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Nach den Massakern : Wie soll Frankreich aus dieser Sackgasse herausfinden?

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Vor einer mit einem Trauerband gebundenen Tricolore gedenken Franzosen in aller Welt der Ermordeten - hier vor dem Institut Française in Tokio Bild: AP

Angst, Hass, Misstrauen: Frankreich erlebt derzeit seine schlimmste existenzielle Krise der letzten Jahrzehnte. Je mehr sich das Land verkrampft, umso mehr spielt es dem Islamismus zu. Ein Teufelskreis.

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          Ich trauere um mein Land, nie habe ich mich so um seine Zukunft gesorgt. Wird sich Frankreich von den Massakern des 7. und 9. Januar 2015 je erholen können? „Charlie Hebdo“ enthauptet, Polizisten, am helllichten Tag im Zentrum von Paris aus nächster Nähe erschossen, Juden, in einem koscheren Supermarkt in Vincennes in der Nähe des Périphérique ermordet ... 17 Tote in drei Tagen. Polizeisirenen, Spezialeinheiten, Helikopter, Schulen und Unternehmen abgesperrt, Gerüchte, verdächtige Pakete, Kriegsszenen. Home-made-Terroristen, französische Dschihadisten, schwerstbewaffnet, sind gestorben, um möglichst viele ihrer Mitbürger grausam zu ermorden. Angst, Hass, Misstrauen: Frankreich erlebt derzeit seine schlimmste existenzielle Krise der letzten Jahrzehnte.

          Frankreich hat Saïd und Chérif Kouachi, die Verantwortlichen des Attentats auf „Charlie Hebdo“, und Amedy Coulibaly, den Terroristen von Montrouge und Vincennes, selbst geboren. Vor ihnen gab es Mehdi Nemmouche, den Attentäter des Jüdischen Museums in Brüssel im Juni 2014, und Mohammed Merah, den Mörder von Montauban und Toulouse im März 2012. Mehrere hundert junge Franzosen, darunter auch eine große Anzahl von Frauen, kämpfen derzeit in Syrien und im Irak auf der Seite des Islamischen Staats. Im November enthauptete Maxime Hauchard, ein 22-jähriger Franzose aus der Normandie, unmaskiert einen syrischen Soldaten. Sie alle gehören zu einer Generation von Besessenen mit ähnlichen Lebensläufen, schulische Misserfolge, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kriminalität, Gefängnis, Radikalisierung, Rennen in den Abgrund, blutiges Ende. Diese verlorenen Kinder der Republik sind orientierungslos und kennen keine moralischen Grenzen. Jenseits von Gut und Böse hat das Leben eines Menschen, ihr eigenes Leben, keinerlei Wert mehr.

          Am Donnerstag, dem 8. Januar, so berichtet es die Tageszeitung „Le Monde“, haben Schüler in Saint-Denis sich geweigert, die nationale Schweigeminute einzuhalten, weil die Zeichner von „Charlie“ „in dieser Sache nicht unschuldig waren“, weil sie „den Islam beschimpft haben“. „Man scherzt nicht mit der Religion“, hat einer von ihnen gesagt. In den sozialen Medien florieren die Hashtags #jenesuispascharlie und #jesuiskourachi. Erst im vergangenen Sommer hatte man anlässlich der israelischen Offensive in Gaza in allen großen Städten Frankreichs in die hasserfüllten Gesichter einiger Demonstranten blicken müssen, die die Flagge der Hamas, des islamischen Dschihad, der libanesischen Hizbullah und des Islamischen Staats für Gaza hochhielten.

          „Charlie Hebdo“ : Muslime in Frankreich nach Anschlägen schockiert

          Das algerische Psychodrama setzt sich in Frankreich fort

          Wir haben lange nicht hinsehen wollen, wir wollten den Spezialisten glauben, die uns ein bevorstehendes Ende des radikalen Islamismus in Frankreich und der muslimischen Welt vorhersagten. Es ist vor allem eine enorme Niederlage für Frankreich, für sein Bildungssystem und sein Integrationsmodell, eine Reihe verpasster Gelegenheiten, von unausgesprochenem und hartnäckigem Hass, eine schlecht verarbeitete postkoloniale Geschichte, ein weltweit einzigartiger Fall. Ich bin davon überzeugt, dass der Ursprung der dramatischen Ereignisse der letzten Tage im Algerienkrieg liegt - 2,3 Millionen französische Wehrpflichtige, 25 000 an der Front gefallene Soldaten, zwischen 300 000 und 400 000 getötete Algerier (mehr als drei Prozent der algerischen Bevölkerung), mehr als eine Million ins Mutterland repatriierte „pieds-noirs“ - französische Algerier -, das Ende des Epos des Weltreichs Frankreich.

          Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens im Jahr 1962, nach 120 Jahren französischer Besatzung, setzte sich das Psychodrama in Frankreich fort. In Zeiten des Aufschwungs braucht das Land starke Arme für seine Fabriken, mehrere hunderttausend Algerier und Maghrebiner kamen dorthin, um zu arbeiten. Dem Großteil von ihnen ist es nie gelungen, sich wirklich zu integrieren, die Vorurteile zwischen den ehemaligen Kolonisatoren und den Kolonisierten haben sich nie ganz aufgelöst. In den 1980er Jahren verschärft sich die Lage: Die Arbeitslosigkeit nimmt rasant zu, die Immigration wird ein zentrales politisches Thema, der Front National baut seine Wählerschaft darauf auf, die konservativen Parteien sind gelähmt, die linken haben ein schlechtes Gewissen und halten beruhigende Reden, tun aber nichts Konkretes, um die Chancengleichheit unter anderem auf dem Arbeitsmarkt zu fördern.

          Ein Avatar des globalen Islamismus

          Zur gleichen Zeit taucht der radikale Islam auf, unterstützt von Saudi-Arabien und den Golfmonarchien, reiche Prediger, die einige Jahre später durch das Internet und die sozialen Netzwerke abgelöst werden. Der Islamismus wird in den Riss gleiten, der durch die verpassten Chancen der Integration à la française aufbrach. Natürlich hat mittlerweile ein Großteil der muslimischen Bevölkerung in Frankreich seinen Platz gefunden. Doch für eine Minderheit, für jene, die aufeinandergedrängt in verwahrlosten Vorstädten dahinsiechen, marginalisiert und jeder politischen wie beruflichen Perspektive beraubt, wird der Islam zum zentralen Identifikationspunkt.

          Genau so, wie in den arabischen Ländern, wo ein Teil der Jugend, frustriert von der Diktatur und dem Versagen der Eliten, darin eine Quelle des Stolzes und ein Gefühl der Zugehörigkeit findet, die beste Möglichkeit das herrschende System anzuprangern. Sexuelle Ausgrenzung, Verherrlichung von Gewalt gegen Ungläubige und Abtrünnige, ein heftiger Antisemitismus, Märtyrertum, die Infragestellung des Laizismus und der Trennung von Staat und Kirche: Der französische Islamismus ist ein Avatar des globalen Islamismus, dessen Aura seit den Anschlägen des 11. September 2001, der Kriege in Afghanistan und im Irak, der Zuspitzung des israelisch-palästinensischen Konflikts, des Zerfalls des irakischen, libyschen und syrischen Staats nach den Arabischen Revolutionen ständig wächst.

          Eine nationale Neurose

          Je mehr sich Frankreich verkrampft, umso mehr spielt es dem Islamismus zu. Eine Schlinge, die man nur schwer lockern kann, ein Teufelskreis, der durch die entsetzliche Heldensage der Brüder Kouachi und Coulibaly bereits gestärkt wird. Die Franzosen sind seit diesem Mittwoch fassungslos und wütend, die jüdischen Mitbürger gelähmt vor Angst und vielleicht schon bereit zum Auswandern, die moderate muslimische Bevölkerung beunruhigt, während die jemenitische Fraktion von Al Qaida Frankreich mit neuen Anschlägen droht und Moscheen angegriffen wurden.

          Ich bin mir sicher, dass wahnsinnig viele Menschen zu den Demonstrationen heute Nachmittag in ganz Frankreich kommen werden. Ich hoffe, dass meine muslimischen Mitbürger in der Menschenmenge präsent sein werden, um ihre radikalen Glaubensbrüder anzuprangern. Ich möchte daran glauben, dass Frankreich aus dieser Sackgasse herausfinden und zusammenhalten wird. Nur glaube ich leider nicht daran.

          Die Franzosen sind schon lange besorgt, der Wirtschaft geht es schlecht, und die Stimmung wird sich verschlechtern. Der Islam, diese nationale Neurose, vom enormen Erfolg von Éric Zemmours Buch diesen Herbst („Le suicide français“) bis zu „Soumission“, dem neuen Roman von Michel Houellebecq. Der Front National wird an Einfluss gewinnen, die Radikalisierung in jeder Form zunehmen. Wird es neue Anschläge geben? Ich trauere um mein Land, nie habe ich mich so um seine Zukunft gesorgt.

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