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Gefühle und Politik : Für eine Kultur der emotionalen Abkühlung

  • -Aktualisiert am

Kontrollierter Wutausbruch: Charlie Chaplin im Film "Der große Diktator" Bild: Picture-Alliance

Seitdem wir dem Ideal des intensiven Lebens nachjagen, werden wir immer wütender und aggressiver – weil uns die Mittel fehlen, um mit Enttäuschungen umzugehen. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Wir leben in einer Zeit grassierender negativer Emotionen – diese kulturkritische Klage hört man allenthalben: Politiker sind heftigsten Beleidigungen ausgesetzt, im Stadtverkehr finden zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern aggressive Duelle statt, im Internet müssen sich Prominente und weniger Prominente Shitstorms gefallen lassen. Selbst das Amt des amerikanischen Präsidenten, das man lange mit emotionaler Zurückhaltung verband, wird gegenwärtig von einem dauererregten Amtsinhaber besetzt. Diagnosen wie die eines „Zeitalters des Zorns“, die Pankaj Mishra 2017 in seinem gleichnamigen Buch entfaltete, scheinen nahezuliegen.

          Durchsticht man die aggressive Oberfläche der spätmodernen Kultur, stellt sich jedoch heraus, dass ihre emotionale Struktur noch um einiges komplizierter ist. Als kennzeichnend für die Gefühlskultur der westlichen Gesellschaften seit den achtziger Jahren schält sich ein paradoxes Muster heraus: Auf der einen Seite hat kaum eine Gesellschaft zuvor ein so positives und ermutigendes Verhältnis zu den Emotionen kultiviert wie die gegenwärtige. Emotionen scheinen grundsätzlich gut, notwendig und „authentisch“ zu sein; sie erst geben dem Leben Farbe und Intensität – so die Grundüberzeugung, die in den letzten Jahrzehnten vermittelt wurde. Auf der anderen Seite produziert jedoch diese postindustrielle und liberalisierte Gesellschaft geradezu systematisch negative Emotionen – Wut, Trauer, Angst – in einem Ausmaß und einer Weise, die sie selbst gar nicht bewältigen kann. Ein wenig ist es wie mit dem Zauberlehrling: Man wollte die lustvollen Emotionen befreien – und ist nun mit den Folgen des grassierenden Ausdrucks von Unlust konfrontiert.

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