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Andrej Platonows „Baugrube“ : Das klügste Buch über Totalitarismus

  • -Aktualisiert am

„Der neue Planet“, 1921, von Konstantin F. Juon Bild: Mauritius

Im 20. Jahrhundert ist kein schöneres, furchtbareres und klügeres Buch über Totalitarismus und Utopie geschrieben worden. Nichts, was der Ausdrucksstärke und dem Grauen von Andrej Platonows „Baugrube“ gleichkäme. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Zu beginnen ist damit, dass er an die Unsterblichkeit glaubte. Nicht an die Unsterblichkeit der Seele, aber an die Wiederauferstehung der Leiber. Er war Techniker und glaubte an die Mechanik, die Physik, an Kräftefelder, Thermodynamik und Melioration. Geboren in den vorzeitlichen Dunkelheiten der russischen Provinz, musste er an die Elektrizität glauben. Musste glauben an scheinbar unsichtbare Kräfte, die doch so alt waren wie die Welt selbst, denn nur sie allein waren in der Lage, die materielle Ohnmacht der Kutschervorstadt, der Jamskaja Sloboda, zu überwinden, in der er zur Welt gekommen war. Nur sie konnten es aufnehmen mit der fauligen Grenzenlosigkeit dieses Landes, das – in alle Ewigkeit, könnte man meinen – zwischen den Ozeanen des Globus in Reglosigkeit verfallen war. Und schließlich mit dem Kosmos, der trotz seiner Ausdehnung, seiner scheinbaren Beweglichkeit einzig und allein mit der apokalyptischen Vernichtung von Leben beschäftigt war, Leben, das er nur dazu erschuf, um es sofort der Zerstörung anheimzugeben.

          Man musste wahrlich im Inneren Russlands auf die Welt gekommen sein, um solche Träume zu träumen. Das war ja doch keine Welt, sondern eine Unendlichkeit der Geologie, von Zeit zu Zeit erschüttert von Tektonik. Viertausend Kilometer von Süden nach Norden und neuntausend Kilometer von Osten nach Westen. Kaltes, endlos weites Grab, in das seit Jahrhunderten die Generationen hinabstiegen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Hinab in Sümpfe, ewigen Frost, Schnee und Sand, eine Schicht nach der anderen, und bald darauf sieht die Erdoberfläche wieder glatt aus wie zuvor.

          Die Revolution als kosmischer Prozess

          Auch heute ist es so, wenn man in jene Gegenden fährt oder fliegt. Dort ist nichts. Die Inseln menschlicher Bevölkerung wirken wie sinkende Schiffe, wie Flöße mit Schiffbrüchigen, die schon gleich vom teilnahmslosen, urewigen Element verschlungen werden. Was heißt das auch schon – „jene Gegenden“... Wohin man auch aufbricht, überall sieht man, dass die monströsen Fluten und Ebben unsere Spuren, unsere Behausungen und unser Leben abtragen, verwischen, um am Ende zu obsiegen, so dass nur das kalte Lid des Kosmos bleibt, verschlossen über diesem Unmaß von Erden und Wassern.

          Als die Revolution von 1917 ausbricht, wird Andrej Platonow gerade erst erwachsen. Er ist 18 und Arbeiter und Lokführergehilfe in Bahnwerkstätten. Man kann sich vorstellen, wie er die Maschinen berührt, versunken in deren Schönheit, wenn sie eine Energie in die andere verwandeln. Wenn Feuer, Wasser und Dampf sich in eine Kraft verwandeln, die in der Lage ist, den Raum zu überwinden. In eine Kraft, die mit dem Nichts fertig wird. Der Achtzehnjährige, wie er all diese Hebel, Zylinder, Kurbelwellen und Exzenter anfasst, feucht vom Öl und warm wie Tierleiber und zugleich unsterblich, denn schließlich sind sie vom menschlichen Genius erschaffen, der – einmal in Bewegung gesetzt – niemals erlahmt.

          Es ist zweifelhaft, ob die Revolution für ihn eine Tatsache von politischen und gesellschaftlichen Dimensionen war. Er betrachtete sie eher wie einen kosmischen Prozess, der die physikalischen Gesetze, nach denen das Weltall, das Leben und die Wirklichkeit funktionieren, ändert. Schließlich kann die von ihr freigesetzte Energie, im Grunde eine tektonische Energie, nicht nur dazu gedient haben, gesellschaftliches Unrecht auszugleichen, die Verteilung der Güter zu verbessern und die Verdammten dieser Erde zu befreien. Dann würden wir ja weiter im Teufelskreis unserer Existenz verharren. Wir würden auf die Welt kommen, nur um zu sterben. Schicht auf Schicht, Generation auf Generation gestapelt im Inneren der Erde vom ersten bis zum letzten Tag, bis kein Platz mehr da ist.

