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Anders Behring Breivik : Der Musterprozess

Rechtsstaat trifft Barbarei: Am 24. August soll das Urteil gegen Anders Behring Breivik verkündet werden Bild: REUTERS

Vor bald einem Jahr hat Anders Behring Breivik Norwegen attackiert. Am 24. August wird das Urteil über ihn gesprochen. Wie kann eine Gesellschaft jemandem gerecht werden, der sie zerstören wollte?

          Er hat Stullen dabei, als er zum Töten aufbricht. In der Küche seiner Mutter belegt er am Morgen Baguettes mit Schinken und Käse. Dann steigt er in einen gemieteten Kleintransporter und fährt los. Es ist der 22. Juli 2011, und Anders Behring Breivik hat einen langen Tag vor sich.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seitdem sind Bücher gedruckt, Dokumentarfilme gedreht und psychiatrische Gutachten geschrieben worden, um ihn und seine Tat zu ergründen. Zehn Wochen hat das Gerichtsverfahren gegen ihn gedauert, von Mitte April bis Ende Juni. Am achten Prozesstag, der danach ohne spektakuläre Wendungen zu Ende geht, kommen die Brote des Terroristen zur Sprache, zum einzigen Mal. Ein unscheinbares Detail. Es erzählt allen Norwegern noch einmal davon, dass der Mann, der 77 Menschen umgebracht hat, zugleich einer von ihnen war.

          Belegte Brote sind in Norwegen ein Sinnbild der Vernunft, des Durchschnitts, der Biederkeit. In den Supermärkten werden außer den Papiertüten zum Verpacken passgenau zugeschnittene Bögen verkauft, die der Ordnung halber zwischen die verschieden belegten Bestandteile eines Stullenpakets geschoben werden. Es gibt sogar ein Kinderlied über die Vor- und Nachteile des Stullenessens. Denn Norwegen ist das Land der weiten Wege, Reiseproviant ist von alters her wichtig. Es ist auch das Land der hohen Preise, ein Lunch im Restaurant gilt als luxuriös. Und es ist das Land des frühen Feierabends, dazu passen lange Mittagspausen nicht. In den Mensen und Kantinen packen Schüler und Studenten, Arbeiter und Angestellte deshalb Tag für Tag ungeniert ihr mitgebrachtes Essen aus.

          Mit viel Mut zur Besonnenheit

          Als er sich an jenem Freitagmorgen seine Käse-Schinken-Stullen schmiert, ist Anders Behring Breivik noch kein Massenmörder. Am Abend liegt das Zentrum von Oslo in Trümmern, auf der Insel Utøya sind die Holzwände der Häuser mit dem Blut von Kindern und Jugendlichen bespritzt, den geständigen Täter hat das Antiterrorkommando der norwegischen Polizei unverletzt festgenommen. Seine Stullen hat er nicht gegessen. Eine Dose Red Bull hat ihn durch den Tag gebracht.

          Noch nie hat ein Strafprozess in Norwegen für so viel Aufsehen gesorgt

          Kein Strafprozess hat in Norwegen je für so viel Aufsehen gesorgt, an keinen waren je so große Erwartungen geknüpft wie an das Verfahren mit der Nummer 11-188627, das die Amtsrichterin Wenche Elizabeth Arntzen am 16. April in Oslo eröffnet. „Wenn ein Mann allein so viel Böses tun kann, wie viel Liebe können wir dann alle gemeinsam schaffen?“, hatte eine norwegische Studentin schon kurz nach dem Attentat mit einem Tweet ins Internet gefragt. Sie traf als erste den Ton, mit dem Norwegen auf das brutalste Verbrechen innerhalb der Landesgrenzen seit dem Zweiten Weltkrieg reagieren wollte. „Wir werden auf die Gewalt mit noch mehr Demokratie, noch mehr Offenheit antworten“, hatte der Ministerpräsident zwei Tage später mit bebender Stimme in einem Trauergottesdienst versprochen. Die Welt staunte über so viel Mut zur Besonnenheit. „Lasst uns ein Land, das schon gut ist, gemeinsam noch besser machen“, hatte kurz darauf während einer Gedenkfeier der Imam der größten muslimischen Gemeinde in Oslo nachgelegt. Kronprinz, Außenminister und Bürgermeister saßen auf dem Boden der Moschee und nickten ihm zu.

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