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Angela Merkel : Ihr wißt gar nicht, wie viele sozialistische Elemente ihr habt

  • Aktualisiert am

„Ein bißchen Risiko eingehen”: Angela Merkel Bild: REUTERS

Politische Stärke aus dem Pfarrhaus: Angela Merkel spricht über ihre Kindheit in der DDR, den 9. November 1989, den ersten Rundgang im Westen, die aktuelle Wirtschaftsmisere und die Zukunft Deutschlands.

          10 Min.

          Politische Stärke aus dem Pfarrhaus: Angela Merkel spricht über ihre Kindheit in der DDR, den 9. November 1989, den ersten Rundgang im Westen, die Wirtschaftsmisere und die Zukunft Deutschlands.

          Frau Merkel, was haben Sie am 9. November 1989 gemacht?

          Am Tag arbeitete ich in der Akademie der Wissenschaften in Adlershof. Am Abend bin ich, wie ich es donnerstags regelmäßig machte, in die Sauna im Thälmannpark gegangen. Vorher hatte ich noch im Fernsehen die Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen, als er den berühmten kryptischen Zettel zur Reisefreiheit verlas. Ich rief schnell noch meine Mutter an, weil wir eine stehende Wendung hatten: Wir gehen Austern essen zu Kempinski, wenn die Mauer fällt - was wir bis heute noch nicht gemacht haben. Ich sagte jedenfalls, sie solle ihr Westgeld zusammenkramen, es könne bald soweit sein. Als ich zurückkam, sah ich, daß Menschen die Bornholmer Straße hinunterströmten, ich schloß mich dem Strom an und bin dann am 9. November zum ersten Mal ohne Kontrolle über die Grenze gegangen.

          War Ihnen in diesem Augenblick schon klar, daß das das Ende der DDR bedeutete?

          An dem Abend war ich erst mal beeindruckt und ergriffen. Ich fuhr am nächsten Morgen wie immer von der Schönhauser Allee nach Adlershof zur Arbeit. Dort waren viele vom Wachregiment Felix Dzierzynski, die ja für die Grenzbewachung verantwortlich waren, die fuhren am Freitag ins Wochenende. Sie unterhielten sich darüber, daß das Lebenswerk ihrer Vorgesetzten, der Offiziere der Nationalen Volksarmee, sich in dieser Nacht erledigt hätte. Und da ist mir klargeworden, daß jetzt etwas im Gange ist, was wahrscheinlich das Ende der DDR bedeutet.

          Wollten Sie damals schon in die Politik gehen?

          In diesen ersten Tagen noch nicht. Aber dann wurde klar, es werden neue Leute gebraucht. Ich wollte in eine der neuen Parteien. Ich dachte mir auch, daß diese Gruppen eine großte Kraft entfalten würden. So kam ich zum „Demokratischen Aufbruch“.

          Was ist Ihre erste bewußte politische Erinnerung?

          Mit Sicherheit der Mauerbau und die Tage davor. Meine Großmutter hatte damals einen runden Geburtstag. Sie hatte sich gewünscht, daß mein Vater sie im Sommer mit einem gemieteten VW Käfer durch Bayern fährt. Wir waren als Familie viele hundert Kilometer gefahren, kamen Anfang August zurück und fuhren zum Abschluß der Reise zu der anderen Großmutter nach Pankow. Ich weiß noch, wie ich mit ihr über die Wollankstraße ging, weil sie im Westen noch einmal Zigaretten kaufen wollte. Mir fiel dabei auf, daß sich mein Vater und meine Großmutter so traurig verabschiedeten, weil sie ahnten, in Berlin wird etwas passieren, denn in den Wäldern lag überall Stacheldraht. Den hatten wir bei unserer Rückfahrt gesehen. Der 13. August war ein Sonntag, und mein Vater hatte als Pfarrer einen Gottesdienst zu feiern. Alle haben geweint.

          Sie sind im Westen, in Hamburg, geboren, und Ihr Vater wechselte als Pfarrer in die DDR.

          Er kam aus Pankow und hatte immer die Absicht, als Pfarrer wieder in die Sowjetische Besatzungszone zurückzugehen. Solche Entscheidungen waren gar nicht so selten, wie manche denken, denn diese Generation hatte den Eindruck, auch in der Sowjetischen Besatzungszone müsse die Kirche ein vernünftiges Fundament haben. Man konnte besser im Westen studieren, das hat er dann auch getan in Bielefeld und in Hamburg als Vikar, wo er meine Mutter kennenlernte, und dort bin ich noch geboren worden. Ich bin dann aber im Alter von sechs Wochen in die DDR gekommen.

          Hatte er damals auch eine gewisse Sympathie für den Sozialismus?

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