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Kostenloses WiFi in Kirchen? : Da hob ein Sirren und ein Surren an

Einst wurden auch hier Geschäfte gemacht: Ruine der Mount Grace Carthusian Priory in North Yorkshire Bild: Picture-Alliance

Um Kirchen wieder zum Zentrum der Gemeinde zu machen, könnte man sie doch einfach mit kostenlosem WiFi ausstatten. Schlägt der Komponist von „Jesus Christ Superstar“ vor.

          Blickt man unmittelbar vor dem Vorhangsaufgang von den obersten Rängen des Theaters hinab, flimmert im Parkett ein Meer aus Smartphone-Bildschirmen, die im dunklen Saal ihr bläuliches Licht auf die Gesichter ihrer noch einen schnellen Blick auf die E-Mails erhaschenden Nutzer abstrahlen. Trotz der häufigen Ermahnungen, die Geräte auszuschalten, geht kaum eine Vorstellung von der Bühne, ohne dass ein Handy nachdrücklich schellte. Bei einem Liederkonzert in der Londoner Wigmore Hall wurde der österreichische Bariton Florian Boesch unlängst sogar fünfmal unterbrochen durch die Nachlässigkeit eines Zuhörers.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als Theatermacher dürften derartige Störungen Andrew Lloyd Webber ein Greuel sein. Wenn es nach dem Musical-Zar ginge, würden Gottesdienste jedoch geradezu sirren und surren mit Handylauten. Lloyd Webber hat offenbart, dass er die Regierung animiere, sämtliche Kirchen mit kostenlosem WiFi auszustatten, damit die Gotteshäuser wieder als gemeinschaftliche Zentren fungieren. Schon zu Gutenbergs Zeiten stand die Kirche im Zwiespalt mit dem technologischen Fortschritt. Damals ging die Sorge um, die gedruckte Bibel werde dem Gottesdienst womöglich den Todesstoß versetzen, weil die Menschen nicht mehr auf die Kirchen angewiesen seien, um das Wort Gottes zu vernehmen. Heute stellt die nicht zuletzt durch die sozialen Medien geförderte Säkularisierung die Kirchen vor neue Herausforderungen.

          Andrew Lloyd Webber beschwört „mittelalterliche Traditionen“

          Während einige erwägen, das Telefonsignal zu blockieren, um zu verhindern, dass die Gemeindemitglieder beim Gebet heimliche Blicke aufs Smartphone werfen, machen sich andere Pastoren die neue Technologie zu eigen. Eine anglikanische Kirche in der Grafschaft Derby überträgt der besseren Lesbarkeit halber Bibelstellen und Kirchenlieder auf Tablets, die vor dem Gottesdienst verteilt werden. Andere experimentieren mit eigenen Apps, um die Gemeinde enger anzubinden. Und einige ermutigen die Kongregation sogar, das Evangelium live aus dem Gottesdienst zu tweeten.

          Lloyd Webber schwebt mit seiner WiFi-Forderung offenbar vor, dass die Kirchen wie Starbuck’s-Ketten zu Dreh- und Angelpunkten werden, die statt Cappuccino Religion verabreichen. Er beschwört „mittelalterliche Traditionen“, wonach örtliche Unternehmen ihre Geschäfte im Kirchenschiff abwickelten, als habe er noch nie von der Tempelreinigung gehört. Jesus „sprach zu denen, die die Tauben feil hatten: tragt das von dannen und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause!“, heißt es im Johannesevangelium. Kostenlose Aufführungen von Lloyd Webbers Erfolgsmusicals „Jesus Christ Superstar“ und „Joseph and the Technicolour Dreamcoat“ wären eine göttlichere und womöglich auch wirksamere Methode, um die leeren Kirchen zu füllen.

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