https://www.faz.net/-gqz-9y92q

Wert des Individuums : An diesem Imperativ kann die Politik scheitern

  • -Aktualisiert am

Wie viel Wert soll das Individuum haben? Bild: dpa

In der Corona-Pandemie zeigt sich die ungeheure Bedeutsamkeit des Individuums in der modernen Gesellschaft. Was passiert, wenn alle ihre Funktionssysteme zeitweilig nur einem einzigen Gebot folgen? Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Soziologen beschreiben Gesellschaft durch die Form der Differenzierung, die eine Gesellschaft in sich hervorbringt. Mit Differenzierung ist die Verteilung des gesellschaftlichen Geschehens und der Teilnehmer an Gesellschaft auf Teilsysteme gemeint, aus denen eine Gesellschaft besteht. Das alte Europa verstand bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein und in Restbeständen lange danach die Stände oder Schichten als seine hauptsächlichen Teilsysteme. Es gab den Adel, den Klerus, verschiedene bürgerliche Gruppen und die Bauern. Die gesellschaftliche Ordnung war die Ordnung dieser Gruppen und der in der Regel lebenslangen Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen oder Stände.

          Die moderne Gesellschaft, in der wir seit 250 Jahren leben, beruht auf einem vollständigen Austausch dieser Ordnungsform. An die Stelle hierarchisch geordneter Stände setzt sie durch Sachthemen und gesellschaftliche Funktionszuweisungen geordnete Kommunikationssysteme, die ausnahmslos globale Kommunikationssysteme sind: Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft, Erziehung, Recht, Kunst, Sport, Massenmedien, das Gesundheits- oder Krankheitssystem sowie das System der Intimbeziehungen und Familien. Niemand hat heute die Gesamtheit seiner Lebensvollzüge in nur einem dieser Funktionssysteme. Statt ihnen zuzugehören, nimmt man punktuell an ihnen teil (Soziologen nennen das Inklusion), und diese Personen, die punktuell an den Funktionssystemen teilnehmen, sind Individuen, die sich durch die extreme Diversität ihrer Teilnahmen individualisieren. Das Individuum existiert außerhalb dieser Funktionssysteme, es ist nur in einzelnen Ereignissen mit ihnen verknüpft. Neben der funktionalen Ordnung selbst ist das Individuum die andere revolutionäre Erfindung der modernen Gesellschaft.

          Wie kann das Überleben gesichert werden?

          Für die Corona-Krise ist eine soziologische Schlüsselfrage, ob und wie sie diese gesellschaftliche Ordnung der Moderne temporär in Frage stellt und was dies langfristig für die Entwicklung der Gesellschaft bedeuten könnte. Zunächst einmal ist das Elementarereignis der Corona-Krise, die Infektion eines Organismus mit dem Virus, zugleich die Infektion und Erkrankung eines Individuums, und es ergeben sich daraus zwei Anschlussfragen. Wie kann verhindert werden, dass das (potentiell) infizierte Individuum die Infektion auf andere Individuen überträgt? Daraus resultiert die soziale Distanz des Individuums von anderen Individuen als die neue soziale Lebensform der Corona-Krise. Und zweitens: Wie kann im Fall einer ernsthaften Erkrankung das Überleben des Individuums gesichert werden?

          Auffällig ist, dass die zweite Frage dominiert. Wir schreiben dem Individuum eine schwer aushaltbare soziale Distanz vor, damit die Reproduktionsrate der Infektionen auf einem Niveau gehalten wird, die das Überleben möglichst vieler Individuen wahrscheinlich macht. Es ist eindrucksvoll, wie sehr dieser letztere Gesichtspunkt überwiegt. Jedes einzelne Individuum zählt. Jeder Tod eines Individuums ist ein Tod zu viel. Die ungeheure Bedeutsamkeit des Individuums in der modernen Gesellschaft zeigt sich auch in der Corana-Krise darin, dass kein anderer Wertgesichtspunkt mit der Höchstwertung des Überlebens möglichst vieler Individuen konkurrieren kann. In dieser Hinsicht wirkt also die politisch-gesellschaftliche Gestaltung der Corona-Krise – und zwar dem gegenwärtigen Anschein nach über alle Länder hinweg – strukturkonservativ im Verhältnis zu einer der fundamentalen Strukturentscheidungen der modernen Gesellschaft.