          Dem Tod die Macht entreißen

          Man musste ein Jugendlicher aus der Postkutschensiedlung sein, wo der Faustkampf mit dem Nachbardorf die einzige und uralte Abwechslung ist. Musste eines von elf Geschwistern sein, Sohn eines Schlossers, dessen Familie gelegentlich Hunger litt. Musste schließlich ein oder zwei Klassen des Technikums für Eisenbahntechnik absolviert haben, um zu der Vision zu gelangen, dass wir verpflichtet seien, all unsere Vorfahren von den Toten auferstehen zu lassen, weil wir ihnen das schuldig seien. Dies sei unsere moralische Verpflichtung gegenüber denen, die uns das Leben geschenkt haben. Gegenüber Vätern und Müttern, Großvätern und Urgroßvätern, bis hin zu den tiefsten, letzten Schichten der im Sand und im ewigen Frostboden Begrabenen.

          Andrej Platonow (1899 - 1951)
          Andrej Platonow (1899 - 1951) : Bild: Gor’kij-Institut für Weltliteratur der Russländischen Akademie der Wissenschaften

          Und man musste die Visionäre lesen: Nikolaj Fjodorow und Alexander Bogdanow, die schon an der Schwelle zum 20.Jahrhundert beobachtet hatten, dass die individualisierte, technisierte Menschheit einen Strohpuppentanz auf ihrem eigenen Grab aufführt. Fjodorows Idee einer Supramoral setzte die Abzahlung der Schuld gegenüber den Vorfahren voraus. Alle Kräfte der Welt, die moralischen, gesellschaftlichen, technologischen, das gesamte Potential der Gattung sollte diesem einzigen Ziel dienen: Die unendlich lange Kette unserer Verstorbenen wieder zu einem Ganzen zu verbinden und dem Tod seine Macht zu entreißen.

          Das waren keine unverbesserlichen und unausgeglichenen Träumer. Lenin persönlich polemisierte mit Bogdanow, und die GPU steckte ihn für fünf Jahre ins Gefängnis. Fjodorow war eine Art asketischer Weiser, ihn suchten die besten Köpfe der Epoche auf. Er inspirierte Ziolkowski bei seinen Überlegungen zur Raumfahrt. Die Erde würde in Zukunft zu klein sein, deshalb mussten die unzähligen Massen der Wiederauferstandenen Unterkunft auf anderen Planeten finden.

          Ein Loch für das Fundament des Kommunismus

          Na gut. Vielleicht hat er nicht daran geglaubt. Aber große Dinge hat er erwartet. Jedenfalls so etwas wie eine Art anthropologischer und zugleich kosmischer Neudefinition. Er erwartete die Erlösung von Mensch und Materie. Die Überwindung eines Schicksals, das das Leben zu einem einzigen langwierigen Sterben macht. So wie in der Kutschervorstadt, in tiefster russischer Provinz, in all jenen Weltgegenden, in denen die Verfluchten dieser Erde lebten.

          Zehn, fünfzehn Jahre später war klar geworden, dass es keine zweite Niederkunft geben würde. Der proletarische Arbeiter- und-Bauern-Christus war zwar gekreuzigt worden, aber nicht wiederauferstanden – und er würde nie wiederauferstehen. Seine blutigen Überreste verschleppt das verwilderte Volk in kannibalistischen Ritualen, vergräbt sie und exhumiert sie wieder und erfüllt die Luft mit Leichengeruch. Die Prophezeiung des Jemeljan Pugatschow war in Erfüllung gegangen, der anderthalb Jahrhunderte zuvor von sich gesagt hatte, er sei gerade mal ein Rabenküken, der wahre Rabe aber würde erst noch kommen. Allein die Kollektivierung und die anschließende große Hungersnot haben sechs Millionen Opfer gefordert.

