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Andreas Reckwitz in München : Verlust der Schnitte

Vor diesem Teppich hat man schon Redner von verblüffender Einfalt und bestechendem Scharfsinn erlebt: Der Vortragssaal der Carl Friedrich von Siemens Stiftung am Südlichen Schlossrondell in München-Nymphenburg. Bild: Patrick Bahners

Bürgertumsforschung ohne Büfett: Bei der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München trifft Andreas Reckwitz, der Soziologe der Distinktionsgewinne, auf ein höchst distinktives Milieu.

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          War’s das schon wieder mit der Gesellschaft der Singularitäten? Die Pandemie zwingt die Menschen, moralisch zusammenzurücken, und naturwissenschaftliche Gründe machen es nötig, das Volk wieder als so etwas wie einen einzigen Körper zu behandeln – nachdem die Sozialwissenschaften die Ganzheitsvorstellungen ihrer Theorien längst von den letzten Rudimenten des organologischen Denkens gesäubert haben. Aber der Vorschlag zur Selbstdeutung, den der Soziologe Andreas Reckwitz unserer Gesellschaft mit dem Titel seines 2017 bei Suhrkamp erschienenen Buches macht, ist so eng mit Annahmen über die prägenden Kräfte der modernen Gesellschaft verknüpft, dass ein abrupter Übergang in eine Gesellschaft der Kollektivität im Setting dieser Theorie nicht denkbar ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit Singularität bezeichnet Reckwitz eine Folge von ziemlich gleich verteiltem Wohlstand: Der Einzelne hat die Möglichkeit, verspürt aber auch die Pflicht, die eigene Einzigartigkeit durch Selbstdarstellung zu bewirtschaften. Mit einer für Feuilletonleser unmittelbar einleuchtenden Wendung spricht Reckwitz von einem kuratorischen Modell des Lebens. Die auf diesem Weg erzeugte Gesellschaft wird durch das Pandemieregime nicht zum Verschwinden gebracht. Im Gegenteil lässt sie sich noch besser beobachten – wie nun bei einem Vortrag von Andreas Reckwitz bei der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München.

          Öffentliche Veranstaltungen finden seltener statt, und es werden weniger Menschen zugelassen. Nach sieben Monaten und elf Tagen Pause, wie Heinrich Meier, der Generalsekretär der Stiftung, mit pathetischer Genauigkeit vorrechnete, nahm sie ihr Vortragsprogramm wieder auf. Nur für ein Drittel der üblichen Gästezahl konnten Plätze reserviert werden. Aus der Kombination zweier Knappheitsfaktoren – Seltenheit in der Zeit, Vereinzelung im Raum – entsteht eine typische Reckwitz-Dialektik. Dass die Gelegenheit, sich vom Nachbarn abzusetzen, in verlängerten Abständen kommt, macht sie kostbar. Sie darf nicht ungenutzt bleiben – wer weiß, ob der zwei Wochen später anstehende Vortrag eines früheren Verfassungsrichters wirklich stattfinden wird. Umgekehrt macht der Abstand im Raum offenkundig, dass es von vornherein zwecklos wäre, nicht auffallen zu wollen.

          Stahlhartes Gehäuse im Schlafzimmer

          Auch das Beiläufige an der Selbststilisierung, das die Verhaltenslehren seit der Renaissance als den Inbegriff eines kunstvollen Managements von Individualität bestimmt haben, erstarrt in der Reckwitz-Welt zum Zwangsläufigen, wird erfasst von jener Fatalität, die eine Spielart soziologischer Großtheorien dem Prozess der Moderne zuschreibt. Jeder von uns hat sein stahlhartes Gehäuse im Schlafzimmer stehen, und der frühere Verfassungsrichter entnahm ihm am Vortragstag eine grüne Cordhose, mit der man in eine beliebige Münchner Abendgesellschaft passt. Im Kontrast zu solcher Referenz auf die örtliche Tracht sind die gepunkteten Strümpfe, welche der ebenfalls in der ersten Reihe plazierte frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft trug, als persönliches Statement zu klassifizieren. Die Schwelle von der Individualität, einem idiosynkratischen Ensemble persönlicher Kennzeichen, zur Singularität, dem geschlossenen System von Selbstverweisen, überschreiten sie indes noch nicht; der Gepunktete setzt sich nicht als ein Mann in Szene, der auch in seinem Fach die Pointe der Linearität von Argumenten vorzöge.

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