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Frankfurt und der Brexit : Wir haben hier genug fürs Selbstgefühl

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Mögen die anderen in der Stadt dies und das tun: Ausschank im Frankfurter Gasthaus „Zum gemalten Haus“ Bild: Verena Müller

Gerade wird spekuliert, ob Frankfurt am Main auf Kosten Londons zum wichtigsten Finanzplatz Europas werden kann. Was das für die Bewohner einer Stadt heißt, in der die Dinge ziemlich schnell kommen und gehen. Ein Gastbeitrag.

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          Frankfurt am Main ist eine verhältnismäßig kleine Stadt, die auf den ersten Blick mit ihren Bankentürmen so aufgemotzt wirkt wie ein Persönchen, das sich hochhackige Schuhe und möglichst auffällig teure Kleidung anzieht. In letzter Zeit wurde die Stadt daher in den Feuilletons mit dem Begriff „Größenwahn“ in Verbindung gebracht.

          Kleine Persönchen, die sich aufmotzen, kennt man in Frankfurt gut. Sie verkehren meistens in der Goethestraße, wo es besonders teuer ist. Was sie sich in der Goethestraße kaufen (Schmuck, Mode), sind Accessoires, sie verändern natürlich nicht ein Jota an der Person. Aber für die Goethestraßenleutchen scheint es ungeheuer wichtig, diese Accessoires zu tragen, sonst würden sie ja nicht so viel Geld dafür ausgeben.

          Frankfurter Größe ist ein komplexes Phänomen

          Das Städtchen Frankfurt scheint mit zunehmender Höhe und Flächenausbreitung seiner Bauprojekte (Bankenviertel, Europaviertel, Flughafen) immer mehr zu einem solchen zweifelhaften Persönchen zu werden. Dazu kommt die Europäische Zentralbank (EZB), jener einsame Riesenspiegelgebäudesolitär im Osten der Stadt, der täglich in den großen Tageszeitungen zu sehen ist. Und natürlich die Börse, von der allabendlich im Fernsehen berichtet wird. Frankfurt überall und weltweit!

          Welches Verhältnis hat das Persönchen Frankfurt nun aber denn selbst zur überdimensionalen Größe seiner Accessoires? Leidet die Stadt an einem Minderwertigkeitskomplex und muss sich permanent Ausgleich verschaffen?

          Frankfurter „Größe“ ist stets ein komplexes, ambivalentes Phänomen. Zum Beispiel die Bankentürme: Natürlich funktionieren sie wie klassische toskanische Geschlechtertürme, gleichsam in die hessische Gegenwart hineingemorpht. Aber verschaffen sie Frankfurt Größe? Ja und nein. Wenn man früher von der Wetterau über die Korn- und Rapsfelder Richtung Frankfurt gesehen hat, konnte man die Stadt vielleicht durch eine Glocke metropolischer Luftverschmutzung erahnen, aber man sah sie nicht oder vielleicht höchstens den Sende- und den Henningerturm. Heute liegt Frankfurt im malerischen Fernblau da als kleines Inselchen von Türmen mitten in der weiten Landschaft, ganz ähnlich wie San Gimignano. So betrachtet, eigentlich ein Idyll.

          Die Rindswurst wird mehr geliebt

          Aber auch die monströse Nahperspektive der Türme hat stets etwas mit ins Kleine vermittelter Größe zu tun. Wenn man mit dem Zug über den Main kommt und dann in geschwungener Kurve auf den Hauptbahnhof zufährt, liegt das ganze Ensemble mächtig wie Gotham City vor einem, was dann aber besonders die zehn-, zwölfjährigen Jungs im Zug begeistert. Die Stadt als großes Spielzeug.

          Als die Konturen und die ersten Bauwerke der neuen Stalinallee (so das Europaviertel im Volksmund) sichtbar wurden, sind die Frankfurter gerne einmal ein bisschen im neuen Stadtteil herumgelaufen und haben sich alles angeschaut. Aber was haben sie dort gemacht? Sie haben das neue Viertel so besichtigt, wie man einen Neuankömmling mustert, wenn er zum ersten Mal in eine Frankfurter Apfelweinwirtschaft hineinkommt. Man behält sich die Entscheidung vor, ob man ihm am Buffet einen Platz einräumt oder ihm doch bloß die kalte Schulter zeigt. Der neue Gast hat dazu erst einmal gar nichts zu sagen.

          Im Osten steht die EZB. Unmittelbar neben der EZB liegt der Stammsitz der Wurstfirma Gref-Völsing. Dort gibt es einen winzigen Straßenverkauf. Man steht dort, trinkt seine Fleischbouillon, isst eine Rindswurst und bekommt einen Wasserweck dazu. Gref-Völsing ist Kult und gehört sogar laut Wikipedia zur „Frankfurter Populärkultur“. Daran hat die Rindswurstfirma lang gearbeitet. Man ahnt, immer wenn man dort steht, welchen langen Weg die EZB noch vor sich hat, um da anzukommen, wo die kleine Rindswurst gelandet ist: im Herzen der Bevölkerung. Die Wurst wird geliebt, mit der EZB macht man sich eher schick.