          Umso dramatischer ist der temporäre Bruch der Corona-Krise mit der anderen Strukturentscheidung der modernen Gesellschaft, der Entstehung funktionaler Differenzierung als dem horizontalen Zusammenspiel einer Vielzahl globaler Kommunikationssysteme, unter denen es keine Ordnung des Vorrangs oder der unterschiedenen gesellschaftlichen Bedeutsamkeit mehr geben kann. Diese Ordnung ist ja nicht nur eine prinzipiell horizontale Ordnung der Gleichbedeutsamkeit. Es ist auch eine extrem dynamische Ordnung, in der jedes Funktionssystem unablässig durch schnelle und überraschende Entwicklungen in anderen Funktionssystemen gefordert und in Bewegung versetzt wird. Beide Beschreibungen treffen in der gegenwärtigen Situation nicht mehr zu. Es stellt sich eine eigentümliche Ordnung der Funktionssysteme ein, für die es historisch keine Vorläufer gibt.

          Undurchsichtige Generalmittel

          Unter den Funktionssystemen der Gesellschaft ist das Gesundheitssystem, das in diesen Tagen wieder ein Krankheitssystem wird, ein auffälliger „latecomer“. Noch um 1900 gibt es kein Gesundheitssystem, sondern allenfalls einzelne Kliniken und einzelne Ärzte. In den Vereinigten Staaten herrscht bis in diese Jahre hinein ein therapeutischer Nihilismus, der reflektierte Ärzte andere Ärzte vor Eingriffen warnen lässt, weil die Eingriffe zu schaden drohen. Die deutsche Situation um 1900 kann man sich in einer ersten Annäherung an den beiden berühmtesten Romanen jener Jahre vergegenwärtigen. In Fontanes „Stechlin“ von 1899 bricht Dubslav, Hauptfigur und Selbstporträt des Autors, kurz vor seinem Tod den Kontakt zu den Ärzten ab, weil die Personen mit Ideen – Sozialdemokratie, illiberaler Protestantismus – verknüpft sind, die Dubslav in ihren Zuspitzungen ablehnt. Die Ärzte sind aber auch offensichtlich unnütz, sprechen Vagheiten und verordnen undurchsichtige Generalmittel („grüne Tropfen“). In Thomas Manns „Buddenbrooks“ von 1901 sind die Ärzte verharmlosende Nebendarsteller – „Ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot“ ist die Verschreibung – in einem dramatischen Theater des Sterbens, das für die Angehörigen Zwangserleben ist, dem sie sich nicht entziehen können. Zugleich ist die Teilnahme am Sterben der anderen eine strenge Schule der „condition humaine“.

          Nur 120 Jahre später in der Corona-Krise ist historisch erstmals das Krankheitssystem das Ganze der Gesellschaft, und zwar das Krankheitssystem in seiner extremsten Form als totale Institution, also als Intensivmedizin, die das Individuum in der Gesamtheit seiner Lebensvollzüge steuert und in dieser Form der Letztbedeutsamkeit des Individuums Rechnung trägt. Die ganze jenseits des Krankheitssystems noch verbleibende Gesellschaft in allen ihren Aktivitäten wird in der eigentümlichen Summenformel „flatten the curve“ zusammengefasst, die eigentlich vor allem besagt, dass man die Infektionsdynamik der Gesellschaft als Folge allen gesellschaftlichen Tuns der zu einem gegebenen Zeitpunkt verfügbaren Verarbeitungskapazität des Krankheitssystems und damit insbesondere der der Intensivmedizin anpassen muss.

