicklung, die sie genommen habe, „nicht alles ein bisschen schnell gegangen“ sei, sie vielleicht das Gefühl habe, „es geschehe etwas mit Ihnen, mehr, als dass Sie etwas aus sich machen, dass Sie derzeit mehr Objekt als Subjekt sind“?

          Ihrem Stil nach eher eine „Erwartete“

          Die Antwort gibt nicht die damals 37 Jahre alte Bundesministerin, sondern die Bundeskanzlerin des Jahres 2016. Sie fällt denkbar Merkel-typisch aus: „Ja, das kam ja alles ... sehr ... schnell.“ Es ist ein Kunstgriff der Dokumentation, Merkel mit einem Abstand von 25 Jahren die Gaus-Frage parieren zu lassen und damit glaubhaft zu machen, dass sie damals wohl kaum anders ausgefallen wäre. „Spuren der Macht“, um die Langzeitstudie von Herlinde Koelbl zu zitieren, gibt es nur in ihrem Gesicht, nicht in ihrer Rede. Die ist sich in Jahrzehnten auf ganz unheimliche Weise gleich geblieben: Versatzstücke, Textbausteine und Floskeln, die auch auf Wahlplakaten stehen könnten und mit denen im Grunde nur Selbstverständlichkeiten beteuert werden. Unfassbare Langeweile geht davon aus.

          Die Unerwartete? Der Titel der Dokumentation kann sich deshalb nur auf die Tatsache beziehen, dass, als Merkel das politische Terrain betrat, sie gänzlich unbekannt war und deswegen niemand mit ihr rechnen konnte. Was ihren Stil betrifft, so sollte man eher von einer „Erwarteten“ sprechen: Sie verhält sich erwartbar - nicht in ihrer konkreten Art, politische Entscheidungen zu treffen, aber in ihrer Art, darüber zu sprechen. Darauf kommt es auch an; sie tritt nur als öffentlich Sprechende in Erscheinung, es gibt kein bekanntes Dahinter.

          Fatalismus statt Vision

          Dass sie mit ihrem überraschungsfreien, oft so befremdlich unbeholfenen Duktus Helmut Schmidts Maxime geradezu übererfüllt, ist in diesen Tagen zu beobachten. Formulierungen, die schon beim Erstgebrauch nicht sonderlich gewinnend wirkten, tauchen nach Wochen, Monaten oder Jahren in derselben Form wieder auf: so das merkwürdig soldatische Ethos des Dienens, das sie 2005 bemühte, neulich bei der Wiederantrittserklärung wieder und nun, auf dem Parteitag in Essen, noch einmal; oder die Behauptung, nach elf Jahren Kanzlerschaft sei eine abermalige Kandidatur „alles andere als trivial“, die nun in Essen wörtlich wiederkehrte (wobei man fragen könnte, ob nicht umgekehrt bei dieser Kanzlerschaft deren wiederholte Bestätigung trivialer für sie und das Land ist als bei einem Neuling, bei dem niemand weiß, wer und was kommt).

          Trotz aller „Wir schaffen das“-Litanei wird ihre Rhetorik immer dann fatalistisch, wenn es eigentlich darum ginge, Visionen oder wenigstens Ideen zu entwickeln, also Gestaltungsspielraum und -macht anzudeuten. Hier scheinen Land und Leute samt Regierungschefin nur noch zum Zuschauen und Abwarten verurteilt, Spielball höherer Mächte und immer rasanterer, unumkehrbarer Entwicklungen. Dass diese erst das Ergebnis politischer Entscheidungen sind, von denen sie ja auch schon einige getroffen haben dürfte, und nicht etwas dem Politischen Vorgängiges - dazu sagt sie kein Wort.

          Entlastung vom Innovativen

          Das ist für eine Regierungschefin, die doch neulich noch zum letzten Eckpfeiler der westlichen Welt ausgerufen wurde, bemerkenswert. Dass Angela Merkel sich und ihr Land in ihren Reden so dermaßen zum Objekt und nicht, im Gausschen Sinne, zum Subjekt macht, ist nicht nur Bescheidenheitsgestus. Vielleicht hat sie Helmut Schmidts Diktum einfach überinterpretiert. In der Dokumentation ist ihr die Irritation darüber jedenfalls anzumerken, wie schwer es ihr anfangs gefallen sei, „immer dasselbe zu sagen“. (Und wir können inzwischen sagen, dass es schwer ist, immer dasselbe zu hören.) Verräterisch ihre Bemerkung, das Wiederholungsprinzip sei aber „Teil des Erfolgs“.

          Ihr Abschied aus der Wissenschaft bedeutete deswegen auch eine Entlastung vom Innovativen: „Wenn ich da nach einer Woche mit demselben Ergebnis gekommen wäre, dann wäre das Arbeitsergebnis null gewesen.“ Aber ob es in ihrer gestaltungsfreien, sich rein aufs Reagieren verlegenden Politik wirklich so viel anders ist?

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