          Andere Präferenzen als Touristen und Medien

          Aus der Nähe betrachtet, scheint mir, dass die Frankfurter „Größe“ die Frankfurter gar nicht so beeindruckt. Sie finden sich mit EZB, Börse und dem allen bereitwillig ab, aber nehmen wir zum Beispiel die Kleinmarkthalle unterhalb des Liebfrauenberges: Wenn die Frankfurter vor die (natürlich absurde) Frage gestellt würden, sich zwischen Kleinmarkthalle und Großflughafen entscheiden zu müssen, dann fänden viele diese Frage ganz schön gemein. (Zumal es in der Kleinmarkthalle Gref-Völsings Rindswürste gibt.)

          Dort findet sich übrigens auch die berühmte Frau Schreiber, sie hat den winzigsten Wurststand in Frankfurt überhaupt und wirbt zugleich - weil sie für ihren winzigen Stand so bekannt ist - mit ihrem Konterfei auf riesigen Plakaten für Fraport. So will der Monsterflughafen einen Happen Frankfurter Emotionalität für sich verwursten und sich dadurch sympathischer machen.

          Andreas Maier Ende 2015 in einem Frankfurter Café
          Andreas Maier Ende 2015 in einem Frankfurter Café : Bild: Helmut Fricke

          Frankfurt sollte ja sogar einmal Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland werden. Im Falle des Ausstiegs Englands aus der Europäischen Union nun, heißt es, würde Frankfurt als Börsenstadt mächtig aufgewertet werden, ja möglicherweise allein und zentral im Euroeuropa dastehen. Auch das würden die Frankfurter sicherlich gern hinnehmen. Aber es würde die meisten von ihnen ebenso wenig im Kern betreffen wie vieles andere. Man muss sich nur einfach vorstellen, dass man das vielzitierte Bankenviertel („Mainhattan“) weder von den meisten Punkten in Bockenheim noch von Bornheim, noch von Sachsenhausen-Nord überhaupt sieht. Der Tourist und die Medien haben ständig mit diesen Großsymbolen zu tun. Aber der Bornheimer, Bockenheimer oder Sachsenhäuser wird eher zu Gref-Völsing fahren, als sich zum dritten Mal das EZB-Gebäude anzutun. Er geht ja gemeinhin nicht einmal über den Römer und überlässt ihn komplett den Nichtfrankfurtern.

          Der Frankfurter sagt: „Mich könne se alle“

          Accessoires sind eben bloß akzidentiell. Die Dinge kommen und gehen in Frankfurt sowieso ziemlich schnell. Die Mentalität der Stadtbevölkerung ist viel älter, sie ist, wie in jeder Stadt, der eigentliche identifikatorische Kern. Meistens entsteht das wirkliche Frankfurt sowieso erst im Gespräch über die Vergangenheit. Da die Stadt so viel verloren hat, werden die Neuigkeiten ohnehin erst dann wirklich gewürdigt, wenn sie schon wieder verschwunden sind. Übrigens ist „der Frankfurter an und für sich“ schon von sich aus stolz genug, vermutlich ohne es selbst zu wissen. Er hat den Krieg beschissen überstanden, Frankfurt galt auch lange Zeit als extrem hässlich, aber auch das ist bloß akzidentiell. Ich habe nie einen Frankfurter Minderwertigkeitskomplex erkennen können, dem man durch Großbauten oder so etwas wie Hauptstadtdasein hätte Abhilfe schaffen müssen. Klar, man ist gern Weltstadt. Aber ich glaube, die tiefere Wahrheit Frankfurts ist, dass die Frankfurter all das, die großen Türme, den Flughafen, das Europaviertel, für ihr Selbstwertgefühl gar nicht brauchen.

          Gerade deshalb haben sie so eine geradezu unradikale Art, die großen Dinger in der Stadt einfach mal ziemlich geil zu finden. Frankfurt: Man hat sowieso schon an sich selbst genug und kriegt noch dazu. Deshalb sind viele Frankfurter auch so entspannt und pflegen keinen ins Urbane gewendeten Städtenationalimus. Frankfurt hat Napoleon und die Franzosen überstanden, es wird auch die Gegenwart überstehen. Mögen die anderen in der Stadt bauen und dies und das tun, der Frankfurter aber sitzt in seinem Wohnzimmer, das Frankfurt heißt, und sieht mit Wohlgefallen die Veränderung der Welt, die ihm unverhofft dies und das beschert, ohne dass er es eigentlich eingeklagt hätte. Neulich las ich in einem Mundart-Bichelche folgendes Bonmot: Der Berliner sagt: „Mir kann keener.“ Der Frankfurter sagt: „Mich könne se alle.“

          Andreas Maier, geboren 1967, ist Schriftsteller. Zuletzt publizierte er „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“. Im Herbst erscheint sein Roman „Der Kreis“ (Suhrkamp Verlag).

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