          Zwei weitere Hauptrollen

          Was wird aus den anderen Funktionssystemen der Gesellschaft? Es ist offensichtlich, dass zwei weitere Hauptrollen verfügbar sind. Die eine fällt dem politischen System der Gesellschaft zu, das die in der Gesellschaft nur ihm eigene Fähigkeit zur Produktion kollektiv bindender Entscheidungen beiträgt. Es braucht in der Situation Verhaltensvorschriften, die für alle gelten, und es gibt kein anderes System, das diese Leistung zur Verfügung stellen könnte, als das politische System. Da die Zeit knapp ist, wird der Territorial- und Nationalstaat als Entscheidungsebene privilegiert, auf der die Praktiken des kollektiv bindenden Entscheidens am längsten und am verlässlichsten etabliert sind.

          Das ändert aber nichts daran, dass alle National- und Territorialstaaten ungefähr dieselben Entscheidungen treffen. Dafür sind zwei Gründe verantwortlich. Die politischen Entscheider treffen ihre Entscheidungen nicht aus eigenen Wissensvorräten heraus. Sie sind auf Berater angewiesen, die die Wissensvorräte des Krankheitssystems und des Wissenschaftssystems zur Verfügung stellen. Diese Wissensvorräte sind in diesem Fall von noch größerer Bedeutung als sonst, weil die betreffenden Politiker in diesem Entscheidungsbereich so gut wie nicht auf vergleichbare frühere Entscheidungen zurückblicken können. Es gibt also keine eigene Entscheidungstradition des politischen Systems. Die Berater aber, die die Akteure des politischen Systems heranziehen – Virologen, Epidemiologen etc. –, stützen sich nicht auf eine nationale Wissensgrundlage, sondern auf die Wissensdynamik in globalen wissenschaftlichen Gemeinschaften. Insofern sind auch die Ratschläge, die sie geben können, zwangsläufig durch das globale Forschungswissen bestimmt.

          Zusätzlich neigen die Politiker dazu, Entscheidungen von anderen Politikern in anderen Ländern zu kopieren. In allen Entscheidungen des politischen Systems aber ist ein Moment zu betonen: Es handelt sich um ein radikal simplifiziertes politisches System, das hier entscheidet, ein System, das eine extrem zugespitzte Hierarchie von Entscheidungsthemen kennt, eine Hierarchie, über die es selbst nicht entscheiden zu können glaubt und die es deshalb auch nicht dem demokratischen Diskurs zur Disposition stellen würde. Diese Hierarchie ist diktiert durch den Imperativ der Nichtüberlastung des Gesundheitssystems und dieser wiederum durch die Letztbedeutsamkeit der Gleichbehandlung und Lebenserhaltung des einzelnen Individuums. Das ist ein Imperativ, an dessen Verwirklichung die Politik scheitern kann, über den sie aber nicht zu disponieren imstande ist.

          Externe Entscheidungszwänge

          Die dritte Hauptrolle, die in der Corona-Krise noch verfügbar ist, fällt dem Wissenschaftssystem zu. Auch dieses wird durch die Krise extrem simplifiziert. Ein großer Teil der Operationen des Wissenschaftssystems findet nicht mehr statt oder eben nur privat statt, soweit Wissenschaft im Homeoffice ohne Bibliotheken und Labors betrieben werden kann. Aber zugleich richten sich auf die wissenschaftliche Erforschung des Virus und die Erforschung der Epidemie und die Suche nach Impfstoffen und Medikamenten weiter reichende Hoffnungen und Erwartungen, als sie sich mit irgendeiner anderen Handlungspraxis der modernen Gesellschaft verbinden. Auch in dieser Hinsicht ist erneut die Politik als Entscheider mit Forschungsaufträgen und Förderentscheidungen beteiligt, aber erneut trifft die Politik hier Entscheidungen, die aus der Sicht der Politik selbst weitgehend als durch externe Entscheidungszwänge bedingt scheinen.

          Es ist diese Trias von extrem eng geführten Funktionsbezügen, die seit Wochen unsere Lebensführung und unser Informationsverhalten fast vollständig bestimmt. Nie zuvor war unser Leben so einfach, und nie wieder, wenn die wenigen Wochen vorbei sind, um die es sich hier handeln kann, wird es so einfach sein. Die Metapher vom Krieg, in dem wir uns befänden, scheint wenig passend, weil der Krieg eher eine Steigerung der Inanspruchnahme aller Funktionssystembezüge mit sich bringt, während wir in dieser Krise auf der Gegenseite optieren: Ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens wird stillgestellt.

