https://www.faz.net/-gqz-8o43i

Schreiben „Amoris laetitia“ : Zweifelnde Kardinäle bald ohne Kardinalstitel?

  • -Aktualisiert am

Die Pforte zu und viele Fragen offen: Papst Franziskus schließt am 20. November die Heilige Pforte des Petersdoms in Rom. Bild: AP

Vier Kardinäle haben Fragen zum päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“. Gegen sie wird eine eindrucksvolle Drohkulisse errichtet, während sich Franziskus in Schweigen hüllt. Ein Gastbeitrag.

          Der Ton wird rauher. Sind die Kardinäle, die an den Papst eine offizielle Klärungsbitte in Sachen kirchlicher Ehemoral gerichtet haben, „Abtrünnige“? Haben diese Kardinäle mit ihrer Anfrage etwas getan, das sich für „keinen katholischen Christen“ gehöre? Müssen sie daran erinnert werden, dass der Papst frei ist, „Kardinäle zu ernennen und abzuberufen“?

          Die eindrucksvolle Drohkulisse, die der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller hier aufbaut, steht beispielhaft für die sich immer weiter zuspitzende Debatte um das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“, das sich in entscheidenden Passagen so oder genau gegenteilig verstehen lässt. Auch Schüller räumt im Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ denn auch ein, dass der Papst mittelfristig besser beraten wäre, „wenn er klarere Regeln für all die vielen Katholiken aufstellen würde, die - wie es kirchenamtlich so schön heißt - in irregulären Situationen leben“. Nichts anderes erbitten die vier Kardinäle, die von Schüller als illoyal abgestraft werden.

          Die klare Sprache ist seine Sache nicht

          Bei der „dubia“ (Zweifel) genannten, formalisierten Klärungsbitte, die die Kardinäle Brandmüller, Meißner, Burke und Caffarra an den Papst richteten, handelt es sich um Auslegungszweifel, „Amoris laetitia“ betreffend. Hat Franziskus darin die auf Heilige Schrift (Mk 10,2-12) und Tradition gegründete Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe sowie die Praxis, wiederverheiratet Geschiedene nicht zu den Sakramenten zuzulassen, relativiert oder nicht? Eben weil dies aus dem Schreiben selbst nicht klar hervorgeht und weltweit für sich widersprechende Deutungen sorgt, bitten die vier Kardinäle den Papst um Klärung.

          In sachlichem Ton bringen sie ihre insgesamt fünf „dubia“ vor, wobei die folgenden drei zentral sind: Haben die Bestimmungen der Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ (1981), „Veritatis splendor“ (1993) und „Sacramentum caritatis“ (2007) zum Sakramentenempfang für wiederverheiratet Geschiedene, die wie Eheleute (more uxorio) zusammenleben, weiterhin ihre Gültigkeit - oder können die betroffenen Personen jetzt das Bußsakrament und das Sakrament der Eucharistie empfangen? Betrachtet „Amoris laetitia“ den Ehebruch noch wie die genannten Lehrschreiben als „in sich schlechte“ Handlung? Oder hängt die Frage, ob eine Handlung Ehebruch ist, nun von den Umständen ab? Die „dubia“ der Kardinäle sind so formuliert, dass sie mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten wären. Franziskus hat entschieden, dies nicht zu tun. Die klare lehrmäßige Sprache war seine Sache bislang auch nicht.

          Das würde der barmherzige Papst nie tun

          Die Kardinäle machten ihre „dubia“ öffentlich, nachdem sie auch nach Wochen keine Antwort des Papstes erhalten hatten. Keine Frage, sie durchkreuzen damit die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten, die Franziskus offensichtlich im Sinn hat, aber aus seinem Text nicht zwingend hervorgeht. Er lässt sich eben auch gegenteilig verstehen. In der Zulassungsfrage hatte es auf der außerordentlichen Bischofssynode zu Ehe und Familie keine qualifizierte Mehrheit gegeben, so dass die nachfolgende ordentliche Bischofssynode beschloss, die Sache weiter zu prüfen.

          Es überrascht daher, dass der Jesuit Antonio Spadaro, einer der engsten Vertrauten des Papstes, den vier Kardinälen vorwirft zu spalten. Schweres Geschütz fahren selbst hochrangige kirchliche Würdenträger auf. So belegt der Neokardinal Erzbischof W. Tobin von Newark seine Amtsbrüder mit dem Vorwurf der Häresie (Irrlehre), übersieht dabei in seinem Übereifer allerdings, dass Fragen, auch solche an ein päpstliches Lehrschreiben, gar nicht häresiefähig sind. Im nächsten Schritt nennt der Dekan des Ehegerichts der „Rota Romana“, Kurienerzbischof Pio Vinto Pinto, die Veröffentlichung der „dubia“ einen unerhörten Skandal und erklärt nebenbei, der Papst könne den vier Kardinälen, wenn er wolle, die Kardinalswürde entziehen, um dann wenig später eher gönnerhaft zu versichern, dass dies natürlich nicht als Drohung zu verstehen sei, denn Franziskus sei barmherzig und werde niemandem die Kardinalswürde nehmen, vielmehr bete er für die Umkehr der Kardinäle.

