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Nach den Massakern : Wie soll Frankreich aus dieser Sackgasse herausfinden?

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Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens im Jahr 1962, nach 120 Jahren französischer Besatzung, setzte sich das Psychodrama in Frankreich fort. In Zeiten des Aufschwungs braucht das Land starke Arme für seine Fabriken, mehrere hunderttausend Algerier und Maghrebiner kamen dorthin, um zu arbeiten. Dem Großteil von ihnen ist es nie gelungen, sich wirklich zu integrieren, die Vorurteile zwischen den ehemaligen Kolonisatoren und den Kolonisierten haben sich nie ganz aufgelöst. In den 1980er Jahren verschärft sich die Lage: Die Arbeitslosigkeit nimmt rasant zu, die Immigration wird ein zentrales politisches Thema, der Front National baut seine Wählerschaft darauf auf, die konservativen Parteien sind gelähmt, die linken haben ein schlechtes Gewissen und halten beruhigende Reden, tun aber nichts Konkretes, um die Chancengleichheit unter anderem auf dem Arbeitsmarkt zu fördern.

Ein Avatar des globalen Islamismus

Zur gleichen Zeit taucht der radikale Islam auf, unterstützt von Saudi-Arabien und den Golfmonarchien, reiche Prediger, die einige Jahre später durch das Internet und die sozialen Netzwerke abgelöst werden. Der Islamismus wird in den Riss gleiten, der durch die verpassten Chancen der Integration à la française aufbrach. Natürlich hat mittlerweile ein Großteil der muslimischen Bevölkerung in Frankreich seinen Platz gefunden. Doch für eine Minderheit, für jene, die aufeinandergedrängt in verwahrlosten Vorstädten dahinsiechen, marginalisiert und jeder politischen wie beruflichen Perspektive beraubt, wird der Islam zum zentralen Identifikationspunkt.

Genau so, wie in den arabischen Ländern, wo ein Teil der Jugend, frustriert von der Diktatur und dem Versagen der Eliten, darin eine Quelle des Stolzes und ein Gefühl der Zugehörigkeit findet, die beste Möglichkeit das herrschende System anzuprangern. Sexuelle Ausgrenzung, Verherrlichung von Gewalt gegen Ungläubige und Abtrünnige, ein heftiger Antisemitismus, Märtyrertum, die Infragestellung des Laizismus und der Trennung von Staat und Kirche: Der französische Islamismus ist ein Avatar des globalen Islamismus, dessen Aura seit den Anschlägen des 11. September 2001, der Kriege in Afghanistan und im Irak, der Zuspitzung des israelisch-palästinensischen Konflikts, des Zerfalls des irakischen, libyschen und syrischen Staats nach den Arabischen Revolutionen ständig wächst.

Eine nationale Neurose

Je mehr sich Frankreich verkrampft, umso mehr spielt es dem Islamismus zu. Eine Schlinge, die man nur schwer lockern kann, ein Teufelskreis, der durch die entsetzliche Heldensage der Brüder Kouachi und Coulibaly bereits gestärkt wird. Die Franzosen sind seit diesem Mittwoch fassungslos und wütend, die jüdischen Mitbürger gelähmt vor Angst und vielleicht schon bereit zum Auswandern, die moderate muslimische Bevölkerung beunruhigt, während die jemenitische Fraktion von Al Qaida Frankreich mit neuen Anschlägen droht und Moscheen angegriffen wurden.

Ich bin mir sicher, dass wahnsinnig viele Menschen zu den Demonstrationen heute Nachmittag in ganz Frankreich kommen werden. Ich hoffe, dass meine muslimischen Mitbürger in der Menschenmenge präsent sein werden, um ihre radikalen Glaubensbrüder anzuprangern. Ich möchte daran glauben, dass Frankreich aus dieser Sackgasse herausfinden und zusammenhalten wird. Nur glaube ich leider nicht daran.

Die Franzosen sind schon lange besorgt, der Wirtschaft geht es schlecht, und die Stimmung wird sich verschlechtern. Der Islam, diese nationale Neurose, vom enormen Erfolg von Éric Zemmours Buch diesen Herbst („Le suicide français“) bis zu „Soumission“, dem neuen Roman von Michel Houellebecq. Der Front National wird an Einfluss gewinnen, die Radikalisierung in jeder Form zunehmen. Wird es neue Anschläge geben? Ich trauere um mein Land, nie habe ich mich so um seine Zukunft gesorgt.

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