          Was bedeutet dies, und wie sieht es mit den anderen Funktionssystemen aus? Zunächst einmal liegt es nahe, ein weiteres Funktionssystem, die Massenmedien, in die Liste der „systemrelevanten“ Funktionssysteme aufzunehmen. Es muss schließlich berichtet werden, wie die Verhaltensvorschriften aussehen und welchen Erfolg die begonnenen Handlungen haben und wie die Krise an allen Orten und in allen Hinsichten verläuft. Diese Aufgabe fällt den Massenmedien und eigentlich nur diesen zu. Erst die Massenmedien machen die Krise zum konzentriertesten Weltereignis, das es je gab, seit das Erdbeben von Lissabon 1755 zum ersten Mal die Kommunikationen der Welt annähernd auf ein einziges Ereignis fokussierte. Die Massenmedien nehmen sich dieser Aufgabe mit der Ausschließlichkeit an, die auch an den anderen Funktionssystemen beobachtbar ist. Dabei ist die Digitalisierung der Massenmedien eine entscheidende Möglichkeitsbedingung.

          Die Nichtfortsetzbarkeit ist unübersehbar

          Fünftens gibt es Wirtschaft. Auch diese ist punktuell „systemrelevant“, weil sie Schutzmasken, Beatmungsgeräte und anderes medizinisches Material herstellt und die Individuen der Weltgesellschaft mit Nahrungsmitteln versorgt, aber viel auffälliger ist, dass die Wirtschaft, wie vielleicht nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, überwiegend eingestellt wird. An die Stelle der unablässigen Reproduktion von Wirtschaft durch im Wirtschaftssystem motivierte und in ihm stattfindende Zahlungen tritt die Reproduktion der Zahlungsfähigkeit der an Wirtschaft Beteiligten aus der Staatskasse. Die Größenordnungen sind unvorstellbar, die Nichtfortsetzbarkeit nach nur wenigen Wochen ist unübersehbar.

          Das Erziehungsgeschehen wird eingestellt oder – wie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen – in die ausschließliche Zuständigkeit der Familien zurückverlagert. Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen schließen, die Hochschulen schließen gleichfalls, nur planen diese, was Kindergärten und Schulen nicht können, eine Nahzukunft der Umstellung auf eine volldigitalisierte Lehre. In den Hochschulen, das ist unübersehbar, löst diese neue Situation punktuell sogar Enthusiasmus aus. Es bereitet sich hier ein gesellschaftliches Großexperiment vor, auf dessen Ausgang man gespannt sein darf.

          Die Religion als Verlierer der Krise

          Der Sport könnte sich als das Funktionssystem erweisen, das am vollständigsten stillgestellt wird. Zwar wird er als individuelles Jogging in die unter Bedingungen des Kontaktverbots noch zulässigen Praktiken integriert und in diesem Sinne auch als „systemrelevant“ akzeptiert. Aber der gesamte Wettkampfsport und jedes nichtindividuelle Training für den Wettkampfsport hört weltweit zu hundert Prozent auf. Das Sportsystem ist ein Körpersystem. Körperpraktiken sind hochgradig infektionsgefährdet. Sie sind auf Anwesenheit angewiesen und prinzipiell nicht digital substituierbar. Die Erfahrung wird in diesen Tagen lehren, dass e-Sport eben kein Sport ist, sondern ein System ganz anderen Typs. Parallel dazu gelingt den Massenmedien eine beeindruckende Leistung. Normalerweise hängen sie in hohem Grade von der Berichterstattung über sportliche Ereignisse ab. Auch nach mehreren Wochen Corona-Krise produzieren die Zeitungen immer noch täglich zwei bis drei Seiten „Sport“, eine Berichterstattung, die aber eigentlich nur über das Nichtstattfinden von Ereignissen berichtet.