          Die Lehrfragen werden pragmatisch entschieden

          Unterdessen fordert Kardinal Müller, Chef der Glaubenskongregation, im Interview mit kath.press eine Versachlichung der Debatte. Bemerkenswert an seiner Einlassung zum Streit um „Amoris laetitia“ ist der Hinweis, dass das Schreiben nicht so interpretiert werden dürfe, als ob frühere Aussagen der Päpste ungültig seien. „Amoris laetitia“ lasse sich auch nicht gegen die negative Antwort auslegen, die die Glaubenskongregation 1994 auf das Hirtenschreiben der Bischöfe von Freiburg, Mainz und Rottenburg-Stuttgart zum Kommunionempfang von Katholiken in einer kirchlich nicht anerkannten Ehe gegeben hatte.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Aber Müllers Votum ist nicht päpstlich beauftragt. So werden, da letztverbindliche normative Klarheit ausbleibt, die Lehrfragen pragmatisch entschieden. Während etwa der Erzbischof von Philadelphia die Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene weiterhin ausschließt, wird sie nur eine Flugstunde entfernt durch den Erzbischof von Chicago ermöglicht. Aus anderen Teilen der katholischen Weltkirche, etwa Italien, Polen oder Deutschland, zeigen sich dieselben Diversifizierungen. Episkopat und Kardinalskollegium sind in der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene gespalten, sie waren es während der beiden Bischofssynoden und sind es auch danach.

          Türöffner zur Revision der Sexualmoral

          Der neuralgische Punkt im Streit um „Amoris laetitia“ ist die Lehre vom sakramentalen Eheband. Denn solange man daran festhält, kann die Verbindung von wiederverheiratet Geschiedenen keine gültige Ehe im kirchlichen Sinne sein. Einige katholische Theologen fordern daher, sich vom bisherigen Konzept des sakramentalen Ehebandes zu verabschieden. Wenn eine Ehe zerrüttet sei, höre auch das sakramentale Eheband auf zu existieren, das die Ehepartner verbindet. Wo aber kein Eheband mehr existiert, kann eine neue Ehe geschlossen und auch gesegnet werden, wie dies in den Kirchen der Orthodoxie geschieht, die eine der römischen Tradition vergleichbare Lehre des sakramentalen Ehebandes nicht kennen. Doch wie lässt sich die orthodoxe Praxis der Ehescheidung und mehrfachen Wiederheirat mit Jesu Wort von der Unauflöslichkeit der Ehe vereinbaren?

          Am Ende geht es um die Frage, wie die katholische Kirche mit der Pluralität sexueller Verbindungen umgehen will, sei es die sogenannte „wilde Ehe“, die Zivilehe ohne kirchliche Trauung, die Wiederheirat nach Scheidung oder eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft. Für liberale Bischöfe und Theologen ist die Frage der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene ein Türöffner zur Revision der katholischen Sexualmoral insgesamt. Denn gibt man in ihrem Bindungsanspruch erst einmal die traditionelle Lehre auf, die als Ort gelebter Sexualität ausschließlich die gültige Ehe von Mann und Frau vorsieht, könnte die katholische Kirche wie die evangelische auch eheähnlichen Verhältnissen ihren Segen geben, einschließlich gottesdienstlicher Segensfeiern. Mit der Debatte um „Amoris laetitia“ erleben wir weit mehr als einen kirchenpolitischen Parteienstreit. Dies ist der Grund, warum sie mit solcher Vehemenz geführt wird.

          Weitere Themen

          Geschossen wird auf alle

          FAZ Plus Artikel: Hanna Kralls Schoa-Roman : Geschossen wird auf alle

          Ihr einziger Roman, „Die Untermieterin“, gilt als Meilenstein der literarischen Thematisierung der Schoa: Hanna Krall fand dafür Metaphern und Lebenswelten im Gespräch mit dem führenden Kopf des Aufstands im Warschauer Getto. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Der Roland neben dem Alten Rathaus in Bremen: Gerade verhandeln SPD, Grüne und Linke über eine Koalition.

          Teures Wohnen : Kommt der Mietendeckel auch in Bremen?

          Die deutsche Hauptstadt bekommt in wenigen Tagen ein neues Gesetz gegen steigende Mieten. Das Beispiel macht offenbar Schule – auch andere deutsche Städte planen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.