          Platonow schrieb die „Baugrube“ innerhalb von fünf Monaten zwischen Dezember 1929 und April 1930. Unter dem flachen Himmel auf einer endlosen Ebene graben Bagger ein Loch für das Fundament des „gemeinproletarischen Hauses“, das Fundament des Kommunismus. Mit Schaufeln, Brecheisen, Spitzhacken, mit der Hand. So wie der Belomorkanal gebaut wurde, wie das Gold an der Kolyma gefördert wurde. Die Baugrube wird immer tiefer, immer weiter, schließlich hören die Frauen nie auf zu gebären, und die Zahl der Proletarier wird wachsen. Sie essen Griesbrei und schlafen rücklings, einer neben dem anderen unter dem gelblichen elektrischen Licht. Die Jahreszeiten wechseln, erst schwitzen sie im Schlaf, danach schleicht sich die Kälte nachts in die Baracke. Nach außen hin aber herrscht unaufhörliche Dämmerung wie in einem Traum, aus dem wir so schnell wie möglich erwachen wollen. In dem Dorf nebenan werden Kulaken auf ein großes Floß verfrachtet, um sie den grauen Fluss hinunter und ins Nichts zu befördern. Sie hinterlassen im Unkraut Schafskadaver, von denen sogar im Winter Fliegenschwärme aufsteigen. Und das alles in einem Grau oder einer Dämmerung, einem Halbdunkel, Halbschlaf, aus dem niemand erwachen wird.

          Ein Buch über Totalitarismus und Utopie

          Schon bald begreifen wir, dass die Baugrube, der „Kotlowan“, ein Grab ist. Ein Grab, in dem die ganze Welt Platz finden soll. Sowohl die, die an die Unsterblichkeit glaubten, als auch jene, die diesem Glauben im Weg standen. Alle. Indem wir uns durch die Schichten der teilnahmslosen und todbringenden Materie arbeiten, kommen wir immer tiefer, um schließlich zu einer weiteren Schicht von Leichen zu werden und uns unseren Vorfahren anzuschließen, die wir eigentlich hatten zum Leben erwecken wollen. Nur diese Art der Kommunikation mit ihnen ist uns gegeben. Nur durch den Tod und die Begegnung in Sand und ewigem Frost.

          Es ist im 20. Jahrhundert kein schöneres, furchtbareres und klügeres Buch über Totalitarismus und Utopie geschrieben worden. Nichts, was der Ausdrucksstärke und dem Grauen von Andrej Platonows „Baugrube“ gleichkäme. Die Apokalypse vollzieht sich in seinem Werk auf allen Ebenen. Auf der Ebene des Bildes, der Philosophie und der Sprache. Die Wörter platzen, sie zerreißen, weil sie in einer absoluten Leere gesprochen werden. So wie Fische aus den Tiefen des Ozeans, wenn sie an die Oberfläche geholt werden. Angefangene Sätze bedeuten an ihrem Ende schon das Gegenteil und verüben Selbstmord. Bilder und Ereignisse sind schon an ihren Anfängen der Vernichtung geweiht. Die „Baugrube“ geschieht in einer Antiwelt, einer Antiwirklichkeit, wie sie gleichwohl realer nicht hätte sein können.

          Verstehen, was vor hundert Jahren passiert ist

          Die polnische Ausgabe von 1999, in der Übersetzung von Andrzej Drawicz, hat 150 kleinformatige Seiten. Der Kartonumschlag zeigt eine Reproduktion von Hieronymus Boschs „Heuwagen“. Ich habe die „Baugrube“, glaube ich, nie im Ganzen gelesen. Ich habe immer Fragmente gelesen und sie dann weggelegt. Es gibt nun mal solche Bücher, die schon auf wenigen Seiten, in wenigen Sätzen eine so starke Welt evozieren, dass uns die „Fortsetzung“ nicht mehr interessiert, die weitere Lektüre überflüssig oder gar unmöglich erscheint. Man hat einfach nicht mehr die Kraft dazu. Natürlich kommen wir irgendwann darauf zurück, um die nächste Dosis Rauschgift – oder Gift – zu konsumieren.

          Seit Jahren fahre ich nach Russland. Weit in den Osten, nach Sibirien, in die Mongolei, nach China, nach Zentralasien. Jedes Mal nehme ich mir die „Baugrube“ mit. Ich habe sie im Flugzeug gelesen, in Zügen, an Lagerfeuern irgendwo in der Steppe oder der Wüste. Manchmal reichte es mir auch schon, dieses kleine Büchlein im roten, abgewetzten Umschlag einfach nur bei mir zu tragen. Ich hatte den Eindruck (und täuschte mich vielleicht darin), es würde mir helfen, wenigstens zum Teil zu verstehen, was hier passiert war. Was vor hundert Jahren in der russischen und asiatischen Grenzenlosigkeit passiert ist, im Epizentrum des Kataklysmus.

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