          Das System der Kunst wird, soweit es auf „Performances“ und Anwesenheiten im Museum angewiesen ist, gleichfalls weitgehend sistiert. In einer Reihe von Fällen gibt es digitale Alternativen oder eine Komplementarität von Auftritt und digitalem Vertrieb. Bestimmend aber könnte für die Kunst sein, dass sie – weit stärker, als dies etwa für Wissenschaft der Fall ist – in privaten Räumen, Ateliers und Studios produziert wird. Insofern liegt in diesem Fall ein Rückzug auf den eigentlichen – gegenüber dem Krisengeschehen abgesicherten – Produktionsprozess nahe. Die Ergebnisse sind dann demnächst zu besichtigen.

          Das System der Religion könnte sich als der eigentliche Verlierer der Corona-Krise erweisen. Die enge soziale Verdichtung von Gläubigen, gestützt durch physische Anwesenheit aller Beteiligten, die für viele Formen von Religiosität charakteristisch ist, hat sich bereits in einer Reihe von Fällen als ein besonders virulenter Krisenherd erwiesen. Noch bedeutsamer dürfte sein, dass dem Anschein nach nirgendwo religiöse Deutungsvarianten des durch das Virus ausgelösten Krisengeschehens verfügbar sind und eine relevante Rolle spielen. Soweit unsere Reaktion auf die Corona-Krise durch den spezifisch modernen „Kult der Individualität“ bestimmt ist, ist das jedenfalls eine Form von Quasi-Religiosität, gegen die traditionelle, transzendenzorientierte Religiosität schwer zu kämpfen imstande ist. Und sie kann nicht mehr das Spiel spielen, das Geschehen als eine Strafe für Fehlhandeln zu deuten. Diese traditionelle Sinnressource war bereits beim Erdbeben von Lissabon verbraucht und ist den Jesuitenorden damals teuer zu stehen gekommen.

          In der Situation des Kontaktverbots scheint schließlich alles auf Intimbeziehungen und Familie als Funktionssystem zu verweisen. Das ist das System, das niemand stillstellen und temporär auflösen möchte, außer dass in den Besuchsverboten für alte und pflegebedürftige Familienmitglieder und für die Corona-Patienten selbst dann doch auch familiäre Verbindungen unterbrochen werden. Aber insgesamt werden familiäre Beziehungen als eine Basisschicht des Sozialen gedeutet, das zwar fixiert werden soll – man unterstellt auf riskante Weise Stabilität familiärer Beziehungen –, aber nicht sistiert werden darf. In diesem Fall wird das System nicht außer Kraft gesetzt, aber es wird als unrealistisch stabil gedacht, und auch das ist eine Prämisse, die nach wenigen Wochen immer problematischer werden wird.

          Das Bild der Gesellschaft, das wir probeweise in nur ganz wenigen Zügen skizziert haben, macht aber das Außergewöhnliche und die Riskanz des Sozialexperiments deutlich. Die Gesellschaft wird nicht lange stillhalten. Wenn die Funktionssysteme wieder in ihre Dynamik zurückkehren, ist dies nicht nur ein Wiederanlassen von etwas, das, wie eine temporär ausgeschaltete Maschine, seine Normaloperationen wiederaufnimmt. Es ist immer auch ein Neubeginn: Ist die wissenschaftliche Fragestellung weiterhin relevant? Gelten für Handelsabkommen dieselben Prämissen wie vor der Krise? Kann man sich von geplanten Filmthemen dieselbe Faszination erwarten wie noch vor wenigen Wochen? Alles könnte auch anders sein – und das ist für alle Beteiligten Risiko und Chance. Einen solchen Neustart aller Funktionssysteme hat es in der Geschichte der Moderne (Ausnahme sind vielleicht die beiden Weltkriege) so noch nicht gegeben. Es wird Strukturbrüche geben, aber wir wissen nicht welche.

          Der Autor lehrt Soziologie an der Universität Bonn.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Die digitale F.A.Z.

          Zur kompletten Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen

          Unterstützung für Fauci in Rockport, Massachussetts

          Trump-Berater Fauci : Immun gegen Absetzungsversuche?

          Amerikas oberster Immunologe Anthony Fauci war Donald Trump schon lange lästig. Mehrmals versuchte der Präsident, seinen Berater loszuwerden. Doch der lässt sich nicht mürbe machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.
          Zugang zu allen F+Artikeln