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Historische Kommission vor Aus : Das Gedächtnis der SPD soll abgeschafft werden

Andrea Nahles spricht im Willy-Brandt-Haus Bild: Picture-Alliance

In einem offenen Brief wendet sich die Historikerin Christina Morina an den Vorstand der SPD. Der will seine Historische Kommission abschaffen. Dem Aufruf haben sich zahlreiche Wissenschaftler angeschlossen.

          Der Beschluss der SPD-Führung, ihre Historische Kommission abzuschaffen, hat weithin für Fassungslosigkeit gesorgt. Das beginnt mit der nassforschen Geste, die Arbeit von mehr als zwanzig Fachhistorikern einfach dem eigenen Schatzmeister zu übertragen, nach dem Motto: „Der Dietmar macht das jetzt.“ Eines der ersten sichtbaren Zeichen von Dietmar Nietan, MdB für den Kreis Düren, in Sachen SPD-Geschichtspolitik war ein internes „Save the date“ an alle Genossinnen und Genossen. „PS: Veranstaltungshinweis: Die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet zum Thema ,Revolution und Demokratie‘ am 9. November 2018 in Berlin eine Fachtagung.“ Soll heißen: Da sprechen Historiker. Gähn. Der Quatsch passt in eine Fußnote.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dass diese Konferenz von der abgewickelten Historischen Kommission vorbereitet wurde, aber jetzt der Ebert-Stiftung vor die Hütte geworfen wird wie ein Putzlumpen, sagt alles Nötige über die Achtung, die Deutschlands älteste politische Partei der Geschichtswissenschaft erweist. Nichts gegen die Friedrich-Ebert-Stiftung. Doch sie kann – und darf! – die Aufgaben der Historischen Kommission nicht übernehmen. Dafür sorgen zu wollen, „dass keine Lücke bei der Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung entsteht“, wie der Stiftungspräsident und ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck der „Wiesbadener Zeitung“ sagte, ist deshalb ein knopfäugiges, geradezu pausbäckiges Vorhaben. Als hätte sich die Arbeit der Historischen Kommission seit ihrer Gründung durch Willy Brandt vor fast vierzig Jahren in der „Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung“ erschöpft. Gebraucht wird sie gerade für die Reflexion über linkes Denken, geschichtliche Veränderung und gesellschaftliches Engagement. Wenn man die Krisen der Partei der vergangenen Jahre betrachtet, hat es davon eher zu wenig als zu viel gegeben.

          Aufstand der Historiker

          Die kopflose, als Sparmaßnahme verkaufte Aktion von Andrea Nahles hat jetzt eine Antwort provoziert, die jede Aufmerksamkeit verdient. In einem offenen Brief hat die in Amsterdam forschende Historikerin Christina Morina an die Parteichefin und den Vorstand appelliert, ihre Entscheidung zu revidieren. „Ohne Geschichte keine Zukunft“ ist der Brief überschrieben, der am Wochenende an Nahles und den Vorstand geschickt wurde. Mehr als 250 Historiker und Gelehrte haben sich dem Aufruf bereits angeschlossen, quer durch die Generationen und politischen Neigungen – Wolfgang Benz, Gisela Bock, Magnus Brechtken, Norbert Frei, Mary Fulbrook, Rebekka Habermas, Jürgen Kocka, Paul Nolte, Andreas Wirsching und viele mehr.

          Christina Morina, Jahrgang 1976, kommt aus Ostdeutschland und hat im vergangenen Jahr das vielbeachtete Buch „Die Erfindung des Marxismus“ vorgelegt. In ihrem Appell nennt sie die Abschaffung der Historischen Kommission einen „schweren politischen Fehler“, der mit Blick auf die Selbsterneuerung der SPD, aber auch auf die liberale Demokratie des Landes ein „fatales Zeichen“ setze. Eine neue Rechte torpediere „mit der Macht von fast hundert Bundestagsmandaten den humanistischen, historisch-selbstkritischen Grundkonsens der Bundesrepublik“. Mehr als je zuvor, so Morina, könnte das liberale Gemeinwesen also auf „zivilgesellschaftlich inspiriertes Engagement ,von unten‘“ angewiesen sein.

          Raum für aufgeklärte Debatten schrumpft

          Morinas Appell ist selbst ein Beispiel für solches Engagement. Die SPD liefert nun einmal von allen Parteien die sichtbarste, in mancherlei Beziehung die einzige Traditionslinie zwischen dem neunzehnten Jahrhundert und der Gegenwart. Dass es eine der wenigen ehrenhaften Linien ist, auch in der Zeit des Nationalsozialismus, sollte das Erbe umso wertvoller machen. Die Erinnerung an die Sozialdemokratie gehört damit weniger der Partei als dem geschichtlichen Bewusstsein aller Deutschen. Geschichtsvergessenheit mache, wie es im Brief heißt, „die Verteidigung unseres solidarischen Rechtsstaates um ein Vielfaches schwerer“. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt Morina, ein „starkes Krisengefühl“ treibe sie um. Von rechts werde mit der großen Geschichte gewedelt, um den politischen Kurs zu verändern, und ausgerechnet in dieser Zeit schaffe die SPD ihre eigene historische Expertenschaft ab. „Aber der Protest aus der Kommission heraus reicht nicht. Die Gesprächsformen, die Gesprächsforen müssen sich erneuern.“

          So wie Christina Morina spricht nicht das Establishment, gleich welcher Art. So spricht eine Historikerin der neuen Generation – ohne Parteibuch –, die Unterstützung für ein neues Bürgerengagement fordert und selbst ein markantes Zeichen setzt. Die nicht zulassen will, dass der Raum für das aufgeklärte öffentliche Gespräch weiter schrumpft. Und die von der Wissensgesellschaft fordert, Wissen zu verbreiten, historische Halbwahrheiten zu bekämpfen und an ein emanzipatorisches Projekt zu glauben. Wenn die SPD dazugehören will, dann hat sie eine Aufgabe.

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